Bisher mit einem blauen Auge davongekommen

Die Aufwertung des Frankens nimmt die Mehrheit nicht als Nachteil wahr.

Thomas Jordan begründet am 15. Januar 2015 die Aufhebung des Euromindestkurses. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Thomas Jordan begründet am 15. Januar 2015 die Aufhebung des Euromindestkurses. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Es war mit dem Schlimmsten zu rechnen, als heute vor einem Jahr um 10.30 Uhr die Schweizerische Nationalbank für alle völlig überraschend die Untergrenze des Euro-Franken-Kurses aufgehoben hat. Unmittelbar nach dem Entscheid gerieten die Devisenmärkte vollkommen aus den Fugen. Der Preis des Euro sackte sogleich von 1.20 Franken auf 86 Rappen ab. Doch diese Extremaufwertung hielt nur kurz an. Die Angst um die Schweizer Wirtschaft hingegen ist seither nicht mehr gewichen. Seit Mitte August schwankt der Preis der Gemeinschaftswährung zwischen 1.08 und 1.09 Franken. Damit ist der Franken noch immer deutlich zu teuer. Ein Wechselkurs auf einem solchen Niveau würde der Schweiz eine Rezession bescheren und die Arbeitslosigkeit in die Höhe schiessen lassen, so die allgemeine Überzeugung.

Die meisten profitieren

Doch bisher hat die drastische Aufwertung des Frankens unter dem Strich der Bevölkerung wahrscheinlich mehr genützt als geschadet. Die grössten «Demonstrationen» im Zusammenhang mit der Frankenaufwertung waren die Grossansammlungen von Schweizer Einkaufstouristen im nahen Ausland. Bei allen Debatten über die Opfer des teuren Frankens geht vergessen, dass sich die Gewinner zahlenmässig bisher in der deutlichen Mehrheit befinden: Ein gegenüber anderen Währungen stärkerer Franken erhöht die Löhne und Vermögen der Inländer: Erstens werden alle Einkäufe und Aufenthalte für Schweizer im Ausland billiger, zweitens verbleibt den Schweizern wegen dieser Einsparung auch mehr Geld für Ausgaben in der Schweiz.

Das alles hätte wenig Bedeutung, wenn die Katastrophe eingetreten wäre, die viele vor einem Jahr prophezeit hatten: Eine höhere Kaufkraft des Geldes nützt wenig, wenn man den Job verloren hat und keinen regulären Lohn mehr erhält. Doch zum Glück haben sich die Prognosen zur Reaktion der Schweizer Wirtschaft auf die Verteuerung des Frankens bisher als viel zu pessimistisch herausgestellt. Die Schweizer Wirtschaft ist nie in eine Rezession gerutscht, wie das einige Ökonomen vorausgesagt haben. Auch zu einem Verlust von bis zu 40 000 Jobs ist es nicht gekommen. Auch das wurde prognostiziert.

Das alles bedeutet nicht, dass der teure Franken keine Opfer gefordert hätte, geschweige denn, dass nicht noch weitere dazukommen werden. So stieg laut offizieller Statistik die Arbeitslosigkeit vom Dezember 2014 bis zum Dezember 2015 um 11 260 Personen an. Ökonomen der Credit Suisse schätzen den Anteil der verlorenen Arbeitsplätze, der direkt auf die Frankenaufwertung zurückgeht, auf 10'000. Für viele der Betroffenen sind damit zweifellos schwierige persönliche Umstände verbunden. Gemessen an der gesamten Schweizer Wirtschaft kann man dennoch nicht von einer Katastrophe sprechen. Die Arbeitslosenquote hat sich innert Jahresfrist nur um 0,3 Prozentpunkte auf 3,7 Prozent erhöht. Allein der saisonale Einfluss zwischen November und Dezember erhöht die Arbeitslosigkeit jährlich um 10'000 Personen. Etwas plakativ könnte man sagen, der Frankenschock hatte bisher etwa die gleiche Wirkung auf den Arbeitsmarkt wie der jährliche Kälteeinbruch.

Das Risiko bleibt hoch

Rückt man von einer solchen Gesamtbetrachtung allerdings ab, ergeben sich andere Bilder. Vor allem die Exportindustrie und der Tourismus sind mit der Frankenaufwertung unter gehörigen Druck geraten, ebenso der Detailhandel. Hier und bei vielen Schweizer Produzenten zeigt sich auch die Kehrseite des Einkaufstourismus und der billigeren Reisen ins Ausland. In diesen Branchen konzentrieren sich die Stellenverluste. Dass es nicht schlimmer gekommen ist, liegt einerseits an der Ausrichtung der Schweizer Exporte auf Produkte von hoher Qualität und Komplexität und auf Luxusgüter. Hier spielen die Preise für die Kunden eine geringere Rolle als bei Massenware. Dennoch können viele Unternehmen sich nur durch Verzicht auf Margen oder durch das Zehren von der Substanz über Wasser halten und auf einen Jobabbau verzichten. Das alleine macht deutlich, dass es für eine Entwarnung in Sachen Frankenstärke zu früh ist.

Die Gewinner der Aufwertung sind bisher klar in der Überzahl.

So besteht die Gefahr, dass viele Unternehmen noch das Handtuch werfen müssen. Dies ist vor allem zu befürchten, wenn sich wieder gewachsene Ängste bewahrheiten und die Weltwirtschaft sich deutlich schlechter entwickelt, als bisher erwartet wird. Dann ist das Risiko gross, dass auch die Binnenwirtschaft einbricht. An ihr hing bisher vor allem das bescheidene Wachstum der Schweizer Wirtschaft. Euphorisch sind die Erwartungen für die Weltwirtschaft ohnehin nicht.

Auf die Nationalbank bezogen gilt daher das gleiche Fazit wie vor einem Jahr: Es bleibt ihr nur das Prinzip Hoffnung, denn ihre Möglichkeiten zu einer Schwächung des Frankens und zur Anschubhilfe der Schweizer Wirtschaft bleiben ausgeschöpft. Bisher hatte sie und das Land im Verhältnis zum Erwarteten viel Glück. Selbst auf den Devisenmärkten blieb ein anhaltender Aufwertungsschub wie vor der Aufgabe der Untergrenze aus. Es gibt aber keine Garantie, dass sich das relative Glück des letzten Jahres auch 2016 wiederholt.

(Erstellt: 14.01.2016, 22:26 Uhr)

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