China wird für Modehäuser zum harten Pflaster

Von Rita Flubacher. Aktualisiert am 09.08.2010 12 Kommentare

Chinesische Textilfabriken produzieren immer mehr für den heimischen Markt. Schweizer Abnehmer müssen immer länger auf die Ware warten.

Chinesische Textilfabrik: Bei so vielen Näherinnen verteuern selbst geringe Lohnerhöhungen die Endprodukte massiv.

Chinesische Textilfabrik: Bei so vielen Näherinnen verteuern selbst geringe Lohnerhöhungen die Endprodukte massiv.
Bild: Keystone

Löhne: Hilfe für die Fashion Victims

Seit Jahren kreiden Hilfswerke die niedrigen Löhne der Textilarbeiterinnen und -arbeiter an. In Bangladesh beispielsweise, das derzeit von westlichen Firmen als alternativer Standort zum teurer werdenden China betrachtet wird, verdient eine gute Näherin umgerechnet rund 60 Franken im Monat. Nach massiven Protesten der Betroffenen will die Regierung die Mindestlöhne nun möglicherweise von 26 auf 45 Franken erhöhen. Nach Meinung der Hilfsorganisation Erklärung von Bern (EvB) würde auch dieser neue Mindestlohn nicht ausreichend für eine Existenzsicherung sein. Die EvB fordert deshalb 10 Rappen mehr Lohn pro T-Shirt. Das mache den entscheidenden Unterschied aus, ob eine Näherin in Armut oder in Würde leben könne. Seit Anfang August läuft eine zehnwöchige Aufklärungskampagne (www.10rappen.ch), wo unter anderem Schweizer Firmen aufgelistet werden, die sich nicht zur Bezahlung eines Existenzlohnes verpflichten. (rf)

Europäische Textileinkäufer machen eine ganz neue Erfahrung in China: Ihre Lieferanten sitzen plötzlich am längeren Hebel. Das bekommen vor allem kleinere Unternehmen zu spüren. Zum Beispiel das Luzerner Modehaus Schild. Wenn Schild beim chinesischen Hersteller pro Farbe 300 Teile bestelle, derweil der US-Warenhausgigant Wal-Mart oder eine chinesische Ladenkette 150 000 Teile der gleichen Farbe ordere, dann müsse Schild betteln, beschreibt Schild-Chef Thomas Herbert die Situation. Sein Unternehmen importiert bei den Eigenmarken rund 50 Prozent aus China.

Migros-Sprecher Urs Peter Naef bestätigt den Befund: «Es ist schwieriger geworden, Aufträge zu platzieren.» Die Migros importiert rund ein Drittel der Textilware aus China. Bei Coop spricht man ebenfalls von spürbaren Produktionsengpässen. Im Unterschied etwa zu Schild fühlt sich Coop indessen weniger tangiert. Grund seien die Einkaufsallianz Coopernic sowie das Eurogroup Office, das Einkaufsbüro von Coop und dem deutschen Handelskonzern Rewe. «Gemeinsam sind wir in der Lage, in der Beschaffung ein gewisses Gewicht in die Waagschale zu werfen und zusammen grössere Mengen zu beschaffen», erklärt Coop-Sprecher Nicolas Schmied.

Europäer verlieren an Einfluss

Auch in der deutschen Textilbranche macht sich Sorge breit. «Wir hören von den Chinesen immer öfter: Für euch im Westen machen wir doch nicht mehr den billigen Jakob», beschreibt Eberhard Bezner, Mitbesitzer des deutschen Hemdenherstellers Olymp, die Stimmung im Reich der Mitte. «Jeder in der Branche versucht im Moment, die Produktion aus China in Länder wie Indonesien, Vietnam oder Bangladesh zu verlagern.» Längst nicht mehr jeder Produzent in China sei auf Aufträge aus dem Ausland angewiesen, erklärte Thomas Rasch, Chef des deutschen Modeverbands German Fashion, vor kurzem in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Mancher Hersteller habe angesichts der stark wachsenden Inlandsnachfrage schlicht keine Lust, sich den hohen ökologischen und arbeitsrechtlichen Anforderungen zu unterwerfen, die europäische Hersteller verlangten.

Als Folge davon werden die Vorlaufzeiten für die europäischen Besteller immer länger. «Heute müssen die Aufträge mindestens ein halbes Jahr oder noch mehr im Voraus platziert werden, und dies, bevor man überhaupt die neuesten Modetrends kennt», beschreibt Migros-Sprecher Naef die Situation.

Zara & Co. geben den Takt an

Das läuft einer anderen Strategie diametral entgegen: Modehäuser möchten viel schneller auf Trends und Wetterentwicklungen reagieren können. Als Vorbilder gelten in dieser Beziehung die spanischen Labels Zara und Mango: Vom Reissbrett bis in den Laden braucht ein Kleidungsstück höchstens drei bis vier Wochen. Trends, welche die Designer setzen, sind bei den Spaniern fast zur gleichen Zeit im Laden zu haben. Wird das modische Stück in China bestellt, dauert allein der Transport auf dem Meer acht bis zehn Wochen.

Was Zara & Co. können, wollen auch die Verantwortlichen von Schild realisieren. «Um schneller zu werden, wird ein Teil der Produktion aus China abgezogen», erklärt Thomas Herbert. «Wir werden aus Kostengründen aber nicht ganz auf China verzichten können.»

Für Schild im Vordergrund stehen Osteuropa, Italien, Spanien und Griechenland und ausserhalb Europas die Türkei. Je nach Standort in Europa verteuert sich die Produktion im Vergleich zu China um 20 bis 50 Prozent. Für Herbert spielen aber auch sozialethische Aspekte eine Rolle. Anders als in Fernost könnten die Fabriken in Europa besser kontrolliert werden.

Schnelle Beschaffung wird wichtiger

Auch bei Konkurrenten von Schild klingt es ähnlich. «Die schnellere Beschaffung wird wichtiger, deshalb bieten nähere Produktionsstandorte Vorteile», sagt Philippe Olivier Burger, Besitzer der PKZ-Gruppe. Die meisten Textilien stammten aus europäischer Produktion. Auch Calida stellt ihre Ware zu 67 Prozent in der Alten Welt her. Aus Fernost werden 33 Prozent zugekauft.

Nicht nur die Kapazitätsengpässe, auch die rasant steigenden Kosten bereiten der Branche Kopfzerbrechen. So wurde Anfang Juli im Industriezentrum Shenzhen im Süden der Volksrepublik der Mindestlohn um zehn Prozent auf 1100 Yuan (rund 180 Franken) angehoben. Die Aufwertung der chinesischen Währung verteuert die Ware zusätzlich. Dazu kommen schliesslich höhere Transportkosten auf den Meeren. In dem Ausmass, wie China Kostenvorteile verliert, gewinnen europäische Produktionsstandorte an Attraktivität.

Ökonomen sehen die stark steigenden Preise in der Textilfertigung als Zeichen eines tief greifenden Strukturwandels in China. «Hier passiert nun das, was sich in Amerika in den 50er- und 60er-Jahren zutrug: Die Ostküste lebte damals von der Schuh- und Textilfertigung. Als sich die Wirtschaft entwickelte, mussten sich die Hersteller erst ins Landesinnere zurückziehen und sich danach ins billigere Ausland verlagern.» Heute ist die Ostküste Amerikas ein Technikzentrum.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2010, 21:51 Uhr

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12 Kommentare

otto ris

09.08.2010, 13:47 Uhr
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Das ist eben genauso die Wirkung der vielfach verteufelten "Freien Marktwirtschaft", wie die bisherige Ausbeutung der Arbeitskräfte und Ueberschwemmung der Weltmärkte mit Billigstprodukten. Lasst den Märkten endlich freien Lauf (innerhalb staatlich gesetzter Leitplanken), dann haben alle Menschen dieser Welt eine faire Chance. Interventionismus setzt falsche Anreize und zementiert Missstände! Antworten


Oliver Zwahlen

09.08.2010, 11:08 Uhr
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Auch wir merken diese Verteuerung direkt in China bei langjährigen Lieferanten. Es wird immer schwieriger kleinmengen zu Erhalten. Auch "Dank" der EXPO wird auf seiten der Chinesen stark Übertrieben. Es ist nicht nur im Textilbereich so, auch bei Obst&Gemüse etc.Man muss immer die Löhne im Vergleich zu den Lebenskosten sehen, nicht mit der CH zu Vergleichen!!! Antworten



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