Wirtschaft

Bullenpeitsche trifft Deutschland

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 16.08.2011 19 Kommentare

Jetzt ist auch die deutsche Wirtschaft zum Stillstand gekommen. Schuld daran sind die weltweiten Supply Chains. Sie sorgen für grosse Volatilität, besonders in Exportländern.

Hier nimmt man die jüngste Entwicklung der deutschen Wirtschaft mit Sorgen zur Kenntnis: Finanzzentrum Frankfurt.

Hier nimmt man die jüngste Entwicklung der deutschen Wirtschaft mit Sorgen zur Kenntnis: Finanzzentrum Frankfurt.
Bild: Keystone

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In den letzten beiden Jahren war Deutschland wieder die alte Konjunkturlokomotive Europas. Jetzt ist der Dampf draussen: Im zweiten Quartal ist das Wirtschaftswachstum eingebrochen und beträgt bloss noch 0,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Mit einem Abkühlen war allgemein gerechnet worden, doch die Prognosen lagen bei 0,3 Prozent. Ist der deutsche Boom bereits vorbei?

Ein Abschmieren der deutschen Wirtschaft ist so ziemlich das Letzte, das die Weltwirtschaft derzeit gebrauchen kann. Die USA sind bereits am Rand einer Rezession, Grossbritannien stagniert, und das bisher verhältnismässig gute Durchschnittswachstum von Euroland erweist sich jetzt als eine Illusion. Es wurde primär durch den deutschen Boom nach oben gedrückt.

Stimmung hat umgeschlagen

Bisher war die deutsche Wirtschaft in Fahrt und die Stimmung im Hoch. Die Arbeitslosenzahlen nahmen ab, die Steuereinnahmen zu. Gestritten wurde über eine geplante Steuersenkung der schwarz-gelben Regierung. Das könnte sich rasch ändern. Nicht nur das Wachstum stagniert, auch die Stimmung hat umgeschlagen. Der IFO-Index, ein wichtiges Stimmungsbarometer, ist im Juni stark gefallen. Die Unternehmen haben Angst, dass die Exporte einbrechen.

Die Angst ist mehr als berechtigt. «Deutschland ist derart abhängig vom Welthandel, dass sich die kleinste Verunsicherung auswirkt», sagt Eric Chaney, Chefökonom des Versicherers Axa, gegenüber der «New York Times». «Das macht die Erholung so fragil. Sie hängt ab von der guten Gesundheit des Rests der Welt.»

Nicht mehr Herr über das eigene Schicksal

Warum ist gerade Deutschland derart anfällig auf die Zyklen der Weltwirtschaft geworden? Schuld daran ist die Entwicklung der globalisierten Wirtschaft. Sie wird von sogenannten Supply Chains beherrscht, Wertschöpfungsketten, die sich rund um den Planeten spannen. Sie haben dazu geführt, dass die Nationen nicht mehr Herr über ihr eigenes Schicksal sind. «Es ist ein Produktionssystem, das weder von einem Unternehmen noch einem Land kontrolliert wird», stellt Barry C. Lynn in seinem Buch «The End of the Line» fest. «Im Gegenteil, es ist ein System, in dem alle daran beteiligten Nationen ihre Technologie, ihr Kapital und ihre Arbeitskräfte zusammenlegen und alle ihre Produkte erhalten.»

Die Autoindustrie ist ein typisches Beispiel für eine lange Supply Chain. Im ersten Werk von Henry Ford wurden vorne Eisen und Holz angeliefert, und hinten kamen fertige T-Modelle heraus. Die Wertschöpfungskette war vertikal integriert, will heissen: Alles wurde am gleichen Ort und mit den eigenen Mitarbeitern gemacht. In einem modernen Autowerk hingegen werden die einzelnen Module aus der ganzen Welt angeliefert und «just in time» zusammengesetzt.

Streit um Steuersenkungen sparen

Die Umstellung auf globale Supply Chains hat die Effizienz der Wirtschaft gewaltig erhöht und ermöglicht, dass wir heute hochwertige Güter zu Spottpreisen kaufen können. Es hat jedoch das System als Ganzes anfälliger und volatiler gemacht. Das gilt auch für die deutsche Autoindustrie, die einen Löwenanteil der Exporte ausmacht.

Ein Unterbruch der Kette wirkt sofort. Um es mit einem Vergleich auszudrücken: Die Supply Chains wirken auf die Weltwirtschaft wie eine Bullenpeitsche. Eine kleine Bewegung mit dem Handgelenk hat auf alle, die es trifft, sehr schmerzhafte Auswirkungen.

«Dieser Bullenpeitschen-Effekt macht die Exportabhängigkeit für Exportländer sehr gefährlich», stellt John Mauldin in seinem Buch «The Endgame» fest. Ist Deutschland jetzt wieder das Opfer dieses Bullenpeitschen-Effekts? Denkbar ist es. Nach dem Lehman-Kollaps im Herbst 2008 ist die deutsche Wirtschaft mehr als sechs Prozent eingebrochen. Wenn jetzt ein ähnlicher Effekt eintritt, dann kann sich die schwarz-gelbe Regierung den Streit um Steuersenkungen endgültig sparen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.08.2011, 12:51 Uhr

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19 Kommentare

Hansueli Zürcher

16.08.2011, 14:15 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Das was Herr Löpfe schreibt, fühlen wir schon lange: Die Regierungen sind ausserstande die Geschicke eines Staates zu leiten. In der globalen Welt hat das längstens das das Kapital, in welcher Form auch immer,übernommen. Solche Exzesse werden über kurz oder lang Gegenbewegungen auslösen! Genau an diesem Punkt stehen wir heute, leider. Das Gegenmittel gegen diese masslose Gier? Antworten


ali kazemi

16.08.2011, 14:34 Uhr
Melden 8 Empfehlung

Heute ist es fast zu spät!Westen hat nach Ende v kaltem Krieg die historische Chance verpasst,endlich Militarismus für immer zu beenden u mit Unterstützung der Diktatoren u Ausbeutung der dritten Welt aufzuhören.Hätte man damals frei gewordene Gelder für globale Kooperation,Investition in dritter Welt eingesetzt,hätten wir heute zusätzlich 3 Miliarden mehr Konsumenten u eine nachhaltige Wirtschaft Antworten



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