Wirtschaft
Das 80-Milliarden-Missverständnis
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 20.07.2009
«Dr. Doom» Roubini bleibt seinem Ruf treu. Mit einer deutlich besseren Konjunktur rechnet der Wirtschaftsprofessor nicht.
Seine Worte waren an der US-Börse 80 Milliarden Dollar wert. Nouriel Roubini, einst Aussenseiter und wegen seines Vorhersehens der Wirtschaftskrise jetzt Superstar unter den Ökonomen, hat am Donnerstag erklärt, die Rezession in den USA werde im laufenden Jahr ein Ende finden. So zumindest wurde er in den Medien zitiert. Unmittelbar nach der Meldung sprang der S&P-Index der 500 wichtigsten US-Unternehmen um ein Prozent in die Höhe. Roubini, der an der New Yorker Stern University Ökonomie doziert und ein eigenes Prognoseunternehmen führt (RGE Monitor), ist bisher vor allem für seine düsteren Prognosen bekannt – die sich bisher allerdings fast durchwegs bewahrheitet haben – deshalb wird er auch als «Dr. Doom» (Doktor Untergang) bezeichnet. Wenn ausgerechnet er sich nun zu den Optimisten gesellt, dann könne der Aufschwung nicht mehr weit sein, so scheint man an den Börsen gedacht zu haben.
Tatsächlich beruhte der Börsensprung auf einem Missverständis. Roubini liess gleich nach Marktschluss per Communiqué verlauten, er sei falsch zitiert worden. Seine Aussichten für die US-Wirtschaft würden weiterhin düster bleiben. Die Aufwärtsbewegung des S&P-Index fand seither ein Ende.
US-Arbeitslosigkeit bis 11 Prozent
Roubini sieht zwar immerhin im nächsten Jahr ein Ende der Rezession kommen, doch der darauf folgende «Aufschwung» bleibt seiner Meinung nach extrem schwach. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) wachse im Durchschnitt 2010 bloss um 1 Prozent, während das Wirtschaftspotenzial (durch Produktivität und Bevölkerungswachstum) um 2,75 Prozent zulegen würde. Diese verbleibende drastische Unterauslastung der Wirtschaft führt gemäss dem US-Ökonomen im nächsten Jahr zu einem weiteren Anstieg der Arbeitslosenquote in den USA von bis zu 11 Prozent. Das alleine werde den Konsum weiter schwächen und zu weiteren Zahlungsausfällen führen, weshalb auch die Banken weiter leiden würden.
Gegen Ende 2010 befürchtet der Professor sogar den Anfang einer erneuten Rezession. Der dann möglicherweise nötig werdende Versuch der Notenbank, mit höheren Leitzinsen das jetzt üppig in die Wirtschaft gepumpte Geld wieder zu entziehen, könnte einerseits zu einer solchen führen und andererseits das Bemühen des Staates, mit Sparmassnahmen das Defizit einzuschränken. Andererseits könnte allein die Angst vor einer anziehenden Inflation höhere Zinsen zur Folge haben, was private Investitionen abwürgen würde.
Erneute Rezession Ende 2010
Die Geschichte steht sinnbildlich für die Unsicherheiten (auch) an den Börsen zur weiteren Entwicklung der Wirtschaft der USA. Einerseits verweisen Stimmungsindikatoren auf einen möglichen Aufschwung, andererseits bewegt sich die Nachfrage bei den Endkunden kaum. Aktuell wird die Wirtschaft vor allem durch eine massive Geldversorgung der Notenbanken und massive Staatsausgaben getragen. Ohne die Rettungsaktionen des Staates wären letztlich auch US-Banken letzte Woche nicht in der Lage gewesen, eindrückliche Gewinnsprünge zu vermelden
Die Bedeutung der «Algos»
Die starke Börsenreaktion auf die Aussagen von Roubini hat allerdings auch eine technische Ursache, die viel über das Funktionieren moderner Börsen aussagt. Bedeutung hatten gemäss «Wall Street Journal» auch sogenannte «Algos»: Damit werden mathematische Algorithmen bezeichnet, mit denen Computer automatisch Aktienkäufe und –verkäufe auslösen. Solche Programme seien in den USA gemäss der Finanzzeitung für 75 Prozent der Tagesvolumen an umgesetzten Aktien verantwortlich. Innert Mikrosekunden setzen diese Algorithmen Neuigkeiten in Transaktionen um. Die falsche Positivmeldung zu Roubinis Aussagen haben über diese Systeme offenbar derart schnell zu Käufen geführt, dass gar niemand die Zeit fand, sich genauer mit dem genauen Gehalt der Information auseinanderzusetzen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.07.2009, 19:39 Uhr


