Wirtschaft
Das Weltzentrum des 21. Jahrhunderts
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Die Olympischen Spiele waren Pekings grosser Auftritt auf der Weltbühne – und die Weltausstellung ist der «Debütantenball» Shanghais. Nach offiziellen Angaben hat Chinas Regierung mehr als 4 Milliarden Dollar in die Expo investiert – neben 45 Milliarden, die in die Verbesserung der städtischen Infrastruktur geflossen sind.
Damit wurde mehr Geld in die Hand genommen als für die Olympischen Sommerspiele. Shanghai bereitet sich darauf vor, eine Vision zu erfüllen, die seit dem frühen 20. Jahrhundert besteht: Die Stadt soll das London und das New York von China sein. Führt man sich vor Augen, dass Shanghai schon 1930 mehr Autos hatte als New York, klingt dieser Plan keineswegs utopisch.
Grosse Lohnschere
Nachdem Schanghai 2002 zum Expo-Veranstalter auserkoren wurde, hat die Regierung damit begonnen, eine Fläche von 5 km² am Huangpu-Fluss zu roden. 18'000 Familien und 270 Fabriken wurden umgesiedelt, zahlreiche U-Bahn-Linien zusätzlich errichtet. Neben neuen Strassen, Brücken und Tunnels entstand der grösste Verkehrsknotenpunkt Asiens, der den erweiterten Flughafen Hongqiao mit fünf U-Bahn-Linien und einem hochmodernen Bahnhof verbindet.
Die Expo-Vorbereitungen waren enorm. Nicht nur, um sich vor der Welt zu präsentieren und den Besucherrekord der Expo in Osaka (64 Millionen) zu knacken. 70 Millionen chinesische Besucher werden erwartet, 100 Millionen Tickets wurden gedruckt. Die Expo wird auch dazu genutzt, Shanghai seinem Ziel einen Schritt näher zu bringen: ein Weltzentrum des 21. Jahrhunderts zu werden und damit eine ähnliche Rolle zu spielen wie London und New York im 19. und 20. Jahrhundert.
Grosse Lohnschere
Shanghai ist die «Hauptstadt» des Jangtse-Deltas, das sich rund 300 km südlich und nördlich der Stadt erstreckt. Das Delta ist für 20 Prozent von Chinas Bruttoinlandprodukt verantwortlich, obwohl es auf bloss 2 Prozent der Landesfläche nur 10 Prozent der Bevölkerung beheimatet. Die Hälfte aller ausländischen Investitionen in China fliesst in diese Region. Die Metropole ist Standort für die Hälfte aller Forschungszentren. Darüber hinaus ist der Containerhafen der zweitgrösste der Welt.
Die Finanzkrise und Pekings Strategie, künftig weniger vom Export abhängig zu sein, haben die Entwicklung des Binnenmarktes zu einem zentralen Faktor gemacht. Die chinesische Mittelschicht ist aber vor allem in den Küstenregionen zu finden. Es ist kein Zufall, dass – wegen teurer Logistik und zu wenig qualifizierten Managements im Binnenland – nach wie vor mehr als 90 Prozent der Exportgüter in einer Küstennähe von 150 km oder weniger hergestellt werden. Chinas Küstenregionen sind durch ihr exportorientiertes Wachstum, ausländische Investitionen und durch das Knowhow ausländischer Firmen wohlhabend geworden.
Spannungen abbauen
Als Folge davon sind die Ungleichheiten zwischen benachbarten Regionen sehr gross. So ist das durchschnittliche Gehalt in Shanghai fast doppelt so hoch wie das in der benachbarten Provinz Anhui. Der Mindestlohn in Anhuis Hauptstadt Hefei liegt 35 Prozent unter dem Mindestlohn in Suzhou, einem bevorzugten Produktionszentrum nur 100 km nordwestlich von Shanghai.
Um Chinas Wachstum weiter zu gewährleisten und Spannungen zwischen den schnell reicher werdenden Küstenbewohnern und den Bauern im Binnenland zu vermeiden, ist es im nächsten Jahrzehnt Chinas oberste Priorität, das Hinterland nachhaltig zu entwickeln. Das bietet auch die Chance, den Export auf hohem Niveau zu halten: Während die Mindestlöhne in den Küstenregionen 20 bis 30 Prozent gestiegen sind, können die Mindestgehälter in Anhui und Hebei mit den Löhnen in Indonesien konkurrieren und liegen nur 20 Prozent über dem Niveau in Vietnam.
Moderne Infrastruktur
Um alle Chancen voll auszuschöpfen, baut China an den Ufern des Jangtse mehrere Containerhäfen, die eine so problemlose Verschiffung von Gütern ermöglichen werden wie in den Küstenstädten. Wuhan, die Hauptstadt von Hebei, hat schon einen solchen Hafen, während Chongqing, 1500 km landeinwärts gelegen, einen errichtet. Obwohl Häfen Schlüsselelemente des Handels und des Vermögensaufbaus sind, darf nicht vergessen werden, dass sie nur eine Voraussetzung für die Entwicklung sind. Um internationale Märkte effektiv bedienen zu können, braucht es zudem organisiertes Management, ausgebildetes Personal und Fachwissen
Um den logistischen Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden, baut Shanghai den Flughafen Hongqiao zu einem der grössten Verkehrskreuze der Welt aus. Die Anbindung an Hongqiao soll dabei durch Magnetschwebebahnen, fünf U-Bahn-Linien und Hochgeschwindigkeitszüge (mit einem Tempo von bis zu 400 km/h) sichergestellt werden. 2020 soll der Knotenpunkt 400 Millionen Passagiere pro Jahr abfertigen. Zum Vergleich: Die Grand Central Station in New York wird mit 60 Millionen Fahrgästen pro Jahr fertig.
Neue Vision
Neben einer Hochgeschwindigkeits-Zugverbindung zwischen der Hauptstadt Peking und der Finanzmetropole mit einer Fahrzeit von viereinhalb Stunden soll es auch eine Verbindung nach Chengdu geben, die die Passagiere in nur sieben Stunden in die weit westlich gelegene Stadt befördert. Hefei und Wuhan, heute noch zu weit entfernt, um Teil des Grossraums Shanghai zu sein, könnten so von Hongqiao aus in dreieinhalb und anderthalb Stunden erreicht werden. Die neuen Züge werden Tagesausflüge erlauben und die beiden Grossstädte mit fünf bzw. sieben Millionen Einwohnern zu einem Teil des ökonomisch starken Jangtse-Deltas machen.
Noch vor zehn Jahren nahm eine Fahrt in die benachbarten Küstenstädte Suzhou und Hangzhou genauso viel Zeit in Anspruch. Diese schon jetzt stark verbesserte Anbindung hat die beiden Städte zu beliebten Produktionsorten gemacht – sie boomen wie Schanghai. Mitsamt den angehörigen Provinzen würden Hefei und Wuhan mehr als 130 Millionen Einwohner dem Grossraum Schanghai hinzufügen.
Mehr und mehr entwickelt sich Shanghai so zu Chinas ökonomischem Brückenkopf in die Welt. Zweifelsohne setzt eine solch grosse und dynamische Region die logistische Infrastruktur einer Weltstadt voraus. Genau das ist Shanghais Chance. Die Zentralregierung hat vor kurzem eine neue Mission für die Stadt verkündet: Bis 2020 soll Shanghai das globale Wirtschafts- und Finanzzentrum sein – inmitten des Jangtse-Deltas, das bald eine grössere Bevölkerung haben wird als die USA.
* Nicolas Musy ist Managing Director des Swiss Center Shanghai. (Finanz und Wirtschaft)
Erstellt: 26.08.2010, 10:28 Uhr



