Das wahre Drama an Trumps Deutschlandkritik

Der US-Präsident kritisiert Deutschland wegen dessen Exportstärke. Warum er einem Irrtum unterliegt.

Tragen in Deutschland zu Exportüberschüssen bei: Autos der Marke BMW. Foto: Keystone

Tragen in Deutschland zu Exportüberschüssen bei: Autos der Marke BMW. Foto: Keystone

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Die Deutschen seien «böse, sehr böse», hat der US-Präsident letzte Woche bei der EU in Brüssel erklärt, und am Dienstag hat er noch mit einem Tweet nachgedoppelt und erklärt, was ihn so stört: In Bezug auf die Wirtschaft ist es das Handelsdefizit der USA gegenüber Deutschland. In Brüssel hat er gemäss Aussagen von Anwesenden erklärt, dass ihm vor allem die Autoexporte der Deutschen ein Dorn im Auge sind: «Schaut auf die Millionen von Autos, die sie in den USA verkaufen, das ist entsetzlich, wir werden das beenden.»

Wie der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer dem Fernsehsender n-TV vorgerechnet hat, ist allein schon die Bedeutung der deutschen Autos am US-Markt geringer, als es Trump insinuiert. Die US-Autokonzerne haben demnach in Deutschland in den ersten vier Monaten dieses Jahres einen Marktanteil von 18,8 Prozent erreicht, die deutschen Wagenbauer in den USA dagegen nur 7,3 Prozent. Viele Autos produzieren die deutschen Konzerne gleich in den USA selbst, so betreibt BMW in Spartanburg (South Carolina) ihr grösstes Werk.

Doch die Übertreibung mit den deutschen Autoexporten ist noch das geringste Problem an Trumps Aussage. Mit seiner Betonung, dass er das Problem der Überschüsse Deutschlands vor allem in dessen Exportstärke sieht, bestätigt er ein weitverbreitetes Missverständnis und tut damit auch den kritisierten Deutschen unbeabsichtigt einen grossen Gefallen. So vertritt unter anderem der deutsche Finanzminister die Ansicht, die Exportüberschüsse seien schlicht das Ergebnis deutscher Wettbewerbsfähigkeit und Wertarbeit und damit letztlich das Ergebnis gewöhnlicher Marktprozesse. Die Exporte an sich zu kritisieren, macht aus diesem Grund wenig Sinn, denn das würde darauf hinauslaufen, von den Deutschen zu verlangen, schwächer und schlechter zu werden.

Die Importe, nicht die Exporte sind das Problem

Diese Verteidigung bringt Deutschland immer wieder auch gegenüber anderen Kritikern vor – wie sie vor allem von Ökonomen, aber unter anderem auch vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und anderen Ländern geäussert wird. Doch die Kritik von dieser Seite richtet sich nicht an die Exporte als Grund für die Überschüsse in der Handelsbilanz aus, sondern vielmehr daran, dass Deutschland seine eigene Wirtschaft daraus ausgerichtet hat, sehr hohe solcher Überschüsse zu generieren. Im Jahr 2016 erreichte der Nettoexportüberschuss ein extrem hohes Ausmass von 8,3 Prozent, gemessen am Bruttoinlandprodukt. Ein Jahr früher lag er sogar bei 8,6 Prozent. Das Problem sind nicht die Exporte, sondern die im Vergleich dazu geringen Importe.

Ein Nettoexportüberschuss ist nur möglich, wenn ein Land die Früchte seiner Arbeit nicht im vollen Ausmass selbst verzehrt. Das heisst, wenn es wertmässig mehr seiner erstellten Güter und Dienstleistungen an das Ausland vergibt, als es an ausländischen Gütern und Diensten wertmässig zurückbekommt. Exportüberschüsse erfordern zwingend immer, dass ein Land auf einen Teil des hergestellten Bruttoinlandprodukts verzichtet, das es sonst für Konsum oder Investitionen hätte nutzen können. Exportüberschüsse sind deshalb auch ein Problem für die Bevölkerung eines Überschusslandes wie Deutschland selbst.

Aber nicht nur: Die Exportüberschüsse Deutschlands bedeuten, dass auf der anderen Seite des Aussenhandels immer Länder stehen, die insgesamt ein entsprechendes Aussenhandelsdefizit ausweisen, die also mehr konsumieren oder investieren, als sie selbst herstellen. Das schafft etwa dann Probleme, wenn in solchen Defizitländern die Wirtschaftslage ohnehin schon angespannt ist. Denn dann verdrängen die Überschüsse an Einfuhren dort die Nachfrage nach inländischen Produkten, was zu einer höheren Arbeitslosigkeit führen kann.

Ökonomisch fragwürdige Kapitalanhäufung

Die Lösung dieses Problems besteht aber nicht in einer Schwächung oder Behinderung von deutschen Exporten, sondern darin, dass Deutschland die Erträgnisse daraus für die eigene Wirtschaft nützt. Dass das Land etwa mehr im Inland investiert und weniger auf die Sparbremse steht. Mit einer insgesamt grösseren Inlandnachfrage nehmen auch die Importe zu und der Überschuss sinkt.

Diese Erträgnisse der Überschüsse nicht zu nutzen, bedeutet, dass Deutschland im Ausland Kapital anhäuft: in Form von direkten Schulden durch Ausländer, in Form von Anlagen in anderen Ländern oder in Form ausländischer Devisen. Kapital im Ausland anzuhäufen, ist aber nicht der Zweck des Aussenhandels. Der eigentliche Zweck würde vielmehr in einem Tausch bestehen, bei dem jedes Land das herstellt, was es besonders gut und effizient tun kann. Dass das nicht sofort klar wird, liegt nur daran, dass viele eine Volkswirtschaft mit einem Unternehmen verwechseln, dessen Zweck tatsächlich darin besteht, Güter und/oder Dienste zu veräussern und dafür Geld beziehungsweise Kapital zu erwerben.

Zuweilen wird vorgebracht, dass der Aufbau von Kapital im Ausland durch Exportüberschüsse durchaus Sinn ergibt, weil Deutschland eine alternde Gesellschaft ist und daher später auf dieses Kapital zurückgreifen muss. Dabei bestehen allerdings drei Probleme:

  • Erstens lässt sich damit das Ausmass der Überschüsse nicht begründen.
  • Zweitens müssten dann die Überschüsse vor allem gegenüber Ländern anfallen, die das umgekehrte Problem haben, die also heute noch wenig produktiv sind und sich später darin deutlich verbessern werden, sodass sie selbst künftig gegenüber Deutschland Überschüsse verzeichnen. Das allein ist bei den wichtigsten Exportpartnern von Deutschland unwahrscheinlich.
  • Drittens müsste das im Ausland angelegte Kapital gut oder zumindest besser rentieren als Investitionen in Deutschland selbst. Auch das ist unwahrscheinlich.

Das unterstreicht alles nur noch mehr den Punkt, dass das Problem der Exportüberschüsse Deutschlands nicht die Exporte sind, wie Trump fälschlicherweise glaubt, sondern die zu geringe Inlandnachfrage.

Wie der US-Aussenhandelsfachmann, «New York Times»-Kolumnist und Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, in einem Blogbeitrag mit den sinnigen Titel «Deutschlands wahre Sünde» zudem festhält, ist Trumps Kritik auch deshalb fehlgeleitet, weil die Exportüberschüsse von Deutschland gegenüber den USA nur unwesentlich zum gesamten Aussenhandelsdefizit der Amerikaner beitragen. Viel schwerer lasten die deutschen Überschüsse auf den übrigen Ländern der Eurozone, in der noch nicht einmal wie früher eine Anpassung über die Währung stattfinden kann. Denn hätte Deutschland noch seine D-Mark, hätte sich diese schon massiv aufgewertet und automatisch die Exporte gebremst und die Importe befeuert, weil deutsche Güter teurer geworden wären und die Deutschen reicher. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.06.2017, 12:33 Uhr

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