«Den Turbulenzen kann sich auch die Schweiz nicht entziehen»
Interview: Markus Diem Meier. Aktualisiert am 25.03.2010 26 Kommentare
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Die Bank Reichmuth und der «Real Unit»
Remy Reichmuth ist Sohn von Karl Reichmuth, dem Gründer und Verwaltungsratspräsidenten der Privatbank Reichmuth & Co. Ihr Hauptsitz befindet sich in Luzern. Die Bank wurde als jüngste der Schweizer Privatbanken erst im Jahr 1998 gegründet. Seit 1996 besteht sie als Vermögensverwaltungsfirma. Wie bei jeder Privatbank haftet das Privatvermögen der Besitzer für die Verbindlichkeiten des Finanzinstituts. Das Geschäft der Bank beschränkt sich ausschliesslich auf die Vermögensverwaltung. Sie beschäftigt 71 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Mit dem «Real Unit» hat sich Remy Reichmuth bereits in seiner Lizentiatsarbeit befasst. Gemeinsam mit seinem Vater hat er beim Ott Verlag in Thun auch ein Buch dazu veröffentlicht (Der RealUnit - Zur Quelle der Geldwertstabilität).
Sie als Banker scheinen dem Geld nicht mehr zu trauen. Gemeinsam mit Ihrem Vater haben Sie ein Produkt entworfen und im laufenden Monat lanciert, das als Wertaufbewahrungsmittel und dereinst sogar als Geldersatz dienen soll. Woher dieser Einsatz?
Das geht bei uns auf eine lange Familientradition zurück. Mein Grossvater war Schweinezüchter in Pfäffikon im Kanton Schwyz. Als er den Betrieb an seinen Sohn – meinen Onkel – übergeben hat, wollte er als monatliche Entschädigung keinen gewöhnlichen Zins, sondern den finanziellen Gegenwert eines schlachtreifen Schweins. Damit hat er seine Einkünfte an einen realen Wert geknüpft.
Woher aber das Misstrauen gegenüber dem vorhandenen Geld?
Wer auf Papiergeld als Wertaufbewahrungsmittel setzt, verliert laufend Kaufkraft. Selbst bei einer Teuerung von bloss zwei Prozent bleibt meinem Sohn nach 35 Jahren nur noch die Hälfte des Werts übrig, wenn ich es ihm in Form von Geld auf die Seite lege. Der Euro hat seit seiner Lancierung bereits einen Fünftel an Kaufkraft verloren. Der Dollar in den letzten 50 Jahren sogar 85 Prozent.
Der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds IWF hält ein höheres Inflationsziel der Zentralbanken von 4 Prozent sogar für nützlich, jetzt liegt es bei 2 Prozent. Was sagen Sie dazu?
Dann würde das Geld, das ich für meinen Sohn auf die Seite lege, ohne Zins schon nach 17 Jahren nur noch halb so viel wert sein wie heute.
Sehen Sie heute besonders grosse Inflationsgefahren? Immerhin weist in den aktuellen Daten nichts darauf hin. Das Preisniveau ist im letzten Jahr sogar zurückgegangen.
Die Geldmenge der Zentralbanken ist in den letzten Jahren dramatisch stärker gewachsen als die Gütermenge, dadurch droht künftig eine höhere Inflation. Ausserdem haben viele Staaten angesichts ihrer hohen Verschuldung, gerade nach der Finanzkrise, einen Anreiz, sich der Last durch die Teuerung zu entledigen. Solchen globalen Turbulenzen könnte sich auch die Schweiz auf Dauer kaum entziehen.
Ihre Antwort auf die Geldentwertung heisst «Real Unit». Von aussen erscheint er wie ein gewöhnlicher Anlagefonds. Ist alles bloss ein Marketingtrick?
Nein. Es gibt Parallelen zu einem gewöhnlichen Fonds. Doch es gibt wesentliche Unterschiede: Das Ziel ist nicht die Performance, sondern die reale Werterhaltung. Wir investieren das Geld der Anleger passiv entsprechend einem Index, der die reale Wirtschaft gemessen am Bruttoinlandprodukt abbildet. Denn die Kaufkraft des Geldes kommt von der Gesamtheit der Güter und Investitionen einer Volkswirtschaft. Mit anderen Fonds verdient die Bank besser, beim «Real Unit» steckt tatsächlich viel Idealismus dahinter.
Um die Inflation zu messen und auszugleichen, orientiert man sich ansonsten an einem Preisindex wie dem Landesindex der Konsumentenpreise. Wieso die Ausweitung auf das Bruttoinlandprodukt?
Inflation entsteht dann, wenn der Geldstrom stärker zunimmt als der Güterstrom. Der genannte Preisindex stützt sich alleine auf den Konsum ab. Der Konsum ist aber nur ein Teil des Güterstroms, die Inflation der Vermögenspreise wird nicht erfasst. Anders das Bruttoinlandprodukt, zu dem neben dem Konsum auch die Investitionen zählen.
Auch die Zentralbanken als Hüter des Papiergeldes orientieren sich an der gesamtwirtschaftlichen Leistung. Sie ziehen sofort die Schrauben an, wenn zu viel Geld in die Wirtschaft fliesst und deshalb eine steigende Inflation droht.
Wie gesagt, hat die Geldmenge der Zentralbanken deutlich stärker zugenommen als das Bruttoinlandprodukt.
Die Zentralbanken sagen, sie werden das Geld rechtzeitig wieder neutralisieren können.
Das wird sich zeigen. Das grosse Problem wird der politische Druck sein, die Zügel locker zu lassen.
Sie setzen auf das Bruttoinlandprodukt. Dessen Berechnung ist allerdings ungenau. Wie gehen Sie konkret vor?
Auch wir müssen uns mit einer Annäherung begnügen. Zwei Drittel des Fondsvermögens investieren wir in konsumorientierte und ein Drittel in investitionsorientierte Werte. Das entspricht in etwa dem Verhältnis von Konsum und Investitionen in der Volkswirtschaft der Schweiz.
Wieso so kompliziert? Warum setzen Sie nicht einfach auf Gold? Noch immer sehen einige das Edelmetall als Alternative zum Papiergeld. Historisch gesehen hat es als Wertaufbewahrungsmittel dominiert.
Das Bruttoinlandprodukt ist die Summe einer Volkswirtschaft. Gold hingegen ist nur noch ein abstrakter Wert ohne Bezug zum Alltag. Auch für die täglichen Transaktionen eignet es sich viel schlechter als Papiergeld oder eine darauf beruhende Kreditkarte. Zudem ist es nur beschränkt vorhanden.
Wie soll der «Real Unit» in Zukunft einmal als Geld im Sinne eines Tauschmittels funktionieren können?
Das ist eine Vision in ferner Zukunft, sicherlich eher theoretischer Natur. Im Prinzip wäre es denkbar, dass zum Beispiel Anleihen an den «Real Unit»-Index gekoppelt werden, mit dem Ziel, dass sie ohne Kaufkraftverlust zurückbezahlt werden. Es ist aber auch denkbar, dass der «Real Unit» direkt als Buchgeld benutzt werden kann.
Sie haben das Produkt erst eingeführt, was gibt Ihnen die Gewissheit, dass es erfolgreich sein wird?
Mein Vater hat selber über sieben Jahre eine Million Franken nach dieser Methode angelegt. Er hat damit deutlich besser abgeschnitten, als wenn er den Betrag auf ein Sparbuch gebracht hätte, und sogar besser als die meisten Strategiefonds. Aber eine absolute Gewissheit gibt es natürlich nie.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.03.2010, 16:50 Uhr
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26 Kommentare
Die Idee hat was. Man könnte sich mal überlegen, ob die Nationalbank den Schweizer Franken nicht an einen Warenkorb, der monatlich lebensnotwendige Dinge enthält (z.b. Lebensmittel, Mietkosten, Kleider, etc) pegged (koppelt). Das wären reale Werte. Dann jedem Bürger den Gegenwert in Schweizer Franken auszahlt. Kein Zins, keine Schulden und die Wirtschaft läuft wieder. Antworten
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