Der Abgesang auf die soziale Marktwirtschaft

Die Arbeitgeber verabschieden sich vom Konzept der existenzsichernden Löhne. Das erfolgreiche Schweizer Modell der Marktwirtschaft gerät in Gefahr.

Sagen Nein zu Mindestlöhnen: Präsident Valentin Vogt (l.) und Direktor Thomas Daum vom Schweizerischen Arbeitgeberverband. (2. April 2012)

Sagen Nein zu Mindestlöhnen: Präsident Valentin Vogt (l.) und Direktor Thomas Daum vom Schweizerischen Arbeitgeberverband. (2. April 2012) Bild: Keystone

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Der neue Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, Valentin Vogt, spricht Klartext: «Nicht jeder Lohn kann für eine Familie existenzsichernd sein», sagt er und verweist auf Zweiteinkommen und Sozialhilfe. «Wo ausnahmsweise das Haushaltseinkommen nicht ausreicht, gewährleisten Sozialversicherungen und Sozialhilfe die Existenzsicherung.»

Willkommen in der Moderne: Die soziale Marktwirtschaft hat ausgedient und kann abtreten. Dabei hat sie der Schweizer Nachkriegsgeneration sehr viel gebracht. Bis in die 1980er-Jahre gab es kaum Arbeitslosigkeit, und es galt als selbstverständlich, dass der Lohn eines vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers die Existenz seiner Familie sichert. Die meisten Arbeitnehmer genossen in dieser Zeit auch fallende Arbeitszeiten, steigende Einkommen und bessere Sozialleistungen. Dies alles war möglich, weil der durch die Marktwirtschaft ermöglichte Wohlstand relativ gleichmässig verteilt wurde. Auch die Arbeitnehmer profitierten von der stetig wachsenden Produktivität der Wirtschaft.

Ein Vater braucht drei Jobs

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich das in kleinen Schritten geändert. Die Löhne begannen zu stagnieren und zu fallen, zuerst in den USA, später auch in Deutschland. Schon in den 1990er-Jahren wurde Bill Clinton an Wahlveranstaltungen darauf hingewiesen, dass ein amerikanischer Familienvater drei Jobs brauche, um seine Familie über Wasser zu halten. Was damals als politischer Witz galt, ist heute mehr oder weniger Realität. Gleichzeitig gibt es heute in den USA – nach wie vor das reichste Land der Welt – rund 50 Millionen arme Menschen.

Die Schweiz ist von dieser Entwicklung weit weniger betroffen worden, die Gewinne der Produktivität wurden fairer verteilt. Über die Gründe kann man bloss spekulieren: Vielleicht sind Schweizer Patrons sozialer, vielleicht die Schweizer Gewerkschaften auch stärker und geschickter als ihr Ruf. Wer weiss. Sicher hat die Schweiz in einem Punkt auch ausserordentlich Glück gehabt: im Detailhandel. Er wird seit Jahrzehnten dominiert von Migros und Coop. Zusammen sind die beiden der mit Abstand grösste private Arbeitgeber im Land.

Migros und Coop bestimmen das Lohnniveau

Das hat Konsequenzen. Migros und Coop bestimmen das Lohnniveau im untersten Einkommenssegment. Beide haben eine starke genossenschaftliche Tradition. Diese verpflichtet sie moralisch, selbst ungelernten Arbeitnehmern existenzsichernde Löhne zu bezahlen. Damit hat sich in der Schweiz eine Diskussion über Mindestlöhne bisher weitgehend erübrigt.

Selbst der Damm Migros/Coop scheint nun einzubrechen. Zu gross wird der Lohndruck einer hyperglobalisierten Wirtschaft, in der zunehmend besser ausgebildete Menschen in den aufstrebenden Schwellenländern mit nach wie vor lächerlichen Löhnen in Konkurrenz treten zu Schweizer Arbeitnehmern. Was dies konkret bedeutet, zeigt die Entwicklung des amerikanischen Arbeitsmarktes: Die Früchte des Aufschwungs nach der Krise sind bei den zehn Prozent der Reichsten gelandet, der Löwenanteil bei den ein Prozent Superreichen. Das zeigen die kürzlich veröffentlichten Zahlen des Handelsdepartements.

Wird der historisch einmalige Wohlstand Geschichte?

Wie extrem sich diese Entwicklung hin zu einer neuen Oligarchie verstärkt hat, zeigt folgender Vergleich: Im Aufschwung der Clinton-Ära gingen 45 Prozent des neuen Wohlstandes an die ein Prozent Superreichen. Bei George W. Bush waren es 65 Prozent. Bei Obama sind es nun 93 Prozent. «Das ist der einseitigste Aufschwung in der Geschichte der USA», kommentiert der ehemalige Arbeitsminister Robert Reich.

Jahrzehntelang hat das Modell Schweiz für einen historisch einmaligen Wohlstand gesorgt, weil sich politische und wirtschaftliche Kräfte mehr oder weniger im Gleichgewicht befunden haben. Jetzt verabschiedet sich der Präsident der Arbeitgeber von existenzsichernden Löhnen und damit auch von der sozialen Marktwirtschaft. Die Schweiz begibt sich so auf den Pfad eines amerikanischen Brutalo-Kapitalismus.

(Erstellt: 03.04.2012, 14:27 Uhr)

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Genossen bisher existenzsichernde Löhne: Angestellte im Schweizer Detailhandel. (Bild: Keystone )

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