Wirtschaft

China auf grosser Shopping-Tour

Von Manuela Kessler. Aktualisiert am 22.03.2009

Die Volksrepublik nutzt die Krise, um Schnäppchen zu machen. Chinesische Unternehmen haben in den ersten zwei Monaten dieses Jahres insgesamt 65 Milliarden Dollar im Ausland investiert. Grund zur Hysterie?

Es gilt über ein neues Phänomen zu berichten: chinesische Shoppingtouren ins Ausland. Die Rede soll nicht von den Touristenmassen sein, die nach Singapur oder Melbourne reisen, um sich möglichst billig mit Markenartikeln einzudecken. Das ist eine alte Geschichte. Was sich seit Jahresbeginn abspielt, hat ganz andere Dimensionen. Es gibt heute Gruppenreisen aus der Volksrepublik nach New York und Los Angeles, die dem Erwerb von Immobilien dienen. Das chinesische Handelsministerium hat erstmals eine Einkaufstour von Topmanagern durch Europa organisiert. In Grossbritannien wurden Jaguar-Limousinen für 2 Milliarden Dollar bestellt, in Deutschland BMW und Mercedes für 2,2 Milliarden und bei einem Zwischenstopp in der Schweiz 400'000 Dollar ausgegeben.

Jagd auf Rohstoffe

Staatsunternehmen der Volksrepublik versuchen derweil, ihren Rohstoff- und Energiebedarf durch Einkauf in kriselnde Minen- und Ölgesellschaften rund um den Globus zu sichern. Für Aufsehen sorgt der Deal zwischen der Aluminium Corporation of China (Chinalco) und dem überschuldeten australischen Bergbauriesen Rio Tinto über 19,5 Milliarden Dollar. Der Segen der australischen Regierung steht noch aus – und der politische Widerstand gegen das Geschäft ist gross. Es würde die Beteiligung des chinesischen Staatskonzerns am zweitgrössten Minenkonzern der Welt auf 18 Prozent verdoppeln und wäre die grösste Auslandinvestition, die ein chinesisches Unternehmen je getätigt hat.

Gleichzeitig hat die Pekinger Regierung in Russland, Venezuela und Brasilien Darlehen eingesetzt, um langfristige Energielieferungen garantiert zu erhalten. China hat Rosneft und Transneft, dem grössten Ölkonzern und dem grössten Pipelinebetreiber Russlands, insgesamt 25 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug wird von Sibirien nun eine Pipeline nach China gebaut, durch die zwei Jahrzehnte lang 300'000 Fass Öl täglich fliessen sollen – das entspricht 4 Prozent des derzeitigen Bedarfs der Volksrepublik – für 20 Dollar pro Fass. Ein Vorzugspreis: Ein Fass kostet auf dem Weltmarkt heute knapp 50 Dollar.

Die Volksrepublik nutzt die Krise, um Schnäppchen zu machen. Chinesische Unternehmen haben in den ersten zwei Monaten dieses Jahres insgesamt 65 Milliarden Dollar im Ausland investiert. Erstmals in der Geschichte des Landes war der Investitionsfluss ins Ausland damit grösser als jener, der vom Ausland nach China floss. Und zwar massiv. Finanzexperten erwarten, dass der Trend anhält und China im laufenden Jahr bis zu 180 Milliarden Dollar jenseits der eigenen Grenzen investieren dürfte.

Kein Grund zur Hysterie. Peking hat in den letzten Monaten auch angeschlagenen Staaten wie Pakistan und Jamaica grosszügig unter die Arme gegriffen. Wenn nicht alle Zeichen täuschen, hat China aus vergangenen Debakeln gelernt. Zu erwähnen ist nicht nur die versuchte Übernahme der amerikanischen Erdölfirma Unocal durch einen chinesischen Staatskonzern, die 2005 am nationalistischen Widerstand Washingtons gescheitert ist. Auch die Anlagen in amerikanische Staatsfonds und Finanzinstitute an der Wallstreet haben sich alles andere als ausbezahlt.

Jetzt richtet China seine Investitionsstrategie neu primär auf die Sicherung der Rohstoffe aus. Das ist klug. Der Nachholbedarf der drittgrössten Volkswirtschaft der Welt nach den USA und Japan ist nämlich beträchtlich. Weil sie – im Gegensatz zu den europäischen Kolonialmächten – erst spät ins Geschäft eingestiegen ist, beschränken sich ihre globalen Beteiligungen weitgehend auf das, was die anderen nicht haben wollten. Einzig im Sudan und in Kasachstan kontrolliert China grosse Ölfelder. Die gängige Meinung, China dominiere das Ölgeschäft in Afrika, ist falsch, wie Erica Downs, Expertin für chinesische Energiepolitik an der amerikanischen Brookings Institution, festhält. Alle chinesischen Erdölfirmen in Afrika zusammen hätten 2006 nur ein Drittel so viel gefördert wie der grösste ausländische Konzern auf dem Kontinent: Exxon–Mobil. Und nur ein Bruchteil davon sei in die Volksrepublik verschifft worden. Mit anderen Worten: Die Chinesen haben dazu beigetragen, das Angebot für andere Konsumenten zu vergrössern.

Grösste Devisenreserven der Welt

Die «China Inc.» ist mitnichten daran, den Rest der Welt an die Wand zu drücken. Die Volksrepublik verfolgt durchaus legitime Eigeninteressen. Und sie verfügt über schätzungsweise zweitausend Milliarden Dollar, die grössten Devisenreserven weltweit. Sie sind auf die Exportüberschüsse und die Kapitalhortung zurückzuführen, die man Peking jahrelang vorgeworfen hat. Nun, in der Wirtschaftskrise, macht das angehäufte Geld China zur grössten, ja oft einzigen Hoffnung überschuldeter Rohstoff- und anderer Konzerne rund um den Globus, einen drohenden Ruin abzuwenden. Da kann man es durchaus begrüssen, dass die Chinesen ihr Geld endlich locker machen – und im Ausland einkaufen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2009, 22:12 Uhr

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