Chinas grosse Schuldenmauer

Nun mahnt sogar der Internationale Währungsfonds: China hat ein gigantisches, verstecktes Schuldenproblem. Die Probleme schlummern in den Banken, Provinzen und staatsnahen Unternehmen.

Die Demographie ist nur eines von Chinas Problemen: Mauerabschnitt bei Peking.

Die Demographie ist nur eines von Chinas Problemen: Mauerabschnitt bei Peking. Bild: Keystone

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Lauert in China eine versteckte Schuldenkrise? Die Frage entzweit Ökonomen auf der ganzen Welt. Im Fokus stehen die Schulden chinesischer Lokalkörperschaften und staatsnaher Betriebe. Die Warner sagen: Die Kreditvergabe in China ist bereits zweimal so hoch wie das BIP und wächst obendrein doppelt so schnell – die Volkswirtschaft hat ein Schuldenproblem. Zu den Alarmisten gehört etwa die Ratingagentur Fitch, die im April das Rating von in Yuan lautenden Staatsanleihen um eine Stufe senkte. Dagegen würden die Zentralregierung in Peking, aber auch die Haushalte sehr tiefe Schulden aufweisen, argumentieren die Gegner der These. Chinas Finanzen seien solide, sagen sie, die Wirtschaft und folgedessen auch der Staat genug robust.

Mit dem IWF hat sich diese Woche allerdings ein Schwergewicht unter die mahnenden Stimmen gemischt. «Chinas rapides Kreditwachstum wirft Sorgen über die Qualität der Investitionen und die Fähigkeit zur Rückzahlung auf», schreibt der Währungsfonds in seiner jährlichen Beurteilung der Wirtschaft im Reich der Mitte. Das Wachstum sei zu stark von den Investitionen im Immobiliensektor und vonseiten lokaler Regierungen abhängig geworden. «Der Spielraum wird enger», heisst es im Papier, «massgebliche Reformen sind nötig, um auf einen nachhaltigen Pfad zu gelangen.» China sehe aus wie eine Blasenwirtschaft, sagen derweil die Vermögensverwalter GMO aus Boston. Rast China mit seinem Wirtschaftswachstum wirklich auf eine grosse Schuldenmauer zu?

Der versteckte Schuldenboom

Eine zentrale Unbekannte bleibt die nebulöse Datenlage. Niemand mag sich wirklich auf die Zahlen der chinesischen Behörden verlassen. Schätzungen zur Kreditmasse, die über den Schattenbankensektor vergeben wird, reichen von 2 bis 36 Billionen Yuan, das sind 0,3 bis 5,8 Billionen Dollar. Die offizielle Staatsschuldenquote von 23 Prozent des BIP ist nur wenig aussagekräftig: Laut dem IWF liegt die Zahl inklusive aller Gemeinde-, Regions- und Provinzschulden bei 50 Prozent des BIP. Alleine im vergangenen Jahr sei die Verschuldung um 10 Prozent angestiegen, schreiben die Ökonomen des Währungsfonds. Die totale Verschuldung der chinesischen Wirtschaft inklusive des Privatsektors wird meist bei rund 200 Prozent des BIP veranschlagt.

Gemessen an den Industrieländern liegt diese Zahl im grünen Bereich. In den USA liegt die Gesamtverschuldung bei 250 Prozent, in Japan sogar bei 400 Prozent. Verglichen mit anderen Entwicklungs- und Schwellenländern liegt China allerdings am oberen Ende. Bedrohlich mutet vor allem das Anstiegstempo an: Berechnungen von Fitch zufolge ist die volkswirtschaftliche Verschuldungsquote von China in den letzten vier Jahren um ganze 73 Prozent emporgeschnellt. «Ein solcher Anstieg ist nicht normal», sagt die Fitch-Ökonomin Charlene Chu, die in der Chinadebatte der letzten Jahre die Rolle der Kassandra gespielt hat. Im Verhältnis der Gesamtverschuldung zum BIP sieht sie einen der zuverlässigsten Indikatoren zur Früherkennung von Finanzkrisen.

Kredite ins Nichts

Präzedenzfälle finden sich in Japan, wo diese Quote zwischen 1985 und 1990 um 45 Prozent anstieg, und in Südkorea, wo zwischen 1994 und 1998 ebenfalls 47 Prozent hinzukamen. In China liegt der wichtigste Grund für das hohe Schuldenwachstum der vergangenen Jahre in der Strategie, die sich das Land nach der Finanzkrise zurechtgelegt hat: Den Totalausfall des Westens versuchte man mit günstigen Krediten zu überbrücken, wobei der Löwenanteil an staatliche und halbstaatliche Unternehmen ging. Diese strategischen Industriegiganten im Energie- und Versorgungsbereich zählen heute zu den ineffizientesten Betrieben im Land. Manche davon, etwa die Stahlkonzerne, gelten als eigentliche Geldvernichtungsmaschinen.

Chinas Problem ist die Verschwendung von Kapital in unproduktiven und gleichzeitig hoch verschuldeten Betrieben. Zu viele Investitionen fliessen in «leere Immobilien, leere Autobahnen und leere Flughäfen», wie es der Finanzprofessor Michael Pettis aus Peking jüngst bei ABC News formuliert hat. Einer Zusammenstellung von Bloomberg zufolge hat sich die Fremdfinanzierungsquote der grossen Unternehmen seit 2007 verdoppelt. An sich müsste das Land die Wertschöpfungsleiter emporsteigen, doch das Bankensystem kanalisiert das Kapital in wachstumsschwache Bereiche. Gemäss Kalkulationen von Bloomberg bewirkt heute jeder zusätzliche Dollar Kredit noch ein BIP-Wachstum von 17 Cent – vor fünf Jahren waren es noch 83 Cent.

Chinas fundamentale Pluspunkte

Chinas Führung will die Trendwende durch die Einführung von Marktmechanismen herbeiführen. Eine «selbst auferlegte Revolution» stehe der Wirtschaft bevor, sagt Premier Li Keqiang. Die Umwälzungen betreffen auch das Steuersystem: Einnahmen sollen von der nationalen Ebene auf die Regionen umgeleitet werden, um die Tragbarkeit der dortigen Schulden zu erhöhen. Man könne lokalen Behörden die weitere Schuldenaufnahme ab sofort nicht mehr erlauben, meinte vor einem Monat der Präsident des chinesischen Revisorenverbands, Zhang Kew Hoc. Die Aussage sorgte für Aufsehen, gehen Experten doch davon aus, dass die Zentralregierung in den nächsten Jahren für manche Lokalkörperschaft als Retterin in der Not wird einspringen müssen.

Zugute kommen dem Zentralstaat die hohen Devisenreserven. Mit einem Volumen von 3,3 Billionen US-Dollar bleibt Chinas Zentralbank die grösste Besitzerin von Fremdwährungen der Welt. Die Aussenverschuldung ist mit knapp 10 Prozent gering, auch beim Wachstum zählt China mit 7,7 Prozent zu den weltweiten Spitzenreitern. «Dank des hohen Wirtschaftswachstums sollte China seine Schuldenquote im Zaum halten können», meint Asien-Ökonom Kilian Reber. Wie zahlreiche Beobachter hält auch er die Angst vor einem Kollaps für übertrieben. Nicht in einer Schuldenkrise, sondern in einer Unterlassung der nötigen Finanzreformen sehen auch die Ökonomen von Natixis das eigentliche Risiko, wie sie in einem Forschungspapier schreiben. «Sonst droht eine langsame, aber sichere Erosion des Wachstums.»

Lesen Sie zum Thmea morgen das Interview mit der Ökonomin Lili Fan, die in Hong Kong im Bereich Fixed Income für die UBS arbeitet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.05.2013, 19:35 Uhr)

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