Wirtschaft
Der Fluch des deutschen Sommermärchens
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 16.08.2010 25 Kommentare
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Eine aus dem Gleichgewicht geratene Weltwirtschaft ist letztlich verantwortlich für die schwerste Wirtschaftskrise seit der Grossen Depression. Darin sind sich die Ökonomen aller Lager einig. Der Abbau dieses Ungleichgewichts, vor allem die hohen Exportüberschüsse von China und Deutschland, verbunden mit den hohen Importüberschüssen der USA, ist deshalb die Voraussetzung für eine nachhaltige Gesundung rund um den Globus. Derzeit geschieht das Gegenteil.
In nüchternen Zahlen ausgedrückt heisst dies: Im Juni ist das US-Handelsdefizit wieder auf rund 50 Milliarden Dollar angestiegen. Letztmals wurde ein solcher Betrag im Oktober 2008 gemeldet. Der chinesische Handelsüberschuss ist dafür im Juli auf beinahe 30 Milliarden Dollar geklettert. Das letzte Mal war er im Januar 2009 so hoch. Die deutschen Exportüberschüsse schliesslich haben in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um rund 30 Prozent zugelegt. Kurz: Die globalen Ungleichgewichte nehmen zu, nicht ab.
Trotzdem herrscht in Deutschland Champagnerlaune. In Berlin spricht man von einem «Sommermärchen» und meint damit nicht mehr das flotte Auftreten der Fussballnationalmannschaft an der WM, sondern den unerwarteten Aufschwung der Wirtschaft. VW, BMW & Co. glänzen mit Rekordgewinnen und Sonderschichten. Die Exportmaschine ist wieder angesprungen. Im zweiten Quartal ist das deutsche Bruttoinlandprodukt um 2,2 Prozent angewachsen, für das ganze Jahr werden nun 3 Prozent erwartet. Umgekehrt ist die Arbeitslosigkeit auf 7,6 Prozent gesunken.
Erfolg von kurzfristiger Natur
Der Erfolg sei den Deutschen mehr als gegönnt, nicht zuletzt deshalb, weil davon indirekt auch die Schweizer Wirtschaft profitiert. Leider spricht einiges dafür, dass dieser Erfolg eher kurzfristiger Natur sein wird. Die deutsche Wirtschaft befindet sich auf einer Achterbahn. «Der doppelte Fokus auf Nischen und Export – selbst technisch orientierte KMU verkaufen oft mehr als 80 Prozent ihrer Produktion im Ausland – beschert ausgerechnet der auf Sicherheit bedachten deutschen Wirtschaft ein hohes Mass an Volatilität», stellt die «Financial Times» besorgt fest.
Tatsächlich ist der aktuelle Boom das Spiegelbild der Verhältnisse zu Beginn 2009. Damals ist das deutsche BIP um mehr als sechs Prozent eingebrochen, weit deutlicher als beispielsweise in Frankreich. Auch das war eine direkte Folge der deutschen Exportbesessenheit. Die Wirtschaft sackte ab, weil der Welthandel zum Erliegen kam. Die Deutschen haben darauf mit einer geschickten Politik reagiert – Kurzarbeit und Abwrackprämie – und damit Massenentlassungen vermeiden können.
Das Grundübel, eine schwachbrüstige Binnennachfrage, haben sie jedoch nach wie vor nicht kuriert. Die «Financial Times Deutschland» spricht von «chinesischen Verhältnissen» und rechnet vor, was dies bedeutet: Die Wirtschaftsleistung liegt immer noch um 3,8 Prozent unterhalb des Trendwachstums, das zwischen der Wiedervereinigung und dem Ausbruch der Finanzkrise vorgeherrscht hat. Die deutschen Löhne sind inflationsbereinigt durchschnittlich 5,5 Prozent tiefer als 1991.
Die deutsche Exportlokomotive und der Unbill der anderen
Die auf einem Gürtel-enger-Schnallen basierende Deutsche Exportwirtschaft bringt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik aus dem Gleichgewicht. Das haben die Wirren um Euroland mehr als deutlich gezeigt. Vor allem die Franzosen und die Spanier sind nicht mehr gewillt, sich von der deutschen Export-Lokomotive überrollen zu lassen. Wenn Deutschland nicht endlich etwas für seine Binnennachfrage tut und seine Importe erhöht, ist die nächste Krise in Euroland vorprogrammiert.
Auf der anderen Seite des Atlantiks ist der Aufschwung bereits wieder verflacht, die Angst vor einem Rückfall in eine Rezession, einem Double-Dip, geht um. «Amerika hat die Lichter ausgelöscht», klagt der Kolumnist der «New York Times» und Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman und malt ein düsteres Bild einer zerfallenden Nation. Der wirtschaftliche Niedergang wird zwangsläufig zu politischen Verwerfungen führen – und es besteht die Gefahr, dass sich der Zorn der Amerikaner diesmal nicht nur auf China, sondern auch auf Deutschland richten wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.08.2010, 16:30 Uhr
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25 Kommentare
Typisch Amerikaner, erst erfinden sie Share-Holdervalue, den totalen globalen Handel, das Outsourcing, die reine Dienstleistungsgesellschaft etc, aber wenn die anderen sie beim Wort nehmen und besser sind und effektiver, richtet sich der Zorn Amerikas auf die Gewinner iherer Ineraktion. Nur Cupertino und Wallstreet reicht eben nicht. Antworten
Es gibt keine Weltwirtschaftskriese, nur eine Umverteilung der Wirtschaftsmacht. Japan und China sind nummer 2, Indien und Indonesion um ein vielfaches Potenter als die USA... Es gibt nur eine Kriese in den USA und die interessiert je laenger wie weniger. Antworten
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