Das falsche Wirtschaftswunder

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 31.08.2010 19 Kommentare

Unflexibel, zu teuer und zu korporatistisch: Lange wurde die deutsche Wirtschaftspolitik von den Angelsachsen heftig kritisiert. Jetzt wird sie plötzlich über den grünen Klee gelobt. Aus den falschen Gründen.

«Mehr Sorge getragen als die Amerikaner»: Produktion von Solarenergie-Komponenten der Signet Solar in Mochau bei Dresden.

«Mehr Sorge getragen als die Amerikaner»: Produktion von Solarenergie-Komponenten der Signet Solar in Mochau bei Dresden.

USA: Rezessionsangst geht um

US-Präsident Barack Obama kündigte gestern Montag in einer mit Spannung erwarteten Rede zwar neue Konjunkturprogramme an, konnte die Sorgen der Anleger damit aber nicht zerstreuen. Die Börsianer vermissten in Obamas Äusserungen konkrete Vorhaben und liessen die Kurse weiter abgleiten.

Auch der grösste Anstieg bei den US-Konsumausgaben seit vier Monaten überzeugte nicht. Die überraschende Spendierfreude der amerikanischen Konsumenten sei nicht von Dauer, befürchteten Anleger. Deshalb richteten viele ihren Blick auf neue Konjunkturdaten im Verlauf der Woche.

Der Dow-Jones-Index der Standardwerte pendelte im Verlauf zwischen einem Hoch von 10'150 und einem Tief von 10'007 Punkten. Er schloss 1,4 Prozent leichter bei 10'009 Zählern. Der breiter gefasste S&P-500-Index gab 1,5 Prozent auf 1048 Stellen nach. Der Index der Technologiebörse Nasdaq sank um 1,6 Prozent auf 2119 Punkte. (sda)

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David Brooks, Kolumnist in der «New York Times», gilt als einer der einflussreichsten Kommentatoren der Gegenwart. Er ist modern neokonservativ und ein glänzender Schreiber. Kürzlich hat er sich zur deutschen Wirtschaftspolitik geäussert. «Es geht darum, die wesentlichen Dinge in den Griff zu bekommen», stellt Brooks fest. «Den Deutschen geht es derzeit besser, weil sie in den letzten zehn Jahren mehr Sorge zu den fundamentalen Dingen getragen haben als die Amerikaner.»

Die Deutschen sollen mehr Sorge zu den fundamentalen Dingen getragen haben? Wer die wirtschaftspolitische Diskussion der letzten zehn Jahre verfolgt hat, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Jahrelang hat es sich doch sehr anders angehört. Gerade neoliberale amerikanische Ökonomen kritisierten die angeblich unflexiblen Zustände auf den deutschen Arbeitsmärkten äusserst vehement. Zusammen mit den viel zu starken Gewerkschaften und den viel zu grosszügigen Sozialabgaben seien sie verantwortlich für den unaufhörlichen Niedergang der deutschen Wirtschaft, klagten sie und forderten im Einklang mit Arbeitgebervertretern und Scharfmachern von den Deutschen Reformen, Reformen und nochmals Reformen. Nur so könne verhindert werden, dass Deutschland zu einem Armenhaus herabsinke.

Nicht an angelsächsische Rezepte gehalten...

Warum sollen die Deutschen nun plötzlich die «fundamentalen Dinge» im Griff haben? Die konjunkturelle Wetterlage hat sich auf beiden Seiten des Atlantiks sehr rasch sehr stark verändert. Die amerikanische Wirtschaft befindet sich bereits in einer «gefühlten Rezession», will heissen, das Wachstum ist so schwach geworden – 1,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) im letzten Quartal –, dass mehr Arbeitsplätze vernichtet als geschaffen werden. Deutschland hingegen erlebt ein Sommermärchen: Die Wirtschaft boomt und es werden wieder neue Arbeitsplätze geschaffen.

Voraussetzung für diesen Boom war paradoxerweise, dass sich die deutschen Arbeitgeber im Krisenjahr 2009 nicht an angelsächsische Rezepte gehalten und sich sehr unflexibel verhalten haben. Anstatt massenhaft qualifizierte Arbeitnehmer zu entlassen, wurden sie mit Kurzarbeit bei der Stange gehalten. Jetzt wo Asiaten nach deutschen Autos schreien, ist genügend Personal da, um diese Nachfrage zu befriedigen. «Die Deutschen haben ein ökonomisches Modell geerbt, das auf Konsens beruht», lobt deshalb heute Brooks. «Dieses Modell hat Vorteile, es fördert die graduelle Innovation.»

...oder eben doch?

Doch die Kurzarbeit war eine Ausnahme. Grundsätzlich haben die Deutschen die Mahnrufe aus Übersee sehr ernst genommen. Sie haben reformiert und den Gürtel enger geschnallt. Entstanden ist so eine wettbewerbsfähige Exportindustrie, gepaart mit einem schwächlichen Binnenmarkt. Daran scheint auch das Sommermärchen nichts zu ändern. Wolfgang Münchau wundert sich in der «Financial Times», dass die Deutschen Arbeitnehmer selbst nichts vom Aufschwung haben. «Die nominalen Löhne bleiben eingefroren und werden auch in den nächsten Jahren höchstens sehr wenig ansteigen», stellt er fest.

Das Beklemmende ist, dass die Deutschen viel zu stark auf die angelsächsischen Kritiker gehört und ihre Wirtschaft in eine mächtige Exportmaschine ausgebaut haben, die zu einer Gefahr für das ökonomische Gleichgewicht innerhalb von Euroland wird. Und noch beklemmender ist, dass die deutsche Wirtschaftspolitik offenbar nicht gewillt ist, daran etwas zu ändern. Münchau kommt deshalb zu einer sehr viel düsteren Prognose. «Deutschlands wirtschaftliche Stärke wird wahrscheinlich anhaltend sein, aber auch giftig und langfristig möglicherweise selbst zerstörend.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.08.2010, 07:39 Uhr

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19 Kommentare

Roman Günter

31.08.2010, 12:18 Uhr
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Die USA importiert, lässt die Infrastruktur zerfallen und eine reiche Elite zapft direkt vom Hauptverteiler ab. DE exportiert, lässt die Infrastruktur zerfallen und die politische Elite zapft direkt vom Hauptverteiler ab. Wo ist da der wirkliche Unterschied? Beide System drohen zu implodieren. Leute wie Bush oder Gabriel sollten einfach nicht auf die Offentlichkeit losgelassen werden dürfen. Antworten


Rolf Schumacher

31.08.2010, 08:19 Uhr
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Deutschland hat starke Gewerkschaften, aber trotzdem. Die Arbeitnehmern verdienen in Deutschland heute so wenig, dass es viele vorziehen Hartz 4 zu beziehen und schwarz zu arbeiten. Vom Wirtschaftswunder kriegt der Deutsche nichts mit!!!! Das Wunder kam Zustande, weil es wenig Korruption gibt und D keine Grossmachtallüren (FR, GRB, USA) hat. Gut geht es nur der Elite auch in D. Antworten



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