Das Rätsel der rekordtiefen Zinsen

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 19.08.2010 33 Kommentare

Die historisch einmalig tiefen Zinsen können bedeuten, dass uns eine schwere Krise droht mit drastisch fallenden Aktienkursen. Oder dann platzt demnächst eine Blase an den Obligationenmärkten.

Die implizite Botschaft der Obligationenmärkte: Nach dem Aufschwung folgt die nächste Krise.

Die implizite Botschaft der Obligationenmärkte: Nach dem Aufschwung folgt die nächste Krise.
Bild: John Cole, The Scranton Times-Tribune

Langfristzins, Rendite und Coupon

Als Langfristzins wird meist die Rendite von Staatsanleihen in einem reichen Land bezeichnet. Doch was ist das? Die Rendite ist der tatsächliche Zinssatz, den ein Käufer einer Staatsobligation bezogen auf den Preis erhält, den er für die Obligation bezahlt hat. Der Staat bezahlt den Käufern der Obligation einen festen prozentualen Satz (den sogenannten Coupon) bezogen auf 100 Prozent der Obligationssumme. Sinkt nun der Wert der Obligation im Handel unter 100 Prozent, steigt die Rendite.

Auslöser dafür könnte sein, wenn zum Beispiel die Sorge um die Bonität des Staates oder die erwartete Inflation zunimmt. Ein hypothetisches Zahlenbeispiel mit einer einjährigen Obligation und einem Coupon von 5 Prozent verdeutlicht das: Bleibt der Wert der Obligation bei 100 Prozent (man spricht von einem Kurs von 100), dann ist die Rendite gleich wie der Coupon: 5 Prozent. Sinkt der Wert der Obligation auf 50, steigt die Rendite auf 10 Prozent. Denn die jährliche Zahlung des Staates von 5 Prozent (bezogen auf den Kurs von 100) erhält man jetzt für einen Kurs der Obligation von 50.

Bei mehrjährigen Obligationen verkompliziert sich die Sache, doch das Grundprinzip bleibt das gleiche: Je tiefer der Kurs der Obligation, je höher ihre Rendite und umgekehrt. Spricht man daher von einem tieferen langfristigen Zinsniveau, ist damit gemeint, dass Staatsobligationen zu höheren Kursen gehandelt werden.

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Die Zinsen befinden sich weltweit auf einem so tiefen Niveau wie noch nie. Das gilt vor allem für die langfristigen Sätze. Das gilt auch für die Schweiz. Langfristzinsen orientieren sich in reichen Ländern meist an der Rendite von Staatsobligationen (siehe Infobox links). Gegenwärtig liegt der so gemessene 10-Jahres-Zinssatz hierzulande bei rund 1,2 Prozent. Selbst in den schlimmsten Monaten der Wirtschaftskrise im Herbst 2008 lagen die Zinsen deutlich höher.

Was dieses tiefe Zinsniveau bedeutet, ist das derzeit am intensivsten debattierte Rätsel unter Marktbeobachtern. Gemäss Lehrbuch drücken Langfristzinsen die Erwartung über den künftigen Wirtschaftsverlauf aus. Je grösser der Optimismus, desto höher diese Zinsen und umgekehrt. Die aktuellen Zinsen drücken klar die Erwartung aus, dass die Wirtschaft erneut in eine Rezession zurückfällt. Weil das Preisniveau vielerorts schon sehr tief ist, hätte das eine Deflation zur Folge. Das erinnert unweigerlich an die Lage von Japan, das deswegen seit bald 20 Jahren nicht mehr aus einer Dauerkrise herausfindet. Wenn die Preise wegen einer zu geringen Gesamtnachfrage generell fallen, lohnt es sich für die Konsumenten, Geld zu horten. Zudem erhöht sich dadurch der reale Wert der Schulden, was immer mehr Schuldner in den Bankrott treibt und den Wunsch, Geld bar zu halten, erst recht erhöht.

Das Schreckgespenst der Deflation

Die aktuell tiefen Zinsen verweisen auch direkt auf verbreitete Deflationserwartungen: Denn Gläubiger, wozu auch die Käufer von Staatsobligationen gehören, erhalten bei einer Deflation nach Ablauf einer Obligation allein durch das sinkende Preisniveau mehr Kaufkraft zurück; der reale Zins ergibt sich daher durch die Addition von Nominalzins und Deflation. Die aktuell tiefen Zinsen würden bei einer erwarteten Deflation von rund 1 Prozent deshalb zu Realzinsen um 2 Prozent führen. Ein Wert, der beim langfristigen Durchschnitt liegt.

Ein Teil des Rätsels liegt darin, dass sich die äusserst pessimistischen Erwartungen der Obligationenmärkte nicht in anderen Indikatoren zur weiteren weltweiten Konjunkturentwicklung wiederfinden. Die meisten Erhebungen gehen zwar weltweit von einer Abschwächung der Wachstumsdynamik aus, bisher aber nicht von einem Rückfall in die Rezession. Am ehesten Bestätigung findet das Krisenszenario in den jüngsten Wirtschaftsdaten aus den USA. Kein Wunder schliessen immer mehr Konjunkturbeobachter eine weitere Rezession zumindest in der grössten Wirtschaftsmacht der Welt nicht mehr aus. Doch bei einem solchen Szenario müssten auch die Aktienmärkte weit schlechter abschneiden als bisher. Denn würde auf allen Märkten eine erneute weltweite Rezession erwartet, würden Aktienanleger auch von tieferen Umsätzen und Gewinnen der Unternehmen ausgehen.

Wo bleibt die Angst vor explodierenden Staatsschulden?

Der zweite Teil des Rätsels betrifft die Staatsverschuldung. International macht der schlechte Zustand der Staatsfinanzen, auch der reichen Länder, Schlagzeilen. Würde auf den Märkten für Staatsobligationen tatsächlich die Furcht vorherrschen, dass die Staaten ihre Schulden nicht mehr ganz zurückzahlen können oder sie sich ihrer durch Inflation entledigen, müssten die Zinsen steigen und nicht sinken. Jene Ökonomen, die eine anhaltende oder verschärfte Krise kommen sehen, glauben daher, dass diese Angst die Sorge um die Staatsfinanzen bei Weitem übersteigt und dass daher die Schuldpapiere des Staates noch immer als die sicherste Anlagealternative betrachtet werden.

Die Lösung dieser Rätsel hat für die Kapitalmärkte ganz entscheidende Konsequenzen. Stellt sich der Optimismus der Aktienmärkte als zutreffend heraus, dann sind die Staatsobligationen massiv überbewertet – einige sprechen sogar von einer Blase – und ihre Preise werden massiv einbrechen. Die Angst um die Staatsfinanzen wird dann dominieren. Stellt sich dagegen der Pessimismus der Obligationenmärkte als zutreffend heraus, sind die Aktienmärkte überbewertet. Ein Preissturz wäre da die Folge. Das erklärt auch die Nervosität an den Börsen

Episoden der Vergangenheit sprechen für die Aktienmärkte

Wer am Ende recht hat, sei «sehr schwierig zu beantworten», sagt Claude Zehnder, Chefanalyst der Zürcher Kantonalbank, und drückt damit aus, was sich in den meisten Anlagekommentaren wiederfindet. Immerhin zählt sich Zehnder eher zu den Optimisten. Ein Grund dafür ist für ihn ein Blick in die Vergangenheit. Denn Konstellationen, in denen die Kurse auf den Aktienmärkten und jene auf den Obligationenmärkten konträre Erwartungen ausgedrückt haben, hat es immer wieder gegeben. Zehnder verweist auf eine neue Studie der Citigroup. Darin wurden zehn vergangene Episoden untersucht, in denen eine ähnliche Konstellation vorgeherrscht hat. Immerhin in sechs davon hat sich die optimistische Einschätzung der Aktienmärkte als die richtige herausgestellt, nur in zwei die pessimistische der Obligationenmärkte. In zwei Episoden hat keine der beiden Extremansichten dominiert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.08.2010, 17:47 Uhr

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33 Kommentare

Martin Waeber

20.08.2010, 08:23 Uhr
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Zwei Wahrheiten bleiben: Erstens weiss niemand so recht wohin die Reise geht und noch viel weniger wann etwas passiert, egal wie krampfhaft dies im Moment versucht wird und auch wenn Berufspessimisten wieder Hochkonjunktur haben. Zweitens hat die Vergangenheit gezeigt, dass aus eben dieser Vergangenheit nicht zu viele Schlüsse auf die Zukunft gezogen werden sollten. Antworten


Erich Brunner

19.08.2010, 18:02 Uhr
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Die Situation des Westens kann mit Japan verglichen werden. In Japan sind die Schulden noch grösser. Europa und die USA können es sich nicht leisten die Zinsen zu erhöhen. Man wird sich niedrig behalten und die Inflation herunterreden. Solange Europa und die USA so verschuldet sind, werden die Zinsen tief bleiben. Im Unterschied zu Japan ist der Westen nicht so autark und erholt sich schneller. Antworten



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