Wirtschaft

«Das Schuldenproblem ist grösser, als wir angenommen haben»

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 30.11.2011 48 Kommentare

Die Wirtschaft stagniert, die Arbeitslosigkeit wächst, die Inflation beginnt zu schmerzen: Der Sparkurs der britischen Regierung ist gescheitert.

Ihr Plan ist gescheitert: Premierminister David Cameron, Finanzminister George Osborne (r.).

Ihr Plan ist gescheitert: Premierminister David Cameron, Finanzminister George Osborne (r.).
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Grossbritannien streikt

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Rund zwei Millionen Angestellte des öffentlichen Sektors protestieren gegen die geplanten Reformen von Premier Cameron.

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Im Mai 2010 kam im Vereinigten Königreich eine konservativ-liberale Regierung an die Macht. Sie hatte einen klaren Plan: Zuerst wird eisern gespart und die Staatsfinanzen werden saniert. Auf diese Weise schafft man ein Umfeld, in dem sich die Wirtschaft erholen kann. Wenn es dann 2015 auf die Neuwahlen zugeht, kann geerntet werden: Eine boomende Wirtschaft, gesunde Staatsfinanzen und neue Steuerkürzungen machen die Wiederwahl zum Kinderspiel.

Der Plan ist gescheitert, und zwar gründlich. Das Staatsdefizit zu verringern, sei «sehr viel schwieriger, als man sich je hätte vorstellen können», bekannte ein zerknirschter Premierminister David Cameron. Sein Finanzminister George Osborne hat in seinem neuen Budget nun erste, kleine Kursänderungen vorgenommen: Die Regierung will nun fünf Milliarden Pfund zusätzlich in die Infrastruktur buttern und ermuntert die Pensionskassen, es ihr gleichzutun und ebenfalls 20 Milliarden Pfund in Strassen und Schienen zu investieren. Auch die Schulen sollen 1,2 Milliarden Pfund mehr erhalten.

Eine Million ohne Job

Das ist ein Tropfen auf den heissen Stein und wird nichts daran ändern, dass die britische Wirtschaft grosse Probleme hat. In den letzten zwölf Monaten ist sie kaum gewachsen, die Prognosen sind düster: Die offizielle Regierungsstelle, das Office for Budget Responsibility (OBR), rechnet für 2012 mit einem Wachstum von 0,7 Prozent, ursprünglich waren es 2,5 Prozent. Gleichzeitig verschlechtert sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt fast täglich. Inzwischen sind rund eine Million erwerbsfähige Briten ohne Job. Bedenklich ist vor allem die Situation der Jungen: In der Altersgruppe 16 bis 24 beträgt die Arbeitslosenquote bereits 22 Prozent.

Die Notenbank hat ihre Munition weitgehend aufgebraucht. Wie das US-Fed hat auch die Bank of England mehrere Runden des sogenannten Quantiative Easing (QE) gedreht. Mit anderen Worten: Sie hat Geld gedruckt und damit verhindert, dass die Wirtschaft noch schlimmer eingebrochen ist. Allerdings erweist sich diese Strategie als wenig nachhaltig. Die Bank of England musste kürzlich melden, dass es «wenig Anzeichen dafür gibt, dass wegen des QE die Banken ihre Kredite erhöht oder dass die Zinsen für Privathaushalte merklich gesunken» wären. Umgekehrt bekommen die Briten die Folgen einer deutlich gestiegenen Inflation immer schmerzlicher zu spüren.

«Unser Schuldenproblem ist grösser als angenommen»

Konservative Briten sind offen schadenfreudig über die Schwierigkeiten des Euro. Hardliner fordern gar einen Austritt aus der EU. Ökonomisch gesehen ist das wenig sinnvoll. Angesichts der düsteren Situation auf dem Binnenmarkt wird die britische Wirtschaft immer abhängiger vom Export. Fast die Hälfte dieser Exporte geht in die Eurozone. Deshalb leiden auch die Briten unter den Folgen der Eurokrise.

Vor Jahresfrist war die britische Regierung mit ihrem überharten Sparkurs der Hoffnungsträger der Konservativen rund um den Globus. Doch diese Politik ist gescheitert. «Unser Schuldenproblem ist grösser, als wir angenommen haben», muss selbst Finanzminister Osborne einräumen. «Der Boom war grösser, als wir gedacht haben, aber auch der Kollaps, und wir werden die Effekte länger spüren, als wir geglaubt haben.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.11.2011, 11:18 Uhr

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48 Kommentare

lucius mayer

30.11.2011, 12:01 Uhr
Melden 73 Empfehlung

«Der Westen» hat während der letzten 40 Jahre viel zu viele Industriearbeitsplätze nach Asien exportiert. Nun erhält er dafür die Rechnung. Antworten


Ernst Dittmar

30.11.2011, 11:38 Uhr
Melden 68 Empfehlung

Vielleicht wäre es eine gute Idee, Konsumprodukte durch Briten in Grossbritannien herstellen zu lassen, statt alles gegen Devisen aus China zu importieren. So könnte auch das Know How in Grossbritannien erhalten werden. Antworten



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