Wirtschaft

Das Rätsel der Franken-Bocksprünge

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 21.09.2011 41 Kommentare

Gestern Nachmittag und heute früh hat der Euro-Franken-Kurs verblüffende Kapriolen vollführt. Die Quintessenz der Geschichte ist für die Nationalbank äusserst ermutigend.

Rätselhafte Ausschläge seit gestern: Euro-Franken-Kurs über die letzten fünf Tage.

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Die jüngsten Ausschläge des Euro-Franken-Kurses verbessern seine Position: Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand. (Bild: Keystone )

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Seit gestern Nachmittag ist viel Bewegung ins Verhältnis zwischen dem Franken und dem Euro gekommen. Nachdem die Nationalbank am 6. September die Märkte damit überrascht hat, dass sie keinen Wechselkurs mehr zulassen wird, bei dem der Euro weniger als 1.20 Franken kostet, ist der Eurokurs bis gestern nie über den Wert von 1.22 Franken angestiegen. In den letzten Tagen bewegte er sich zudem deutlich unter 1.21 Franken. Doch seit gestern vollführt das Währungsverhältnis wahre Bocksprünge.

So ist der Franken gestern zwischen 14 Uhr und 15 Uhr von einem Wert bei rund 1.206 Franken pro Euro auf rund 1.225 Franken hochgeschnellt. Kurz darauf ist der Kurs zurückgeglitten und hat sich am Abend und in der Nacht um einen Europreis zwischen 1.215 und 1.218 Franken herum etwas stabilisiert. Doch schon heute früh kam der nächste Sprung. Knapp vor halb sieben ist der Euro auf über 1.233 Franken hochgeschnellt. Doch auch dieser Ausschlag war nur von kurzer Dauer. Mittlerweile bewegt sich der Eurokurs bei über 1.22 Franken.

Das grosse Zittern vor der Nationalbank

Marktbeobachter führen diese Ausschläge auf aufkommende Gerüchte zurück, nach denen die Schweizerische Nationalbank (SNB) in Kürze ihr unteres Ziel für den Eurokurs von 1.20 Franken auf 1.25 Franken erhöhen wolle. Die SNB (SNBN 1089 2.06%) selbst wollte zu solchen Spekulationen wie immer keine Stellung nehmen. Die aktuell noch gestiegene Unsicherheit im Euroraum und die kurze Zeit, seit der die SNB die Untergrenze eingeführt hat, lassen eigentlich eine derart schnelle Anhebung der Untergrenze unwahrscheinlich erscheinen.

So erklärt man sich denn auf den Märkten die Kursreaktion vor allem mit einer enorm hohen Nervosität. Niemand will noch einmal auf dem falschen Fuss erwischt werden wie am 6. September, als die Notenbank ihre Kursuntergrenze völlig überraschend bekannt gab und damit wohl einigen Devisenspekulanten massive Verluste beschert hat.

Nervosität als Chance für Hedgefonds

Wie die Erwartung einer SNB-Aktion überhaupt zustande kam, ist unbekannt. Auf den Märkten wird spekuliert, ein Hedgefonds könnte das Gerücht in die Welt gesetzt haben. Angesichts der vorhandenen Nervosität und bei einem entsprechend grossen Kapitaleinsatz hätte er hier in kurzer Zeit ein gutes Geschäft mit der Spekulation auf die Abschwächung des Frankens gemacht. Konkrete Hinweise für die These liegen allerdings vorerst nicht vor.

Betrachtet man Optionspreise auf Devisen, den Terminmarkt und den Kassamarkt zum Euro-Franken-Kurs zusammen, macht der grössere Abstand vom aktuell höheren Kurs zum von der SNB festgelegten unteren Wert von 1.20 Franken pro Euro ohnehin Sinn und ist für die Nationalbank ein gutes Zeichen. Wie Thomas Flury, Devisenspezialist der UBS erklärt, liegt nun der Terminkurs für den Euro in eineinhalb Jahren bei 1.20 Franken. Weil die Zinsen in der Schweiz im Vergleich zum Euroraum tiefer liegen, entspricht dieser Unterschied der sogenannten «gedeckten Zinsparität». Das heisst, wenn man einen Franken zum Beispiel in Euro anlegt, ergibt sich nach Berücksichtigung des Zinsunterschieds zwischen Frankenanlagen und Euroanlagen über denselben Zeitraum das gleiche Verhältnis von Euro zu Franken. Weil die Zinsdifferenz in Franken gegenüber dem Euroraum negativ ist, ergibt sich auch ein geringerer Frankenbetrag pro Euro – was sich im Terminkurs zeigt.

Beruhigende Botschaft der Derivatmärkte

Anders gesagt hat der vorherige Kurs von 1.205 Franken pro Euro bedeutet, dass schon der Terminkurs über drei Monate auf einen Kurs von unter 1.20 Franken pro Euro gefallen ist. Doch das würde im Widerspruch zum Ziel der Nationalbank stehen, genau dies auf jeden Fall zu verhindern. Der Kursanstieg des Euro von 1.205 auf 1.22 ist daher ein Hinweis auf ein wachsendes Vertrauen der Devisenmärkte in die Durchsetzungskraft der Schweizerischen Nationalbank.

Wie Thomas Flury erklärt, zeigt sich das auch in den Marktpreisen der gehandelten Optionen auf den Euro-Franken-Kurs. Aus ihnen lässt sich die vom Markt erwartete Wahrscheinlichkeit errechnen, dass der Euro zum Beispiel in einem Monat unter den Preis von 1.20 Franken fällt. Noch vor den Kurssprüngen vorgestern belief sich diese Wahrscheinlichkeit auf immerhin 45 Prozent. Jetzt ist sie auf bloss noch 26 Prozent gefallen.

Deutlich höhere Volatilität

Auch das geht auf den höheren Eurokurs pro Franken zurück. Was sich aus den Optionen errechnen lässt, ist die sogenannte «implizite Volatilität», also die erwarteten Schwankungen des Kurses, die massgeblich den Optionspreis beeinflussen. Denn je höher die erwarteten Ausschläge des Kurses sind, desto wertvoller ist eine Option, da mit ihr die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie ausgeübt werden kann – etwa weil im Falle einer sogenannten Verkaufsoption («Putoption») mit dem Recht, den Euro zu 1.20 Franken zu verkaufen, dieser Kurs auch unterschritten wird.

Tatsächlich ist diese Volatilität seit gestern ebenfalls stark angestiegen, wodurch für sich genommen die Wahrscheinlichkeit zugenommen hat, dass der Zielwert von 1.20 Franken pro Euro unterboten wird. Doch der verteuerte Euro in Franken seit gestern hat diesen Effekt überkompensiert, sodass die Wahrscheinlichkeit wie erwähnt gesunken ist.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.09.2011, 14:38 Uhr

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41 Kommentare

Andy Meyer

21.09.2011, 16:25 Uhr
Melden 30 Empfehlung

Würde ein Hedge Fond handkehrum verbreiten die SNB setzte das Kursziel auf 1.15, könnte das bedeuten, dass Spekulaten auf einen Anstieg des Franken setzen, und die SNB müsste massiv Euro kaufen um den Kurs zu halten. Ja wo leben wir denn eigentlich? Es darf einfach nicht sein das man mit gezieltem Lügen und Betrügen Geld verdienen kann und dabei ganze Volkswirtschafschften gefährdet ! Kriminell !! Antworten


Marco Bättiger

21.09.2011, 15:03 Uhr
Melden 18 Empfehlung

Vielleicht kauft die SNB ja einfach neu die Euros nicht für 1.20 sondern 1.22 - das wäre dann die Erklärung für den Kursanstieg und der ganze Artikel wäre reine Spekulation. Abgesehen davon: die SNB hat den Franken bereits bei 1.43 gestützt (was die SVP dazumal kritisierte) - dass die SNB das Zielband nun bei 1.20 ansetzt zeigt, wie unsinnig die erste Frankenstützung war! Antworten



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