Wirtschaft
Der Chinese, der die Geldschwemme erfand
Von Christoph Neidhart, Tokio. Aktualisiert am 09.11.2010 4 Kommentare
Sein kluger Rat blieb unerhört: Shan Qi, königlicher Berater um 524 v. Chr. (Bild: PD)
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Shan Qi war im Königreich der Zhou-Minister im dritten Rang und beriet König Jing, später dessen Sohn. Nach einer Dürre empfahl er dem König, die Geldmenge zu vergrössern, um das Los der Menschen zu erleichtern, also die Wirtschaft anzukurbeln. Das hätten schon die Vorväter getan, sagte er im Jahre 524 vor Christus. In guten Zeiten dagegen sollte der König die Geldmenge verknappen, um eine Inflation zu verhindern.
Wenn also die US-Notenbank noch mehr Geld in ihre Wirtschaft pumpt, reagiert sie auf die Krise, wie Shan Qi das vor 2500 Jahren empfohlen hat. Quantitative Easing heisst das auf Englisch – ein protziger Begriff für das Anwerfen der Geldpresse.
Die erste globale Währung
Im Königreich der Zhou (770–476 vor Christus) münzte bereits der Staat das Geld. Er gab Münzen in Form von kleinen Messern aus, und zwar in zwei Kategorien: solche, deren Nominalwert dem inhärenten Metallwert entsprach, und solche, deren nomineller Wert höher war. Die alten Chinesen glaubten, ein weiser König habe ihnen das Geld als Instrument der Wirtschaft gestiftet. Dieser weise König in der Vorzeit wollte damit den Menschen helfen, sich gegen Überschwemmungen, Dürren, Hunger und Seuchen zu wappnen. Sie sollten zivilisiert handeln können und Werte aufbewahren.
In China und um den Indischen Ozean gab es schon früh Geld, dessen Nominalwert nicht dem inhärenten Materialwert entsprach: Die Kauri, die erste globale Währung der Geschichte, geschliffene Plättchen einer Seeschnecke, die auf wenigen Inseln im Indischen Ozean vorkam, wurde von der Westküste Amerikas bis an die Ostküste von Afrika über Jahrhunderte als Zahlungsmittel akzeptiert. Die Schnecke war selten, die Kauri waren haltbar und schwer zu fälschen. Nur einen inneren Wert besassen sie nicht. Shan Qis Methode, die Geldmenge zu regulieren, bestand darin, dass er das Verhältnis der Münzen, deren nomineller Wert dem inhärenten entsprach, zu jenen, deren Nominalwert höher war, der Wirtschaftslage anpasste. König Jing hörte jedoch nicht auf ihn und münzte mehr Geld ohne inneren Wert, als das Land brauchte. Damit liess er das grösste Glockenspiel bauen. Shan Qi kritisierte, er beute das Land aus und verringere den Wohlstand.
Wie eine Kapitalerhöhung
Wichtig wurde Shan Qis Geldtheorie in China, als die Yuan-Dynastie im 13. Jahrhundert zum Papiergeld überging. Zu Beginn befolgten die Yuan-Kaiser Shan Qis Lehre. Hongwu, der erste Kaiser der nachfolgenden Ming-Dynastie, liess jedoch so viel Papiergeld drucken, dass es zur Hyperinflation kam.
Seine Nachfolger mussten das wertlos gewordene Papiergeld abschaffen, um zu Silber- und Kupfermünzen zurückzukehren. Wie viel zusätzliches Geld es braucht, um eine Krise zu überwinden, ohne eine Inflation zu provozieren, dafür finden wir bei Shan Qi keine Anhaltspunkte. Wenn Geldscheine Aktien jener Volkswirtschaft wären, deren Zahlungsmittel sie sind, dann entspräche Quantitative Easing einer Kapitalerhöhung, also einer Kapitalverwässerung. Plötzlich sind mehr Scheine da, die den gleichen Gesamtwert wie zuvor repräsentieren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.11.2010, 22:33 Uhr
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4 Kommentare
vorsicht bei interpretationsversuchen von vorgängen und anleitungen von vor 2500 jahren! "innere" werte von dingen zur damaligen zeit zu beurteilen, ist in den meisten fällen sehr schwierig. das doppel- bis 3-fach währungssystem ist zur damaligen zeit übrigens auch in europa üblich. "banale" heutige fragen wie wirtschaftslage oder -raum sind für den gen. zeitpunkt fast nicht zu beantworten. Antworten
Exakt wie heute! Die Theorie ist gut funktioniert aber nicht, weil kein Politiker jemals das zuviel geschöpfte Geld wieder aus dem Markt nehmen will (=nötige Deflation nach Inflation). Und das Resultat wird auch dasselbe: 1. Hyperinflation und 2. Realgeld (Edelmetalle) muss wieder eingeführt werden. Bezeichnend politisch: in Titel und Untertitel wird nur die Hälfte der Theorie genannt. Antworten

