Wirtschaft

China, der Retter der Schweizer Wirtschaft

Von David Vonplon, Bern. Aktualisiert am 29.01.2011

Die Erwartungen der Schweizer Wirtschaft an das Freihandelsabkommen mit China sind immens. Dank dem Abbau von Zöllen soll das Handelsvolumen um 50 Prozent wachsen.

Wirkungsvolle Massnahme: China besteuert teure Uhren heute mit 20 Prozent. (Bild: Keystone )

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Der Handel mit China boomt: In den ersten elf Monaten des letzten Jahres sind Schweizer Güter im Wert von 6,7 Milliarden Franken ins Reich der Mitte gelangt. Das Exportvolumen ist um mehr als ein Drittel höher als im Vorjahr. Und bald soll es noch besser werden: Gestern hat Bundesrat Johann Schneider-Ammann in Davos mit China die Verhandlungen für das Freihandelsabkommen offiziell eröffnet. Spätestens in zwei Jahren, so hofft der Wirtschaftsminister, soll das Regelwerk unter Dach und Fach sein.

700 Millionen Franken einsparen

Mit dem Abkommen würden die Zölle auf Schweizer Einfuhren in China wegfallen, die im Schnitt 10 Prozent betragen. Die Wirtschaftskammer Schweiz–China schätzt, dass Schweizer Exporteure dadurch nicht weniger als 700 Millionen Franken einsparen. Eine Machbarkeitsstudie, die im Vorfeld der Verhandlungen erstellt wurde, prognostiziert gar eine Steigerung des Handelsvolumens um 50 Prozent.

Profitieren würden von einer Abschaffung der Einfuhrzölle praktisch alle Branchen – nur die Landwirtschaft sieht mehr Gefahren als Chancen. Die Bauern fordern, dass möglichst viele Agrarprodukte vom Freihandel ausgenommen werden. Dem Rosinenpicken setzt die WTO allerdings Grenzen: Sie erlaubt bilaterale Freihandelsabkommen nur, wenn diese grundsätzlich alle Produktkategorien einschliessen.

Strikterer Patentschutz

Einen deutlichen Schub erhofft sich die Uhren- und Schmuckindustrie. Ihr Exportvolumen hat sich in den letzten 10 Jahren verzehnfacht. Und das trotz Zollgebühren von durchschnittlich 15 Prozent und einer Konsumsteuer von 20 Prozent auf teuren Uhren. «Fallen diese Abgaben weg, dürften die Exporte noch stärker wachsen», sagt Maurice Altermatt vom Verband der Uhrenindustrie FH. Er hofft, dass im Abkommen ein besserer Schutz vor Fälschern verankert wird. «Wir würden uns ein härteres Vorgehen wünschen», sagt Altermatt. Statt zum Beispiel nur Bussen zu verhängen, müsse China bei Missbräuchen auch Haftstrafen aussprechen.

Striktere Patentschutzbestimmungen stehen auch auf der Wunschliste der Pharmaindustrie. «Es ist zwingend, dass die Firmen ihre Innovationen in China verkaufen können, ohne befürchten zu müssen, dass ihre Produkte kopiert werden», sagt Rudolf Minsch vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Firmen wie Roche und Novartis haben Milliarden in China investiert. Die bereits erzielten Fortschritte der Wirtschaftsmacht beim Schutz des geistigen Eigentums dürften ihnen diesen Entscheid erleichtert haben. «Und nun ist das Land gewillt, einen Schritt weiter zu gehen», glaubt Minsch.

Die Maschinenindustrie verspricht sich Wettbewerbsvorteile gegenüber den EU-Ländern und den USA. Dies, weil die ausländische Konkurrenz im Freihandel mit China erst später zum Zug kommen dürfte. «Von einem Abkommen profitieren Grossunternehmen, die eine Produktion vor Ort haben, genauso wie KMU, die in der Schweiz produzieren», sagt Ivo Zimmermann vom Verband Swissmem. Deshalb hoffe man auf eine möglichst rasche Inkraftsetzung des Vertrags. Economiesuisse-Vertreter Minsch weist indes auf einen möglichen Stolperstein hin: So müssten die Abkommen in China von den einzelnen Ministerien abgesegnet werden. «Einige werden zurückhaltend auf die Öffnung der Märkte reagieren», so der Ökonom. Kurt Haerri, Präsident der Wirtschaftskammer Schweiz–China, ist zuversichtlicher: «Wenn das Abkommen einmal unterzeichnet ist, wird es rasch gehen.» Da der Handel mit der Schweiz für China marginal sei – die Schweizer Importe machen unter 1 Prozent der chinesischen Exporte aus – brauche das Land keine langen Übergangsfristen.

Fragezeichen im Finanzsektor

Den grössten Hürden sehen sich wohl die Finanzdienstleister und Versicherer gegenüber. Heute sind in China nur sechs Schweizer Banken und drei Versicherer vor Ort präsent. Versicherer machen die Erfahrung, dass sie nicht ohne weiteres neue Filialen eröffnen können. In jeder Region braucht es andere Lizenzen – die Beschaffung im chinesischen Bürokratiedschungel ist ein schwieriges Unterfangen. Auch Banken können oft nur tätig sein, wenn sie ein Joint Venture mit chinesischen Instituten eingehen. «Wir hoffen, bei Abschluss des Abkommens unsere Finanzdienstleistungen umfassend anbieten zu können», sagt Barend Fruithof, Leiter des Geschäfts mit Schweizer Firmenkunden bei Credit Suisse. Minsch setzt hinter die Ausgestaltung des Finanzdienstleistungsabkommen jedoch ein Fragezeichen: «Hier werden erst die Verhandlungen zeigen, wie sehr sich der Marktzugang für die Banken verbessert.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2011, 08:32 Uhr

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