Der Albtraum vom Eigenheim

Trotz aller Warnungen gehen viele Schweizer auf den Immobilienmärkten immer höhere Risiken ein. Steigen die Zinsen an, werden viele in arge Nöte geraten.

Idylle im Massstab 1:72: Kleinfamilie in Modellhaus.

Idylle im Massstab 1:72: Kleinfamilie in Modellhaus. Bild: Keystone

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Seit mehr als einem halben Jahr warnt die Schweizerische Nationalbank wiederholt vor den Gefahren einer Immobilienblase in der Schweiz. Gleichzeitig nimmt dieses Risiko unvermindert zu. Denn der wichtigste Grund für diese Gefahr sind die extrem tiefen Zinsen, die sich auch in den Hypothekensätzen niederschlagen. Das Problem: Die Zinsen werden nicht ewig so tief bleiben. Wenn sie ansteigen, könnten viele sich die Hypotheken nicht mehr leisten. Der Super-GAU stellt sich ein, wenn deshalb auch noch die Nachfrage nach eigenem Wohnraum einbricht. Dann können auch die Immobilienpreise fallen, wodurch Hypotheken nicht mehr durch den Wert der Immobilien gedeckt sein könnten.

Immerhin geht gesamtschweizerisch von den Preisen bisher nicht die grösste Gefahr aus. Laut Donato Scognamiglio, Geschäftsführer des Immobilien-Think-Tanks IAZI und Professor an der Universität Bern, sind die Preise für Einfamilienhäuser seit 2008 gesamtschweizerisch um 3 Prozent gesunken, bei Eigentumswohnungen stagnierten sie. In einzelnen Regionen sieht das Bild allerdings anders aus. Die Westschweiz, insbesondere Genf und der Kanton Zürich gelten als Boomregionen. Die Zürcher Kantonalbank vermeldet heute für Wohneigentum in der Region Zürich einen Preisanstieg von 5,3 Prozent gegenüber dem zweiten Quartal 2009.

«Viele wähnen sich in falscher Sicherheit»

Das grösste Risiko liegt allerdings bei den Hauskäufern selber. Die Leute würden sich angesichts der aktuell sehr tiefen Zinssätze in einer falschen Sicherheit wähnen, sagt Donato Scognamiglio. Laut dem Immobilien-Professor sind Hypotheken momentan so billig zu haben, «dass viele Leute jede Relation zu den eingegangenen Risiken verloren haben.» Dank dem billigen Geld finanziere man sich jetzt Dinge, die man sonst nie kaufen würde.

Einen weiteren Hinweis auf die Gefahren lieferte diese Woche der neueste Hypotheken-Barometer des Internet-Vergleichsdiensts Comparis. Die neusten Zahlen zeigen, dass die bereits im ersten Quartal sehr niedrigen Hypothekarzinsen im zweiten Quartal weiter gesunken sind. Festhypotheken mit einer Laufzeit von zehn Jahren kosteten im Durchschnitt gerade noch 3,1 Prozent, im Vorquartal lag dieser Satz noch um 0,2 Prozent höher. Fixierte Laufzeiten von 7 bis 10 Jahren machen mit 54 Prozent den Löwenanteil aus. Laut Comparis zeige die Erfahrung, dass in 80 Prozent der Fälle die Zinsen der Hypothekarofferten unter den offiziellen Richtsätzen der Banken liegen würden. Die Zahlen des Internetdiensts beruhen auf den tatsächlichen Angeboten.

Lichterlöschen bei steigenden Zinsen

Laut einer anderen Erhebung von Comparis könnte sich etwa die Hälfte aller Wohneigentümer einen Zinsanstieg um drei Prozent nicht mehr leisten. Ein um drei Prozent höherer Hypothekarsatz ist im historischen Vergleich eher der Normalfall als die Ausnahme. In den 90er-Jahren mussten je nach Hypothekarmodell zwischen 6 und 9 Prozent Hypothekarzinsen bezahlt werden. Auch die Festhypotheken bieten nur einen beschränkten Schutz. Denn auch sie laufen aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Zinsen in einigen Jahren deutlich höher sind als jetzt, ist sehr hoch. Die Nationalbank hat bereits erklärt, dass sie mittelfristig Inflationsgefahren ortet. Sie wird darauf mit höheren Leitzinsen reagieren. Tiefer als jetzt können die Sätze ohnehin kaum mehr fallen.

Die grösste Gefahr geht von den billigsten Angeboten aus: den sogenannten Libor-Hypotheken. Sie haben laut Comparis im letzten Quartal mit 9 Prozent die bisher höchste je gemessene Wachstumsrate erreicht. Libor-Hypotheken basieren auf dem momentan sehr tiefen, auf drei oder sechs Monate lautenden Libor-Satz – einem Referenzwert, der die Sätze für Bankausleihungen untereinander misst und der stark durch die Geldversorgung der Schweizerischen Nationalbank beeinflusst wird. Der Dreimonatssatz liegt momentan bei rund 0,12 Prozent. Entsprechende Hypotheken sind im Moment für Zinsen unter einem Prozent zu haben. Der Haken: Diese Hypothekarzinsen steigen an, wenn die Nationalbank die Geldpolitik wieder strafft. Der durchschnittliche Dreimonats-Libor seit 1999 liegt bei 1,5 Prozent. Bei diesem Zinssatz und bei gleichen Margen der Banken würde der Satz für die Libor-Hypothek auf mehr als 2 Prozent ansteigen, was die Hypothekarkosten mehr als verdoppeln würde. «Es gibt einige Schweizer, die gute Gründe für einen unruhigen Schlaf hätten – auch ohne die Sommerhitze», sagt Immobilienfachmann Donato Scognamiglio. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.07.2010, 08:44 Uhr)

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