Das virtuelle Fort Knox

Angela Merkel versucht mit allen Mitteln, die Eurozone vor dem Zerfall zu retten. Ihre Bemühungen haben einen simplen Grund: Deutschland befindet sich in einer Falle.

Hier werden die Export- und Importsalden zwischen den Ländern ausgeglichen: Frankfurt, Hauptsitz der EZB. (Archivbild)

Hier werden die Export- und Importsalden zwischen den Ländern ausgeglichen: Frankfurt, Hauptsitz der EZB. (Archivbild) Bild: Keystone

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Seit einiger Zeit geistert in der Eurodiskussion der Begriff Target-Salden herum. Auch die jüngsten Differenzen zwischen Frankreich und Deutschland drehen sich darum. Worum geht es? Hinter der Abkürzung Target versteht sich der Begriff «Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System». Bekannt gemacht hat diese Target-Salden der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn, der soeben auch ein Buch mit dem Titel «Die Target-Falle» veröffentlicht hat. Die Abkürzung Target tönt kompliziert und man kann tatsächlich auch sehr kompliziert darüber schreiben. Zum Glück gibt es auch eine verständlichere Variante, und die lautet so:

Ältere Semester und Liebhaber von James-Bond-Filmen können sich an Fort Knox erinnern. Dort wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein grosser Teil der Goldreserven der Länder aufbewahrt, die die Bretton-Woods-Verträge unterschrieben hatten. Zur Erinnerung: Die Währungen dieser Länder waren fix an den Dollar gebunden. Die US-Notenbank, das Fed, verpflichtete sich seinerseits, Dollars jederzeit zu einem fixen Kurs in Gold umzutauschen. In Fort Knox hatte jedes Land einen riesigen Tresor mit Goldbarren. Es handelte sich dabei nicht um einen gehorteten Schatz, sondern einen Währungs-Ausgleichsmechanismus: Länder mit Exportüberschüssen hatten eine starke Währung und konnten Gold horten, Länder mit einem Handelsdefizit mussten Gold abgeben. Mit Hubstaplern wurden die Goldbarren jeweils auf Paletten von einem Keller zum anderen gekarrt. Wenn also Grossbritannien ein chronisches Handelsdefizit auswies und Japan ein chronischer Überschuss, dann wurden eine entsprechende Zahl vom Keller Grossbritannien in den Keller Japan verfrachtet.

Deutschland ist erpressbar geworden

Die Target-Salden sind eine Art virtuelles Ford Knox. Die Tresore befinden sich dabei bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Über die Target-Konten gleichen die Notenbanken der Mitglieder der Einheitswährung ihre Export- und Importsalden ab, aber nicht physisch mit Gold, sondern virtuell. In den letzten Jahren haben sich auf diesen Salden gewaltige Ungleichgewichte aufgetürmt. Deutschland beispielsweise hat mittlerweile ein Plus von über 700 Milliarden Euro. Dem stehen beunruhigende Defizite von Ländern wie Spanien und Italien gegenüber.

Solange der Euro besteht, ist dies jedoch nur von buchhalterischem Interesse. Sollte der Euro jedoch auseinanderbrechen, dann ändert sich dies schlagartig. Dann müssen diese Konten real ausgeglichen werden, dann müssen also Goldbarren oder richtiges Geld verfrachtet werden. Hans-Werner Sinn vermutet mit guten Gründen, dass dies jedoch niemals geschehen wird. Bei einem Kollaps der Einheitswährung würde Deutschland keine Hartwährung und schon gar kein Gold erhalten, sondern Weichgeld und wertlose Schuldscheine. Deutschland ist deshalb erpressbar geworden und sitzt in der Target-Falle.

Auf Umwegen zum Exportweltmeister

Wie Deutschland in diese Falle geraten ist, darüber gibt es zwei sehr verschiedene Versionen. Die Berliner Sicht, die Angela Merkel diese Woche einmal mehr vor dem Bundestag vorgetragen hat und die von einer Mehrheit der Deutschen geteilt wird, lautet wie folgt: Nach der Wiedervereinigung waren die Deutschen ein bisschen fett und träge geworden. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft war gesunken, Deutschland wies zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Leistungsbilanzdefizit aus.

Dann kamen die beiden Fitnesstrainer Gerd Schröder und Joschka Fischer und verpassten ihren Bürgern ein hartes Abspeckprogramm, genannt «Agenda 2010». Darin wurden sie zu einer kargen Diät verknurrt, zu Lohnverzicht und Sozialabbau. Doch die Mühen sollten sich bald lohnen. Ein paar Jahre später wurde Deutschland zum Exportweltmeister und ist heute wirtschaftlich wieder der Platzhirsch in Europa. Die Botschaft der Kanzlerin an ihre Nachbarn ist deshalb stets die gleiche: Macht es wie wir, und alles wird gut.

Das gesamte System aus dem Gleichgewicht

Die Sicht der Franzosen kann man wie folgt zusammenfassen: Lange lief eigentlich alles prima. Die Leistungsbilanzen hielten sich mehr oder weniger die Waage, ein Jahr hatte der eine einen Überschuss, der andere ein Defizit, nächstes Jahr war es umgehrt. Insgesamt befand sich das System im Gleichgewicht. Dann gerieten die Deutschen wegen der hohen Kosten der Wiedervereinigung kurzzeitlich in Schwierigkeiten. Die neue Billigkonkurrenz der Oststaaten machte sie zusätzlich nervös. Schröder und Fischer verloren die Nerven und verpassten ihrem Land ein unsinniges Reformprogramm. Im Vergleich zu ihren Nachbarn büssten deutsche Arbeitnehmer so innerhalb eines Jahrzehnts über 20 Prozent ihres Lohnes ein. Das machte ihre Wirtschaft zwar international wettbewerbsfähig, aber auf Kosten ihrer Nachbarn. Die Deutschen betrieben mit der Agenda 2010 Lohndumping im grossen Stil, zerstörten so ihre Binnennachfrage und brachten das gesamte System aus dem Gleichgewicht. Das widerspiegelt sich heute auch in den Differenzen der Target-Salden.

Alle wollen exportieren – nur: wohin?

Wie können die Deutschen wieder der Target-Falle entrinnen? Bisher ist ihre Politik vom Willen beseelt gewesen, den Defizitsündern ebenfalls eine Fitnesskur zu verschreiben. Das wird nicht funktionieren, nicht weil die Südländer zu bequem wären, sondern weil sich die Welt grundsätzlich verändert hat. Als Deutschland seine Reformen durchführte, brummte die globale Wirtschaft. Unter diesen Bedingungen kann ein Land seine Exportwirtschaft auf Kosten der Binnenwirtschaft fördern. Seine Produkte finden Absatz.

Seit der Krise verfolgen alle grossen Player eine Art deutsche Agenda-Politik. Die Amerikaner, die bis 2007 konsumierten bis zum Umfallen, sparen jetzt wie blöd und wollen ihre Exporte ankurbeln. Obwohl die Chinesen allmählich die Binnenwirtschaft entdecken, bleibt der Export bis auf weiteres ihr wichtigstes Pferd. Japaner und Schweizer wollen nicht von Billig-Importen überrollt werden und schützen ihre Währungen. Mit anderen Worten: Alle wollen exportieren, und das kann nicht gut gehen. Weltweit muss die Summe aller Importe und Exporte Null ergeben, zumindest bis wir ausserirdische Handelspartner gefunden haben.

Der Gastwirt will Bares sehen

Deutschland ist so gesehen kein fitnessbewusster Sportler, sondern ein etwas einfältiger Gastwirt. Es hat den trinkfreudigen, aber illiquiden Barbesuchern aus dem Süden erlaubt, anschreiben zu lassen und sie aufgefordert, zu konsumieren bis zum Abwinken. Nun merkt dieser Gastwirt plötzlich, dass es kritisch werden könnte und will Bares sehen. Das wird nicht gelingen. Ausser wertlosen Schuldscheinen ist nichts zu holen. Wenn Deutschland aus der Target-Falle entrinnen will, muss es von der Austeritätspolitik abrücken.

(Erstellt: 20.10.2012, 18:56 Uhr)

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