Wirtschaft
Das Scheitern der Euro-Vorläufer
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 23.03.2010 6 Kommentare
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Euro in der Krise: Die Serie
Tagesanzeiger.ch/Newsnetz berichtet in einer losen Serie über die Probleme der europäischen Währung sowie Gewinner und Verlierer der Euro-Krise.
Im ersten Teil haben Sie gelesen: Der wahre Grund für die Euro-Krise. Die aktuelle Krise beruht auf Fehlentscheiden, die vor Jahrzehnten gefällt wurden.
Im zweiten Teil haben Sie gelesen: Das Verhängnis des frühen Erfolgs. Warum der Euro erst zur Erfolgsgeschichte wurde und weshalb sich gerade deshalb wesentliche Schwächen verschärft haben.
Im dritten Teil haben Sie gelesen: Wahn und Grössenwahn. Warum der Euro nie zur Weltwährung wird und weshalb der chinesische Renminbi diese Rolle einnehmen wird.
Im aktuellen vierten Teil lesen Sie jetzt: Das Scheitern der Euro-Vorläufer. Das «Bretton Woods»-System und andere Versuche mit Währungsvereinigungen.
Im fünften Teil lesen Sie am nächsten Donnerstag: California Dreaming. Warum die Schulden Griechenlands im Vergleich zu denen des US-Bundesstaates für die Weltwirtschaft kaum ins Gewicht fallen.
Die gegenwärtige Krise des Euro ist bis fast in die Details ein «Dejà vu»-Erlebnis der Weltgeschichte. Seit jeher haben Länder versucht, ihre Währungen fest aneinander zu binden oder durch eine neue zu ersetzen. Die Lehre für den Euro aus diesen Versuchen ist eher ernüchternd: Die Versuche sind fast immer gescheitert.
Versucht hat man es immer wieder, weil fixe Wechselkurse oder eine Einheitswährung für mehrere Länder das wirtschaftliche Leben wesentlich vereinfachen. Besonders wenn Länder durch umfangreiche wirtschaftliche Beziehungen eng miteinander verbunden sind, stören starke Schwankungen der gegenseitigen Wechselkurse enorm: Investitionen, Arbeitseinsätze, Ferien, Verkäufe und Einkäufe in anderen Ländern sind dann mit grossen Risiken verbunden. Auf die Preise ist dann kein Verlass mehr. Bei einer Einheitswährung entfallen zudem die Kosten für den Tausch in die unterschiedlichen Währungen. Allein vom Wegfall dieser Unsicherheiten und Transaktionskosten hat sich Europa dank dem Euro ein höheres Wachstum versprochen.
Eine Stabilität auf Kosten der anderen
Doch die Stabilität in den Währungsbeziehungen wird mit einer weniger stabilen Konjunktur erkauft. Denn die Geldversorgung einer Volkswirtschaft – die Geldpolitik – kann sich im Fall von fixen Wechselkursen nur dem Ziel verschreiben, das Währungsverhältnis stabil zu halten. Brechen zum Beispiel inländische Investitionen, der Konsum oder die Exporte ein, kann ein Land nicht die Leitzinsen senken und die Geldmenge erhöhen, um der Wirtschaft wieder auf die Sprünge zu helfen, denn das würde die Währung schwächen und damit das fixe Währungsverhältnis aushebeln. In einer Währungsunion ist es einem Mitgliedsland sogar gänzlich unmöglich, die Geldmenge im eigenen Land zu beeinflussen.
Dazu kommt ein weiteres schwerwiegendes Problem: Aussenhandelsungleichgewichte können nur schwer korrigiert werden. Wie heute die Spannungen etwa zwischen China und den USA oder innerhalb der EU zwischen Deutschland und südlichen Ländern zeigen, haben diese Ungleichgewichte grosse politische Sprengkraft. Deutschland wie China exportieren mehr als sie importieren. Auf der anderen Seite müssen andere Länder umgekehrt mehr importieren und sich gegenüber dem Ausland verschulden.
Die brutale Anpassung über die Preise
Bei flexiblen Wechselkursen wird die Währung des Landes mit einem Exportüberschuss teurer, was dessen Produkte verteuert, jene des Importlandes werden relativ günstiger. Die Ungleichgewichte werden abgebaut. Bei fixierten Währungen – die Chinesen haben ihren Renminbi an den Dollar gebunden – und in einer Währungsunion entfällt dieser Ausgleich. Er kann dann nur «real» stattfinden. Das heisst Defizitländer müssen ihre Preise und Löhne senken. Das führt in der Regel zu politischen und wirtschaftlichen Krisen. Diese Widersprüche durchziehen die Geschichte der Wirtschaftskrisen. Selbst das schlimmste Desaster der jüngsten Zeit, die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre, hat hier ihren Ursprung. Die Weltwährung war damals das Gold. Konkret versuchten alle grossen Volkswirtschaften, ihre Währung in einem fixen Verhältnis zum Gold zu halten. Der Einbruch der amerikanischen Wirtschaft nach 1929 hätte sich durch Geldspritzen der Zentralbank mildern lassen. Doch die Bindung an das Gold liess eine solche Politik nicht zu. Die Folge war eine schlimme Deflation – sinkende Preise, sinkende Löhne und steigende Realzinsen führten zum Einbruch des Konsums und der Investitionen und in der Folge zu einer äusserst dramatischen und anhaltenden Arbeitslosigkeit. Dass andere Länder darauf den Handel eingeschränkt haben, verschärfte die Krise weltweit zusätzlich.
Grosse Pläne für die Nachkriegsordnung
Besonders viel Anschauungsmaterial für die Schwierigkeiten einer Währungsunion und von fixierten Wechselkursen bietet die Geschichte des «Bretton Woods»-Systems. Dieses ist nach dem gleichnamigen Badeort im US-Bundesstaat New Hampshire benannt, wo 1944 an einer Konferenz das Währungssystem der westlichen Länder unter der Federführung der USA und Grossbritanniens für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Taufe gehoben wurde. Die Politiker und Ökonomen sahen in den internationalen wirtschaftlichen Verwerfungen vor dem Weltkrieg eine wichtige Ursache für den Krieg. Mit dem neuen Währungssystem sollte so etwas vermieden werden.
Als prophetisch erwiesen sich vor allem die Vorstellungen des damals führenden Ökonomen John Maynard Keynes, einem der Architekten des neuen Währungssystems. Er war als Vertreter Grossbritanniens in Bretton Woods. Keynes wollte eine neue Währung schaffen, «Bancor» genannt. Der «Bancor» sollte an 30 Rohstoffe, unter anderem Gold gebunden werden, um das Geld in realen Grössen zu verankern. Die neue Währung sollte allerdings die nationalen Währungen nicht ersetzen, sie sollte vor allem als Reservewährung dienen, an die alle beteiligten Währungen gebunden sein sollten – geringe Schwankungen sollten zulässig bleiben.
Die Voraussicht des John Maynard Keynes
Keynes wollte sogar noch weiter gehen. Er wollte dafür sorgen, dass auch Länder mit anhaltenden Zahlungsbilanzüberschüssen etwas dagegen unternehmen. Dafür hat er Mechanismen vorgeschlagen, die die Überschüsse bestraft hätten. Die Länder hätten dann alles getan, um auch den Inlandkonsum zu stärken und um vermehrt Produkte von Defizitländern zu importieren. Mit all diesen Vorschlägen setzte sich Keynes nicht durch. Viele der Schwierigkeiten des Systems hätten sich mit ihnen zumindest mindern lassen.
Das Resultat der Verhandlungen trug die Handschrift der Amerikaner. Vor allem ihres Verhandlungsführers Harry Dexter White. Statt dem «Bancor» nahm der Dollar im System die Rolle der Weltreservewährung ein. An die US-Währung wurde der Wert aller anderen Währungen innerhalb einer Schwankungsbreite fest gebunden. Der Dollar wiederum musste durch Gold gedeckt sein. Die Amerikaner verpflichteten sich, jederzeit Dollars gegen einen festgelegten Goldbetrag einzutauschen. Hier zeigt sich ein Muster, dass allen Währungssystemen gemeinsam ist: In ihrem Zentrum steht das Geld einer wirtschaftlichen und politischen Macht. Im Fall des Euro war das die deutsche Mark. Die Gemeinschaftswährung hat bloss deren Nachfolge angetreten.
Das «Bretton-Woods»-Baby Währungsfonds
Im Unterschied zum Euro-System enthielt das von «Bretton Woods» Mechanismen und Institutionen, um mit Rezessionen und Handelsbilanzungleichgewichten in Mitgliedsländern umzugehen. Eine individuelle Geld- und Währungspolitik war schliesslich nicht mehr möglich. Der Internationale Währungsfonds wurde damals aus der Taufe gehoben. Er sollte Ländern in Not mit Krediten zur Verfügung stehen. Die Mittel dazu sollten alle Mitgliedsländer entsprechend einer zugeteilten Quote dem Fonds zur Verfügung stellen. Um auch Gelder für die längerfristige Entwicklung sprechen zu können, wurde zudem die Weltbank gegründet. In der Europäischen Union wird erst seit der Griechenlandkrise ernsthaft über die Einrichtung eines Währungsfonds debattiert, der im Euroraum eine ähnliche Funktion einnehmen soll, wie der IWF im «Bretton Woods»-System.
Während der IWF und die Weltbank überlebt haben, gilt das nicht für das «Bretton Woods»-System. Es ist wie andere Währungssysteme an seinen inneren Gegensätzen zerbrochen. Anhaltende Zahlungsbilanzungleichgewichte und unterschiedliche konjunkturelle Entwicklungen führten immer wieder zu grossen wirtschaftlichen und politischen Spannungen zwischen den Mitgliedsländern. Die vereinbarten Austauschverhältnisse der Währungen mussten wiederholt angepasst werden.
Der grosse Missbrauch durch die Amerikaner
Ruiniert wurde das System in den 1960er Jahren durch die Amerikaner, die es dominierten. Sie foutierten sich zunehmend um die Golddeckung des Dollars. Um ihre Staatsausgaben und den Vietnamkrieg zu finanzieren, druckten sie die Währung praktisch nach Belieben. Die übrigen Ländern mussten mitziehen und subventionierten damit über eine höhere Inflation die US-Regierung. Weltweit wurde bezweifelt, ob die Amerikaner noch über genügend Gold zur Deckung der Dollars verfügten. Am 15. August 1971 verkündete US-Präsident Richard Nixon schliesslich die Aufhebung der Tauschbarkeit von Dollar in Gold. (Seine Originalrede ist oben unter Bild 6 als Video zu sehen). Danach brach das «Bretton Woods»-System wie ein Kartenhaus zusammen. Die Folge waren weitere Wirren, doch immerhin hatten die einstigen Mitgliedsländer eigene Währungen, auf die sie sich nun stützen konnten. Bei einem Zusammenbruch der Europäischen Währungsunion wäre das nicht der Fall. Die Katastrophe für die Mitgliedsländer wäre deshalb unvergleichlich grösser. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.03.2010, 17:22 Uhr
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6 Kommentare
Das Abkommen mit Bretton Woods kann man nicht bzw. nur sehr bedingt mit dem Euro vergleichen. Bei Bretton Woods war die Konvertabilität der Währungen nicht gegeben. Die USA haben dies für ihre Wirtschaftspolitik missbraucht. Die Ursache beim Euro liegen woanders. Antworten
Heinrich Bortis, Ökonomieprofessor an der Uni Fribourg und versierter Kenner des Keynesianismus, analysierte und prophezeite dies alles schon 1992 in "EWR & EG - Irrwege in der Gestaltung Europas". Die politisch Verantwortlichen tun sich und den ihnen anvertrauten Menschen einen grossen Gefallen, wenn sie sich mit seinen angebotenen Alternativen befassen, die er "sozialen Liberalismus" nennt. Antworten
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