Wirtschaft

«Da merkt man: In dieser Stadt ist Geld vorhanden»

Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 31.10.2011 50 Kommentare

Die Preise für Wohneigentum in Zürich haben sich in zehn Jahren verdoppelt. Kein Wunder, sagt einer, der vor wenigen Monaten seine Wohnung verkaufte – die Interessenten schaukeln sich gegenseitig hoch.

1/8 2,2 Millionen Franken: Der Preis für eine 4,5-Zimmer-Wohnung in Altstetten, 145 m².

   

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Als sie vor wenigen Monaten wieder einmal in Immobilienportalen nach einer Eigentumswohnung suchte, staunte Susanne Wanner* nicht schlecht. Da war eine Wohnung ausgeschrieben, die sie vor zwölf Jahren besichtigt, damals aber nicht gekauft hatte. Die Wohnung interessierte sie nach wie vor, aber an die Besichtigung ging die 45-jährige Psychoanalytikerin diesmal nicht. Damals, 1999, war sie für 950'000 Franken ausgeschrieben. Jetzt sollte sie 2,2 Millionen Franken kosten. Das überstieg ihre finanziellen Möglichkeiten um mehrere hunderttausend Franken.

Die Wohnung zum Verkauf ausgeschrieben hat der Musiker Daniel Gisler*. Als er in diesem Sommer eine Reihe von Kaufinteressenten durch seine grosszügige Eigentumswohnung führte, erlebte er etwas Überraschendes. Keiner fragte nach, ob man beim Preis vielleicht noch etwas runtergehen könne. Im Gegenteil: Fast jeder wollte wissen, ob er, Gisler, einen Bieterwettbewerb veranstalte – also Offerten vonseiten der Interessenten erwarte. «Das hat mich sehr überrascht», sagt Gisler. 2,2 Millionen Franken sind schliesslich ein stolzer Preis. «Wenn sich da sofort ein gutes Dutzend Leute meldet, die das ohne Zögern bezahlen würden – da merkt man schon: in dieser Stadt ist Geld vorhanden», sagt Gisler.

Die Bankgarantie auf dem Tisch

Das Immo-Monitoring 2012 von Wüest und Partner zeigt, dass sich die gezahlten Preise für Eigentumswohnungen in der Stadt Zürich in den letzten zehn Jahren verdoppelt haben. Gisler erstaunt das nach seinem Verkaufserlebnis wenig. Viele seiner Interessenten hatten sich darauf eingestellt, auf eine Auktion einzusteigen. Einer von ihnen legte gar bei der Besichtigung eine Bezahlgarantie der Bank auf den Tisch. «Falls jemand anderes mehr bezahlen will», sagte der Herr zu Gisler, «dann sagen Sie mir Bescheid.»

Der Verkaufsprozess habe sich verändert, bestätigte Urs Hausmann von der Immobilienberatungsfirma Wüest und Partner im Mai gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Er gleiche heute einer gut besuchten Auktion, bei der sich die Bietenden mit Angeboten gegenseitig hochschaukeln würden. «Heute hat ein Verkäufer deutlich grössere Chancen, einen hohen Preis zu erzielen, als vor 15 Jahren.» Während sich ein Verkäufer früher im Bekanntenkreis nach Interessenten umhörte und dann direkt anfragte, gebe es heute ein Hochglanzdossier, dann eine erste unverbindliche und eine zweite verbindliche Angebotsrunde. «Du findest inzwischen immer einen reichen Russen, der eine zentral gelegene Stadtwohnung in Zürich sucht», sagt Gisler heute. «Dann reicht ein zweiter, und du kannst das Spiel beginnen.»

«Er wäre noch weiter gegangen»

Er selber sagte seinem engagierten Interessenten tatsächlich Bescheid. Nämlich darüber, dass er die Wohnung eigentlich gerne einem jungen Paar geben würde, das gut in die Siedlung passen würde. Der Herr erhöhte sofort. Das Paar zog gleich. An diesem Punkt stieg Gisler aus und gab die Wohnung dem Paar. «Aber ich bin sicher, der wäre noch weiter gegangen.» Hätte er ein Einfamilienhaus auf dem Land verkauft, vielleicht hätte er sich auf den preistreibenden Wettbewerb eingelassen, sagt Gisler. Aber er kannte die Nachbarn seit Jahren. Sie hatten die Siedlung gemeinsam gestaltet. Also entschied er sich für das nette Paar statt für den hoch solventen Herrn. Es zahlte 2,5 Millionen Franken. 160 Prozent mehr als das, was Susanne Wanner vor zwölf Jahren bezahlen sollte.

Die Stadt Zürich hat keine Möglichkeit, die steigenden Preise zu deckeln. Es ist Käufern und Verkäufern überlassen, sich im freien Markt auf einen angemessenen Wert zu einigen. Lediglich bei ihren eigenen Wohnungen kann die Stadt für moderate Angebote sorgen. Doch weil auch sie um Grundstücke mitbieten muss, ist die Stadt ebenfalls dem Wettbewerb ausgeliefert. Abhilfe soll ein Postulat der diesen Herbst neu gewählten Nationalrätin Jacqueline Badran (SP) im Zürcher Gemeinderat schaffen: Badran verlangt, dass die Stadt ein Vorkaufsrecht für Immobilien auf ihrem Gebiet hat, die in Kantonsbesitz stehen.

*Namen geändert (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.10.2011, 14:09 Uhr

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50 Kommentare

Michael Berg

31.10.2011, 14:14 Uhr
Melden 57 Empfehlung

Die Personenfreizügigkeit steigert die Nachfrage. Völlig normaler Vorgang! Jetzt bin ich gespannt auf die Rezepte der Sozialdemokratie? Antworten


Daniel Ruoch

31.10.2011, 14:40 Uhr
Melden 46 Empfehlung

Ich bin zutiefst frustriert und wütend über die absurden Entwicklungen in unserem Land. Jeder Flecken Land wir verbaut, für kleinste Wohnungen in der Stadt werden Millionenbeträge verlangt und auch bezahlt, jährlich wandern so viele Gastarbeiter in die Schweiz ein, wie der Kanton Schaffhausen Einwohner hat, an die Lex Kohler scheint sich keiner mehr zu halten etc. etc. Ausverkauf der Heimat. Antworten



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