Das kaum beachtete «Jobwunder» der Schweiz

Die Zahl neu geschaffener Stellen seit dem Krisenjahr 1999 ist beachtlich. Und doch gibts mehr Arbeitslose.

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Nicht nur die Widerstandsfähigkeit und Robustheit der Schweizer Wirtschaft, mit Blick auf die hartnäckige Flaute in Europa, hat Konjunkturbeobachter ein ums andere Mal überrascht. Ähnlich sieht es auch beim Schweizer «Jobwunder» aus, wie es die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich im jüngsten, gestern veröffentlichten Analyseband bezeichnet: Die Experten haben die Beschäftigungsentwicklung hierzulande in den letzten Jahren chronisch und signifikant unterschätzt.

So hatte die KOF Mitte 2009, am Tiefpunkt des Wirtschaftseinbruchs, vorhergesagt, dass sich die Beschäftigung bis Ende 2012 nicht von ihrem Rückgang erholen werde. Tatsächlich aber wurden seit dem zweiten Quartal 2009, als die Beschäftigung ihren Tiefstand erreichte, 171'000 vollzeitäquivalente Stellen neu geschaffen, und die Zahl der Erwerbstätigen stieg um 224'000 oder 4,9 Prozent, wie die KOF in ihrem Analyseband festhält. Hauptnutzniesser waren erwerbstätige Ausländer: Ihre Zahl auf dem heimischen Arbeitsmarkt hat in den besagten vier Jahren um ansehnliche 10,3 Prozent zugelegt.

Der Beschäftigungsaufbau hat sich sodann beinahe ausschliesslich im Dienstleistungssektor vollzogen, wo im Beobachtungszeitraum 193'000 oder 6,6 Prozent zusätzliche Stellen entstanden sind. Der Löwenanteil hiervon entfiel auf staatsnahe Bereiche wie öffentliche Verwaltung, Gesundheits- und Sozialwesen sowie Erziehung und Unterricht. Dagegen konnte sich die Industrie von ihrem krisenbedingten Aderlass noch nicht erholen: Verglichen mit Mitte 2009 ist die Zahl ihrer Beschäftigten um 16'600 oder 2,5 Prozent geschrumpft.

KOF versus Gewerkschaftsbund

Der landesweit über Erwarten starke Stellenzuwachs widerspiegelt sich aber nicht in den Arbeitslosenzahlen. Im Gegenteil: Seit Mitte 2011 ist eine stetige Erhöhung der Arbeitslosenzahl um 18'600 auf 130'000 Personen zu verzeichnen. Wie ist diese der Intuition zuwiderlaufende Parallelität von zunehmender Beschäftigung und Arbeitslosigkeit zu erklären? KOF-Chef Jan-Egbert Sturm gab sich gestern vor Medienvertretern vorsichtig mit Verweis auf die relativ kurze Beobachtungsperiode.

Im Vordergrund steht die These, dass das Jobprofil der Arbeitslosen nicht zu den Stellen passt, die es zu besetzen gilt. Grund hierfür könnte laut Sturm sein, dass in der Wirtschaft eine Verschiebung von niedrig zu hoch qualifizierten Tätigkeiten stattgefunden hat. Die KOF stützt sich auf die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung ab, wonach die Erwerbstätigenzahl mit Universitäts- oder vergleichbarem Bildungsabschluss seit Mitte 2009 um 167'000 zugelegt hat – während die Zahl der Beschäftigten ohne solchen Abschluss um 5000 gesunken ist.

Widerspruch kommt aber von Daniel Lampart. Der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes erachtet nicht höhere Qualifikationsansprüche der Wirtschaft als Grund für die ungewöhnliche Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, sondern vielmehr branchenspezifische Ursachen: Stellensuchende in «frankengeschädigten» Wirtschaftszweigen wie der Maschinenindustrie und dem Tourismus oder im allseits verkleinerten Backoffice von Banken hätten es derzeit schwer, eine Beschäftigung zu finden. Ganz im Gegensatz zu Krankenpflegerinnen und Sanitärmonteuren auf dem Bau, von denen kein Hochschulabschluss erwartet werde.

Erhöhte Wachstumsprognosen

In ihrer Herbstprognose hat die KOF, die gestern ihr 75-jähriges Jubiläum feierte, die Schweizer Wachstumserwartungen für 2013 auf 1,9 (bisher: 1,4) Prozent und für 2014 auf 2,1 (2,0) Prozent angehoben. Dabei wird unterstellt, dass sich die Konjunkturdynamik allmählich von der Binnenwirtschaft auf die ausländische Nachfrage verlagert. Im Zuge dieser Entwicklung, die von der erhofften Erholung im Euroraum getragen wird, dürften auch die Ausrüstungsinvestitionen anziehen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 24.09.2013, 07:09 Uhr)

Arbeitslosigkeit- und Beschäftigungsentwicklung in der Schweiz. (Bild: TA-Grafik)

KOF-Prognosen: Die Veränderungen gegenüber dem Vorjahr. (Bild: TA-Grafik)

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