Analyse

Das Ende der Mittelklasse

Was, wenn es wirklich kracht? Was wird dann aus unseren Konten und Jobs? Und was aus unseren Köpfen? Zum grossen Knall fehlt eigentlich nur noch ein letzter Funken Angst.

Angst und Empörung: Schilder von Aktivisten der Bewegung «Occupy Paradeplatz» in Zürich.

Angst und Empörung: Schilder von Aktivisten der Bewegung «Occupy Paradeplatz» in Zürich. Bild: Keystone

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Welchen Tag wird man im Rückblick für die Geschichtsbücher nehmen? Den Tag, als die Bancomaten kein Geld mehr ausspuckten? Den Tag, als Kunden die Schalterhallen der Banken stürmten? Als sie sie anzündeten?

Klar ist nur: Der Tag ist denkbar. Noch nicht wahrscheinlich, aber denkbar. Denn alles steht bereit für eine gigantische Kettenreaktion: ein klammes Bankensystem, ein gespaltenes und gefesseltes Amerika, ein verschuldetes Europa ohne Plan. Bedrohlicher als der Mangel an Geld noch scheint der Mangel an Klarheit. Zwar jagen sich Gipfel, Finanzspritzen, Rettungsaktionen, doch besteht in den Machtzentralen keine Einigkeit über Diagnose und Therapie: mal milliardenteure Feuerwehreinsätze, mal zerstörerische Sparpläne.

Zum grossen Knall fehlt eigentlich nur noch ein letzter Funken Angst: ein Moment der Panik. Es wäre ein historischer Tag, der Tag, an dem die dominierende Kaste der letzten 75 Jahre ihre Macht verliert: die westliche Mittelklasse.

Eine weisse Landkarte

Sicher: Noch ist es möglich, dass der Tag nicht anbricht. Dass dank der Notenpresse der vereinigten Zentralbanken Finanzinstitute und Staaten durchgeseucht werden, dass die Chinesen den Westen als Grosskunden herausboxen, dass EU und USA ihre tausend Wunden mit tausend Pflastern zum Versiegen bringen. Trotzdem: Die aktuelle Konstruktion der Weltwirtschaft gleicht mit ihren wechselseitigen Krediten der Wohnung eines Wahnsinnigen, der alle Gegenstände eines Zimmers mit Fäden aneinander gesichert hat. Eine falsche Bewegung – und wo ein Salon war, ist nun ein Trümmerhaufen.

Was also passiert, wenn das Weltfinanzsystem zusammenbricht? 2008, nach dem Lehman-Crash, war die Welt ein paar Mal nur Stunden davon entfernt. Damals entschieden sich mehrere Staaten erst im letzten Moment für die Rettung der Banken. Was wäre passiert, wenn nicht? Das Erschreckende an diesem Szenario ist: Es existiert nicht. Niemand weiss, was dann passiert wäre. Befragt man Experten, sagen diese: undenkbar. Der Crash ist eine weisse Landkarte: Seine Folgen sind vielleicht nicht undenkbar, aber ungedacht.

In Zürich planen einige Leute bereits. Je nach Portemonnaie empfehlen sie Positionen in Gold, Landkäufe oder ein paar Tausender unter der Matratze. Das sind hilflose Investments. Denn kommt es zum grossen Krach, ist die Kettenreaktion unvorhersagbar: Niemand weiss, wen und was es erwischt. Klar ist nur, dass es keinen sicheren Ort gibt. Tausende Firmen, Milliarden an Vermögen, Millionen Jobs werden aufhören zu existieren.

Die entwertete Erfahrung

Doch der Verlust von Geld, Pension, sogar von Jobs wäre noch die freundliche Seite der Katastrophe. Selbst wer Glück hat und Vermögen und Beruf behält, wird einen noch härteren Verlust erleiden: Denn ein Crash würde nicht nur Papiere entwerten, sondern vor allem die eigenen Erfahrungen. Es könnte gut sein, dass die Milliarde Menschen der westlichen Mittelklasse eines Tages das Schicksal der russischen Aristokraten nach der Revolution teilen: Daheim waren sie mächtig, im Exil verlorene Figuren.

Das einfach deshalb, weil die Welt ihrer Jugend verschwunden war. Und dadurch alles wegfiel, was sie gelernt hatten, an Hierarchien, Zielen und Plänen, Urteilen und Vorurteilen, Höflichkeitsregeln, Karrieretechniken. Nichts zählte mehr in der neuen Welt: nicht die Ideale, nicht die Routinen, nicht die Erziehung. Das Einzige, was ihnen blieb, war Tee, Melancholie und strapazierte Würde.

So geht es auch uns: Die Art, wie wir das Leben beurteilen – all das wurzelt in unserer Jugend in der breiten, reichen Mittelklasse. Dabei ist es egal, ob jemand Konformist ist oder das Gegenteil: Verschwindet ihre Welt, verschwindet die Person.

Klar ist nur, dass die optimistische westliche Mittelklasse auch ohne Crash nicht mehr die Welt unserer Kinder sein wird. So haben in den letzten 30 Jahren vor allem Konzerne und Superreiche Profit gemacht. Und da Geld Macht und Macht Geld bedeutet, rutscht die Demokratie Stück für Stück Richtung Oligarchie. Und der Schwung des wirtschaftlichen Aufstiegs und somit der Optimismus haben sich verschoben: nach Asien, Indien, sogar nach Afrika. Selbst wenn das System nur bröckelt statt fällt, ist die Welt unserer Kinder schon heute eine irritierend freiere und einiges härtere, als es die Welt der Eltern war: Der Drill reicht von Frühchinesisch übers Lernstudio bis zu weit strafferen Universitäten. Dafür sind die Informationen inflationär. Und das Geld ist knapp. In weiten Teilen der USA und Europa herrscht Massenjugendarbeitslosigkeit.

Den Eltern bleibt damit je länger, je mehr das Los der Verschonten: als lange luxuriös lebende Aristokraten, die ihre Jugend mit absurden Problemen auf absurden Partys verbracht haben. Sie haben vielleicht etwas zu erzählen, aber nichts Heutiges mehr zu sagen.

Wie ein vergilbtes Foto

Was also tun – wenn die Welt der Mittelklasse endet, mit einem Winseln oder mit einem Knall? Ausser wach zu bleiben, bleibt wenig. Die klügste Vorbereitung ist, sich zu erinnern, dass man durch stürmische Zeiten besser mit weniger als mit mehr Gepäck kommt.

Die klügste Versicherung wäre somit, den eigenen Besitz schon als Erinnerung zu sehen – leicht vergilbt wie auf einer alten Fotografie. Und nicht nur vom materiellen Besitz probeweise Abschied zu nehmen, sondern auch die eigenen Erkenntnisse und Erfahrungen, die Anekdoten und Strategien, den eigenen Kopf versuchsweise als Vergangenheit zu sehen.

Erstellt: 12.11.2011, 06:59 Uhr

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