Wirtschaft

Aus «Biopiraten» werden Entwicklungshelfer

Von Erika Burri. Aktualisiert am 23.05.2011 9 Kommentare

Wer exotische Pflanzen nutzen und vermarkten will, muss künftig den Herkunftsländern etwas vom Profit abgeben. Betroffen davon sind auch Schweizer Grosskonzerne.

Gerechte Aufteilung des Gewinns: Südafrika wehrt sich gegen die Patentvergabe für die Nutzung der Rooibos-Pflanze an Nestlé.

Gerechte Aufteilung des Gewinns: Südafrika wehrt sich gegen die Patentvergabe für die Nutzung der Rooibos-Pflanze an Nestlé.
Bild: Reuters

Nagoya-Protokoll

Zum Erhalt der Biodiversität

Das Nagoya-Protokoll ist seit letztem Herbst Bestandteil der Biodiversitätskonvention, die an der Umweltkonferenz der UNO in Rio de Janeiro 1992 gleichzeitig mit der Klimakonvention verabschiedet wurde. Die Konvention soll dazu beitragen, dass die Schätze der Natur bewahrt, aber auch genutzt werden können. Wie die Nutzung von genetischen Ressourcen und der Profit daraus geregelt und gerecht verteilt werden, steht in den Grundzügen im Nagoya-Protokoll. Botschafter Franz Perrez hat dieses Protokoll am 11. Mai in New York für die Schweiz unterschrieben. Danach muss es das Parlament ratifizieren. Sobald 50 Staaten das Protokoll unterzeichnet und ratifiziert haben, tritt es in Kraft. Das Nagoya-Protokoll definiert die einzelnen Etappen des «Access and Benefit Sharing», also den Zugang zu den Ressourcen und den Vorteilsausgleich. So müssen interessierte Nutzer einer Pflanze an das Bezugsland ein Gesuch stellen. Das Bezugsland muss vor der Zustimmung die lokale Bevölkerung informieren und deren Einverständnis einholen. Erst dann kann ein Vertrag abgeschlossen werden und abgemacht werden, wie Land und Einwohner bei anfallenden Gewinnen entschädigt werden. Information- und Kontrollstellen sind vorgesehen. (ber)

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Das Geschäftsmodell ist verlockend. Man mache eine Reise um die Welt, spreche mit Medizinmännern und Bauern, nehme ein paar Pflanzen mit nach Hause und vermarkte sie hierzulande als Saatgut oder als Medikament, je nachdem synthetisch nachgebaut. Die Entdeckung des Erdöls und die enormen Fortschritte in der chemischen Industrie im 19. Jahrhundert machten es möglich. Doch diejenigen, die die Pflanze entdeckten, kultivierten und das Wissen über sie über Generationen weitervererbten, hatten vom Erfolg nichts.

Aspirin ist so ein Fall. Schon im Jahr 500 vor Christus benutzten die Chinesen die Weidenrinde, um Schmerzen zu stillen. Dem Chemiker Felix Hoffmann gelang es, die Substanz Salacin zu entschlüsseln, nachzubauen und zu verfeinern. Daraus entstand Acetylsalicylsäure, die der Pharmakonzern Bayer 1887 patentieren liess und unter dem Namen Aspirin verkauft. Aspirin gilt als das erfolgreichste rezeptfreie Medikament mit einem Jahresumsatz von über einer halben Milliarde Euro. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind auch heute noch Heilpflanzen zu 70 Prozent das Ausgangsmaterial für moderne Medikamente.

Beide Seiten sollen profitieren

Und so machten sich Pharmakonzerne, aber auch Lebensmittelmultis und Agrokonzerne auf die Suche nach Organismen mit besonderen Eigenschaften, die allen Menschen dienen sollen, allerdings unter ihrer Aufsicht. Sie taten dies zunehmend unverschämter, meldeten Patente auf Substanzen an, die nicht aus ihrem Labor kamen, sondern aus den Wäldern und Feldern des Südens. Der Agrokonzern Syngenta hat es laut der Erklärung von Bern auf die Spitze getrieben, indem er versuchte, Gensequenzen von bereits existierenden asiatischen Reissorten patentieren zu lassen. Er wollte sie so an sich binden. Die Anträge wurden abgewiesen. Vorwürfe wie diese sorgten dafür, dass der Übername «Biopiraten» an Firmen mit solchen Vorhaben kleben blieb wie Reis am Stäbchen.

Wer exotische Pflanzen nutzen will, muss künftig die Ursprungsländer und indigenen Volksgruppen an ihrem Erfolg teilhaben lassen. Die Schweiz unterschrieb am 11. Mai in New York das sogenannte Nagoya-Protokoll über den Zugang zu genetischen Ressourcen und die gerechte Aufteilung des Gewinns. Davon sollen beide Seiten profitieren: die artenreichen, meist armen Länder des Südens und die Industrie. Der Vorteil für Letztere: Das Abkommen verschafft freien Zugang zu allen möglichen Pflanzen. Zudem soll Rechtssicherheit geschaffen werden. Gegen Billigkopisten haben die Firmen ein griffiges Instrument in der Hand. Im Protokoll ist festgeschrieben, dass die Parteien einen Vertrag abschliessen müssen. Am Verhandlungstisch sollen nicht nur Staatssekretäre, sondern auch Vertreter von indigenen Gruppen sitzen, die Erben des Wissens um eine Pflanze. Wie genau geteilt wird, ist den Vertragsparteien überlassen. Es muss nicht zwingend Geld fliessen. Auch immaterielle Werte wie Forschungsergebnisse oder die Teilhabe an moderner Biotechnologie können weitergegeben werden. Die ärmeren Länder des Südens erhalten also eine Art Entwicklungshilfe.

Teilen statt stehlen

Im Gegenzug schützen sie die Artenvielfalt und sorgen dafür, dass nicht noch mehr Organismen aussterben. Noch haben nur wenige Firmen Erfahrung mit einem solchen «Access and Benefit Sharing», wie die Win-win-Situation auf Neudeutsch heisst. Novartis gehört zu ihnen. Während die meisten Pharmafirmen die systematische Suche nach Wirkstoffen aus Heilpflanzen eingestellt haben, sucht Novartis weiterhin nach natürlichen Rohstoffen für Medikamente. Seit 15 Jahren arbeitet die Firma mit südostasiatischen Partnern zusammen. Mit thailändischen Wissenschaftlern zum Beispiel. Mit ihnen hat Novartis einen Kollaborationsvertrag, Geld als Abgeltung fliesst keines. Dafür immaterielle Unterstützung: Vor Ort hat der Pharmariese geholfen, ein Kompetenzzentrum aufzubauen.

«Jeder Vertrag muss als Sonderfall angesehen werden», sagt Marcel Sennhauser von der SGCI Chemie Pharma Schweiz mit rund 250 Mitgliedern, darunter auch alle vom Abkommen betroffenen Grosskonzerne. Bei der SGCI schätzen Experten, dass sich finanzielle Beteiligungen zum Beispiel für erfolgreiche Medikamente im tiefen einstelligen Prozentbereich bewegen werden. Angenommen, Bayer müsste für Aspirin einem chinesischen Volksstamm 2 Prozent des Umsatzes abliefern, wären das zurzeit über 10 Millionen Euro im Jahr. Sowohl Novartis als auch Sygenta sind bereit zu teilen. Sorgen bereiten ihnen mögliche bürokratische Hürden. Nach Annahme des Protokolls wird jedes Land Anlauf- und Kontrollstellen schaffen. Innovation dürfe nicht auf der Strecke bleiben, sagt Dominique Zygmont von Syngenta. Schliesslich habe die Welt 2050 rund 9 Milliarden Menschen zu ernähren. «Die Landwirtschaft steht vor grossen Herausforderungen.»

Die «Rooibos-Piraten»

Nestlé begrüsst das Abkommen. Auch der Nahrungsmittelkonzern schrieb als «Biopirat» Geschichte: Nestlé, zu knapp einem Drittel am Kosmetikunternehmen L’Oréal beteiligt, hat vier Patente für die Anwendung von Rooibos in Cremen und Shampoos eingereicht. Rooibos wächst nur in Südafrika und hilft bei Hautproblemen – das wissen die San, ein Volksstamm, schon längst. Gegen die Patentvergabe hat sich Südafrika erfolgreich gewehrt. Nestlé hätte nach dortigem Recht gar nicht im Ausland mit der Pflanze Forschung betreiben dürfen.

Nestlé dagegen besteht darauf, nichts Illegales getan zu haben. Schliesslich hätten südafrikanische Gesetze ausserhalb des Landes keine Gültigkeit. Mit der Unterzeichnung des Nagoya-Protokolls können die Herkunftsländer mitbestimmen, was mit einer Pflanze geschehen soll. An Roiboos zumindest wird Nestlé nur weiterforschen können, wenn Südafrika einverstanden ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2011, 22:06 Uhr

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9 Kommentare

Gero Rubli

23.05.2011, 09:18 Uhr
Melden 3 Empfehlung

"An Roiboos zumindest wird Nestlé nur weiterforschen können, wenn Südafrika einverstanden ist." Solche Regelungen sind leider nur zum Schaden aller und werden dazu führen, dass weniger geforscht wird. Das gesammelte westliche Wissen steht der Welt gratis zur Verfügung, warum soll das umgekehrt nicht mehr so sein? Antworten


Urs Brunner

23.05.2011, 09:33 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Die Idee ist gut, die Frage ist allerdings, wer davon profitiert. Wahrscheinlich eher nicht die Ureinwohner mit dem Wissen über die Pflanzen, sondern nur die betreffenden Regierungen. Antworten



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