Wirtschaft

Das neue Wirtschaftswunder

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 19.11.2009 19 Kommentare

Kaum ein Land hat die Weltwirtschaftskrise besser gemeistert als Brasilien. Bereits 2010 wird das brasilianische Bruttoinlandprodukt um fünf Prozent wachsen.

1/9 Brasilien.JPG
2016 werden die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro stattfinden: Sandskulptur am Strand.
Bild: Reuters

   

Luiz Inácio Lula da Silva hat allen Grund zufrieden zu sein. Der Sohn armer Migranten aus dem Nordosten und ehemalige Gewerkschafter startet in sein letztes Jahr als Präsident Brasiliens. Und schon jetzt ist klar: Er wird das Land seinem Nachfolger in allerbestem Zustand übergeben. Zyniker scherzten bisweilen: «Brasilien ist das Land der Zukunft - und wird es immer bleiben». Das gilt nicht mehr. Die Welt hat aufgehört zu spotten. Brasilien ist tatsächlich das Land der Zukunft.

Führende Wirtschaftszeitungen und Magazine übertreffen sich denn auch mit wohlwollenden Berichten über das Wunder im 192-Millionen-Staat. «Economist» und «Financial Times», Leitmedien der weltweiten Wirtschaftspresse, warteten in den letzten Wochen beide mit Titelgeschichten und Hintergrundanalysen zu Brasilien auf. Darin zeigen sie den wundersamen Wandel des Landes. Das Land taumelte jahrzehntelang von einer Militärdiktatur zur nächsten und wurde wirtschaftlich wiederholt durch Hyperinflation zurückgeworfen. Jetzt meistert es die Wirtschaftskrise scheinbar mühelos: Nach einer äusserst milden Rezession soll gemäss den Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) das brasilianische Bruttoinlandprodukt bereits nächstes Jahr wieder um fünf Prozent wachsen.

«Rato, ich will dein Geld nicht»

Das ausgerechnet der IWF Brasilien lobt, ist für den Präsidenten ein ganz spezieller Triumph. «Ich habe Rodrigo de Rato persönlich angerufen, sagte Lula da Silva im Interview mit der «Financial Times» über ein Telefonat mit dem IWF-Finanzchef, «und ich habe ihm gesagt: ‹Rato ich will dein Geld nicht›». Der Stolz ist verständlich: Jahrzehntelang mussten brasilianische Präsidenten und Notenbanker mit dem Hut in der Hand beim Währungsfonds vortraben und um Kredite betteln. Jetzt leiht Brasilien dem IWF gar Geld – zum ersten Mal überhaupt. Und das wird sich so schnell nicht ändern. «Noch vor kurzem habe ich davon geträumt, dass wir eine Devisenreserve von 100 Milliarden Dollar haben», sagt der Präsident. «Bald werden es 300 Milliarden sein.»

Im September hat die Ratinagentur Moody’s brasilianischen Staatsanleihen das Gütesiegel «Investmentgrade» verliehen. Das bedeutet, dass Brasilien jetzt als sicherer Ort auch für institutionelle Anleger wie Versicherer und Pensionskassen gilt. Die Investoren lassen sich nicht zwei Mal bitten. So haben mitten in der Krise die Direktinvestitionen um 30 Prozent zugenommen. Zum Vergleich: Weltweit sind sie 14 Prozent gefallen. Brasilien fürchtet bereits, mit schnellem Geld überflutet zu werden. Um eine Überhitzung der Wirtschaft und eine Aufwertung der Landeswährung Real zu verhindern, hat die Regierung deshalb im Oktober eine Art Tobinsteuer erlassen: Wer in Brasilien investieren will, muss auf seinem Einsatz eine Steuer von zwei Prozent entrichten.

Der Rohstoffboom hilft

Wie ist das Wirtschaftwunder zu erklären? Es hat, wie so vieles, viele Väter. Bei Brasiliens ist einer besonders wichtig: Der wachsende Hunger der Welt nach Rohstoffen. Brasilien ist der grösste Exporteur von Kaffee, Zucker, Poulets, Rindfleisch und Orangensaft. Weil weltweit immer mehr Menschen immer mehr Fleisch essen wollen – vor allem im China –, ist auch der Export von Soja explodiert. Sojabohnen sind ein wichtiger Bestandteil von Tierkraftfutter. Zum Landwirtschaftsbusiness gesellt sich seit kurzem noch Öl. In den letzten Jahren hat die staatliche Erdölgesellschaft Petrobas vor der Küste wiederholt riesige Unterwasservorkommen entdeckt. Brasilien hat bereits Exportverträge mit China in der Höhe von zehn Milliarden Dollar abgeschlossen.

Die brasilianische Industrie wird ebenfalls von diesen Ölfunden profitieren. Die Regierung hat nämlich Petrobas verpflichtet, dass alles, was zur Ölförderung nötig ist, in Brasilien hergestellt werden muss. Daraus wird die heimische Industrie vielleicht sogar mehr Gewinn ziehen, als ihr lieb sein kann. «Früher haben sich die brasilianischen Intellektuellen Sorgen gemacht, weil ihr Land zu stark von Rohstoffen abhängig war», stellt der «Economist» fest. «Heute machen sie sich Sorgen, dass der neue Rohstoffreichtum dazu führt, dass die Währung des Landes immer stärker wird und damit die Industrie erstickt.»

Die Basis legte der Vorgänger

Der lukrative Export von Rohstoffen hat die wirtschaftliche Basis für das Entstehen eines brasilianischen Mittelstandes gelegt. Die politischen Voraussetzungen dazu hat Präsident Lulas Vorgänger, Fernando Henrique Cardoso geschaffen. In den Neunzigerjahren hat er für verlässliche Rahmenbedingungen gesorgt. Zwischen 1990 und 1995 lag die Inflation im Schnitt noch bei 764 Prozent – pro Jahr. Ein vernünftiges Wirtschaften war da unmöglich. Cardoso führte den Real Novo ein, verzichtete darauf, die neue Währung staatlich zu beeinflussen und verpflichtete die Notenbank zur Einhaltung von Inflationszielen.

Das zahlt sich nun aus. In den letzten fünf Jahren sind rund 30 Millionen Brasilianer der absoluten Armut entronnen, 20 Millionen zählen sich zum neuen Mittelstand. Damit ist im Land selbst ein positiver Feedback-Mechanismus in Gang geraten: Die Kriminalität geht zurück, der Konsum steigt, weil sich plötzlich Millionen von Menschen Konsum leisten können. Wie die Amerikaner sind die Brasilianer nämlich leidenschaftliche Shopper. Tiffany hat am meisten Filialen in São Paulo, wo auch Louis Vuitton die grössten Profite pro Quadratmeter Ladenfläche erzielt. Der «Economist» zitiert den Ökonomen Illan Goldfain: «Wenn die Welt Ausschau nach Sparern hält, dann ist Brasilien der falsche Ort. Geht es aber um Konsumenten, dann könnten wir behilflich sein.»

«Wir brauchen keinen Dollar»

Nicht nur wirtschaftlich, auch geopolitisch ist die Bedeutung Brasiliens rasant gewachsen. Aus dem unbedeutenden Entwicklungsland des 20. Jahrhunderts ist ein Mitglied der G-20 geworden, dem Gremium, in dem neuerdings die wichtigsten Fragen dieser Welt geregelt werden. Brasilien ist auch das B der so genannten Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China). Dieser Viererclub wird die Zukunft dieses Planeten massgeblich beeinflussen. Präsident Lula ist denn auch ein überzeugter Bric-Fan. Er setzt sich für regelmässige Zusammenkünfte der vier Länder ein. Seine Pläne sind hochfliegend. «Wir werden eine starke Allianz bilden», sagt er der «Financial Times» selbstbewusst. «An unserem ersten Treffen habe ich vorgeschlagen, dass wir beginnen, in unseren eigenen Währungen Handel zu betreiben. Wir brauchen keinen Dollar.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.11.2009, 13:32 Uhr

19

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

19 Kommentare

Marcel Zürcher

19.11.2009, 13:59 Uhr
Melden

Lieber Tagi, ist ja gut und recht, aber hat jemand gefragt zu welchem Preis die BRIC Staaten dies erwirtschaften? Macht doch bitte mal einen Bericht über die Landwirtschaft in Brasilien. Nicht dass ich die Leistung Brasiliens schmälern möchte, jeder Arme Mensch weniger ist ein positives Zeichen. Die Bric Staaten gehören heute neben den gewohnten Umweltverbrechern in die Topliga der Umweltsünder. Antworten


dieter pfeiffer

19.11.2009, 14:09 Uhr
Melden

liebe baz, Brasilien bleibt ein Land der ewigen Zukunft, nur die Betrachtungsweise der Auslandpresse hat sich geaendert. Wenn frueher alles nur negativ beurteilt wurde, so wird momentan das Meiste von Lulas Propagandapresse frei uebersetzt. Bei naeherer Analyse wird ersichtlich, dass die Wirtschaftsdaten alle geschoent sind, begonnen bei der Inflation bis zur Devisenreserve. Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Telefonbuch

Marktplatz

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.