Wirtschaft
«Das ist nicht genug»
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 04.08.2011 64 Kommentare
«Wir erhalten im schlimmsten Fall die Euro-Inflation von 2,6 Prozent»: Der Ökonom Peter Bernholz ist emeritierter Professor der Universität Basel und Verfasser einer Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum der Nationalbank.
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Wie beurteilen Sie die Massnahmen der Nationalbank?
Sie sind ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht genug. Die weitere Senkung des Zinssatzes bringt fast nichts, da er ja schon unter 1 Prozent liegt. Eine positive Wirkung kann also nur von der massiven Erhöhung der Geldmenge ausgehen. Die dazu vorgesehenen Massnahmen sind jedoch zu indirekt. Die SNB
(SNBN
1089
2.06%)
hätte besser gesagt, sie werde ein bestimmtes Wechselkursziel mit allen Mitteln verfolgen und die Geldmenge bei Bedarf durch Ankauf von Devisen beliebig erhöhen. Ob das Ziel dann deutlich über 1.15 oder höher hätte festgelegt werden sollen, hätte natürlich das Direktorium beschliessen müssen.
Weshalb wäre das besser gewesen?
Dadurch wären die Erwartungen stärker beeinflusst worden. Anders als es jetzt der Fall ist, hätte die SNB auch keine obere Grenze für die Frankenvermehrung angegeben. Auch ein Anstieg des Wechselkurses auf deutlich über 1.15 wäre möglich gewesen. Als Folge davon hätten jene, die mit dem Franken spekulierten, Verluste machen und kalte Füsse bekommen können. Sie hätten sich zurückgezogen, was dem Kurs nochmals geholfen hätte. Das alles wird auf dem indirekten Weg, den die SNB gewählt hat, nicht so gut erreicht.
Sie rechnen nicht mit einer raschen, markanten Entspannung der Lage?
Nein, denn die Erwartungen der Marktteilnehmer haben eine ungeheure Bedeutung. Diese wissen jetzt nicht, wie und wann der Frankenkurs fallen und ob die SNB durchhalten wird und wo ihr Ziel letztlich liegt. Die SNB äussert sich ja recht vage und unbestimmt.
Wie realistisch ist es denn, ein Kursziel anzustreben?
Länder wie Dänemark oder Litauen sind ohne jede Überbewertung Ihrer Währung in der Lage, ihre Währung an den Euro anzubinden und zu verteidigen. Also sollte die Schweiz mit dem überbewerteten Franken das auch können. China verteidigt sogar eine unterbewertete Währung seit 20 Jahren gegen den Dollar, natürlich mit einem massiven Kauf von Dollars.
Der chinesische Ansatz passt aber schlecht zur freien Marktwirtschaft.
Das ist richtig, aber wir streben ja auch keine Unterbewertung des Frankens an. Immerhin hat auch der sehr liberale Ökonom Milton Friedman schon vor Jahrzehnten gesagt, flexible Wechselkurse seien für kleine Länder nicht geeignet. Und Wirtschaftshistoriker wie der Währungsspezialist Charles Kindleberger wiesen schon immer darauf hin, dass bei flexiblen Wechselkursen mit starken Schwankungen gerechnet werden muss. Ich selbst habe in historischen Untersuchungen gezeigt, dass diese Kurse von der Kaufkraftparität plus/minus 30 Prozent abweichen können. Das ergibt die gewaltige Bandbreite von 60 Prozent. Dazu kommt, dass der Franken als Fluchtwährung dient.
Ist die Lage für die Nationalbank schwieriger als in den Siebziger- und Neunzigerjahren, als der Franken ebenfalls sehr stark war?
Ja, heute gibt es zum Beispiel keine D-Mark mehr. In die würde man heute auch fliehen, was vom Franken Druck wegnehmen würde. Die Volumen, die heute in den Franken drängen, sind viel grösser. Dann darf man nicht vergessen, dass der in unsern Augen schwache Euro gegenüber dem Dollar nach wie vor überbewertet ist. Wir sehen alles etwas stark aus der Schweizer Perspektive.
Welche Lehren müsste die SNB aus früheren Erfahrungen ziehen?
Die Universität St. Gallen und ich hatten im Oktober 1976 ebenfalls Interventionen gefordert. Bei einem inoffiziellen Gespräch des damaligen SNB-Präsidenten Fritz Leutwiler mit sechs Professoren hatte dieser die Frage nach den Kosten einer solchen Intervention gestellt. Das war genau gleich wie heute. Ich hatte ihm geantwortet: «Herr Leutwiler, das wird Sie mehrere Millliarden kosten. Aber wenn Sie länger warten, wird es Sie noch mehr kosten.» Genau das war 1978 dann der Fall. Jetzt ist die Ausgangslage etwas unglücklich. Durch die wohlgemeinte Intervention der SNB im vergangenen Jahr haben die Märkte den Eindruck erhalten, die SNB würde nicht durchhalten. Und wie ich eingangs gesagt habe, ist die Psychologie für die Erwartungshaltung der Märkte von entscheidender Bedeutung. Für eine wirksame Intervention braucht es ungeheuren Mut und Durchhaltevermögen.
Wie werden die SNB-Massnahmen den Immobilienmarkt beeinflussen?
Leider können wir dem Bären das Fell nicht waschen, ohne dass es nass wird. In gewissen Regionen haben wir jetzt schon eine gewisse Überhitzung. Somit hätte man die Zinsen aus geldpolitischer Sicht eigentlich schon erhöhen müssen. Aber die Probleme, die uns die Politiker im Euro- und Dollarraum beschert haben, lassen uns kaum eine Wahl. Wir sind auf einer Gratwanderung zwischen einem schweren Einbruch, der bei zu starker und zu langer Überbewertung entstehen könnte, und einer inflationären Entwicklung. Von der Inflation geht derzeit aber die geringere Gefahr aus. Wir erhalten im schlimmsten Fall die Euroinflation, und die liegt bei 2,6 Prozent. Das ist keine Katastrophe.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.08.2011, 18:18 Uhr
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64 Kommentare
Da preist die Wirtschaft immer den "freiem Markt". Dieser reguliere sich selbst und brauche keinen Staat. Tja, und jetzt "reguliert" sich halt dieser Markt wg. Frankenstärke. Und was geht ab? Jammern, klar! Von wegen freier Markt! Jetzt soll's die NB richten. Hat die Wirtschaft eigentlich im Sinn, demnächst mal wieder zu wirtschaften, statt zu lamentieren? Der Kapitalismus führt sich ad absurdum. Antworten
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