Wirtschaft

Boni widerstehen der Schwerkraft

Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 18.11.2010 8 Kommentare

An der Wallstreet langen die Banker wieder kräftig zu. Ihre Boni dürften dieses Jahr sogar stärker steigen als die Gewinne.

New York Stock Exchange: Wer an der Wallstreet arbeitet, kann wieder auf eine gut gefüllte Lohntüte hoffen.
Bild: Keystone

Die Finanzbranche sollte mindestens 5 Prozent höhere Boni auszahlen als 2009, obwohl der Umsatz nur 3 Prozent steigt und die Gewinne sinken dürften. «Ich habe die Widerstandskraft der Branche unterschätzt», so Lohnexperte Alan Johnson gestützt auf seine umfassende Erhebung bei den Wallstreet-Banken. «Es kommt unerwartet, dass sich die Bezüge in diesem Umfang erholen.» Während also die Löhne für eine überwiegende Mehrheit der Amerikaner seit langem stagnieren und real sinken, kennen die Banker keine Rezession.

Bestätigt wird der Trend vom New Yorker Finanzchef Thomas DiNapoli. Aus dem stark defizitären Budget, das er diese Woche vorstellte, ragen die Banken hervor. Sie zahlen dieses Jahr 10,7 Milliarden Dollar Steuern, 7 Milliarden weniger als 2009. Trotzdem sollen die individuellen Boni um 10 Prozent zulegen, da der Topf unter weniger Beschäftigten aufgeteilt werden muss.

Wirkungslose Vorschriften

Die Diskrepanz zwischen sinkenden Erträgen und Steuern und steigenden Salären ist der insulären Kultur an der Wallstreet zuzuschreiben, die es der Finanzindustrie erlaubt, weitgehend abgeschottet und nach eigenen Regeln zu funktionieren. Sie profitierte letztes Jahr von enormen Staatszuschüssen sowie noch immer von Gratismitteln der Notenbank, ohne dafür die Kreditschleusen zu öffnen. Die Banken äufnen dafür die eigenen Reserven und füllen die Lohntüten. Die Finanzbranche sei noch immer vorwiegend am eigenen Wohlbefinden interessiert, sagt Charles Elson, Chef des Weinberg Center for Corporate Governance. «Exorbitante Entschädigungen haben so lange Bestand, als der Fokus nicht auf den langfristigen Aktionärsinteressen liegt.»

Grosszügigkeit in eigener Sache ist auch nach Abflauen der schwersten Finanzkrise in 50 Jahren ein dominierender Charakterzug der Branche geblieben, wie eine Erhebung des «Wall Street Journal» bei 35 Finanzinstituten zeigt. Sie wollen in diesem Jahr 144 Milliarden Dollar an Löhnen, Boni und Gewinnanteilen ausrichten, 4 Prozent mehr als letztes Jahr. Dabei öffnet sich die Schere zwischen Löhnen und Profiten noch stärker. Während die Gewinne seit 2006 um 20 Prozent absackten, wurden die Lohnpakete um 23 Prozent dicker. Es zeigt sich auch, dass die Boni zwar noch nicht an die Boomjahre herangekommen sind, die Banken diese Lücke aber mit dem Grundgehalt und anderen Beteiligungen gefüllt haben. Hinzu kommt, dass die Lohnsumme heute auf weniger Köpfe verteilt werden muss. Allein zwischen Mitte 2008 und Ende 2009 verloren in New York 170'000 meist hoch qualifizierte Arbeitskräfte die Stelle, davon waren 44 Prozent an der Wallstreet beschäftigt. Profitieren werden hauptsächlich Topkader, und zwar, weil sie seit 2008 keinen oder einen geringen Bonus bezogen und diese Lücke wettmachen möchten.

Durchschnittslohn 31'000 Dollar pro Monat

Angetrieben wird die Lohnspirale perfiderweise durch die Finanzmarktreform. Zwar sieht sie eine stärkere Anbindung der Boni an langfristige Zielvorgaben vor. Doch bleiben diese Bestimmungen vage; sie drohen gar, von den Republikanern rückgängig gemacht zu werden. Wegen der Reform mussten die Investmentbanken zudem ihren Eigenhandel stilllegen, worauf die besten Händler zu Hedgefonds abwanderten. Um diese Händler, die teilweise Dutzende Millionen Dollar kassieren, ist ein heftiger Abwerbungskampf im Gang, der wiederum die Löhne und Boni antreibt.

2010 hat sich die Wallstreet noch weiter von der Mainstreet entfernt. New Yorker Banker kassieren pro Monat im Schnitt fast 31'000 Dollar, über das Dreifache dessen, was andere Branchen in Manhattan bieten, und zehnmal mehr als Angestellte des Restaurationsgewerbes und des Gesundheitswesens. Im ärmsten Stadtteil von New York, der Bronx, liegen die Saläre bei 3000 Dollar, etwas tiefer als vor einem Jahr und real noch weit tiefer als 2000, als sich die Einkommensschere zwischen den Banken und mit Ausnahme der Hightechindustrie – fast allen anderen Branchen zu öffnen begann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2010, 23:36 Uhr

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8 Kommentare

heiner lauter

18.11.2010, 08:35 Uhr
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die banker tun sich keinen gefallen damit, zügellos schanzen sie sich gegenseitig noch mehr geld zu, ein teil der boni sollte auf ein sperrkonto gezahlt werden, damit können sie sich beim nächsten kollaps selber aus dem sumpf ziehen, wenn sie mit ihrem eigenen geld bezahlen müssen, werden sie weniger risiko eingehen. das modell viel risiko aber keine haftung bei misslingen ist einfach unmöglich! Antworten


Urs Brock

18.11.2010, 06:22 Uhr
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Da wird stets von den Banken geredet. Die Banken agieren aber nicht selbstständig. Wäre mal interessant zu wissen wer den für die Entscheidungen verantwortlich ist bzw. wer davon am meisten profitiert. Die Mrd. Beträge an Löhnen und Boni für einmal aussen vor gelassen. Nur die CEO's alleine können das ja wohl auch nicht sein. Oder? Also, wer steckt dahinter? Antworten



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