Der Karren läuft zu gut

Deutschland ist wieder Exportweltmeister. Doch anstatt Lob erntet es bittere Kritik – von den Amerikanern und von einem Teil der Ökonomen.

Alles muss raus: Deutsche Autos warten in Bremerhaven auf ihren Export. (8. Oktober 2012)

Alles muss raus: Deutsche Autos warten in Bremerhaven auf ihren Export. (8. Oktober 2012) Bild: Fabian Bimmer/Reuters

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Zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland hängt der Haussegen derzeit sehr schief. Schuld daran ist weniger die Abhöraffäre um das Merkel-Handy. Die meisten Deutschen halten die Aufregung darüber für weit übertrieben. Schuld daran ist eine Rüge des US-Finanzministeriums an die Adresse von Berlin: Die nach wie vor exzessiven Exporte der deutschen Wirtschaft würden eine Erholung in Europa verhindern und die Weltwirtschaft gefährden, heisst es in einem offiziellen Bericht der amerikanischen Regierung.

Das ist den Deutschen in den falschen Hals geraten, und zwar richtig. Die Antwort nach Washington war entsprechend bissig und im Stil: Wir machen alles richtig und lassen uns nicht in die Suppe spucken. Gleichzeitig hat der wirtschaftspolitische Streit über den Atlantik auch zu einer heftigen Kontroverse unter Ökonomen geführt. Aber zuerst die Fakten.

Weltweit stark gefragte Produkte

Deutschland hat sich seit der Jahrtausendwende zu einer Exportmaschine erster Güte entwickelt. Der Leistungsbilanzüberschuss, der sich zuvor im Rahmen von ein bis zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) bewegte, liegt heute zwischen sechs und sieben Prozent. 2012 hat Deutschland gar China als Exportweltmeister wieder abgelöst. Die Gründe für diese Exporterfolge sind vielfältig: Deutschland hat mit der Agenda 2010 seine Lohnstückkosten gegenüber den anderen EU-Ländern um rund 30 Prozent gesenkt. Dank dem Euro hat die deutsche Wirtschaft de facto eine Weichwährung, und die Deutschen haben zudem das Glück, dass sie führend in Produkten sind, die weltweit derzeit stark gefragt sind (Maschinen, Autos, Chemie). Kurz: Die deutsche Exportwirtschaft hat derzeit Weihnachten, Geburtstag und Ostern an einem Tag.

Wohin exportiert Deutschland? Die Frage ist wichtig, weil die Deutschen auf die Kritik an ihren Exportexzessen stets antworten: Was nützt es Frankreich oder Italien, wenn wir weniger Waren nach China liefern? Nun, mit China hat Deutschland ein Exportdefizit. 2012 betrug es 11,7 Milliarden Euro. Auch die Leistungsbilanz mit Russland, Norwegen und Japan ist rot. Hingegen gehören Frankreich, Italien, Spanien und Co. tatsächlich zu den weitaus besten Kunden Deutschlands. Insgesamt 69 Prozent der deutschen Exporte fliessen in die EU, das gewaltige wirtschaftliche Ungleichgewicht auf dem alten Kontinent ist somit nicht eingebildet, sondern real.

Autos verschenken oder den Kurs ändern

Die exzessiven deutschen Exporte in die EU machen nicht nur der heimischen Wirtschaft das Leben schwer, sie nützen auch dem deutschen Mittelstand wenig und haben politisch brandgefährliche Folgen. Warum ist das so? Spätestens seit ein griechischer Staatsbankrott eine reale Option wurde, hat sich das Finanzierungssystem in Europa verändert. Die deutschen Exporte in die Peripherieländer werden nicht mehr von privaten Geschäftsbanken finanziert, sondern indirekt über die Europäische Zentralbank und die nationalen Notenbanken. Auf den inzwischen berühmt-berüchtigten Target-2-Salden haben die Deutschen so riesige Guthaben aufgebaut. Sie haben bloss einen kleinen Nachteil: Es ist unwahrscheinlich, dass diese Schulden je vollumfänglich beglichen werden.

Mit anderen Worten: Deutschland hat für seine Exporte zu einem guten Teil wertlose Schuldscheine erhalten. «Im Grunde genommen hätten wir unsere Autos geradeso gut verschenken können», stellte der Unternehmensberater Daniel Stelter kürzlich in einem TA-Interview fest.

Nicht das Gelbe vom Ei

Zusammengefasst: Deutschland hat den eigenen Arbeitnehmern eine harte Sparpolitik verordnet. Höhere Löhne hat ihnen dies nicht beschert. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass sie dereinst als Steuerzahler indirekt für die Verluste geradestehen müssen, weil die Gewinne im Ausland verbrannt worden sind – sei es mit unsinnigen Investitionen in toxische Papiere in den USA, sei es in potenziell wertlose Staatsanleihen in Europa.

Selbst die Kanzlerin scheint allmählich einzusehen, dass diese Wirtschaftspolitik nicht das Gelbe vom Ei sein kann. Es mehren sich die Anzeichen eines Kurswechsels. Die Voraussetzungen dafür sind günstig. Eine Grosse Koalition mit der SPD wäre auch der Anlass, anständige Mindestlöhne einzuführen und vermehrt in die eigene Infrastruktur und das eigene Bildungswesen zu investieren. An Bedarf mangelt es nicht. Nochmals Daniel Stelter: «Unsere Strassen haben Schlaglöcher, und unsere Schulen zerfallen. Mein Sohn traut sich in seinem Gymnasium nicht mehr auf die Toilette, weil die Zustände derart erbärmlich geworden sind.»

«Schlecht für die Welt» – «haltloses Gewinsel»

Zum Ökonomenstreit: Die Rolle von Deutschland in der Weltwirtschaft wird in verschiedenen Lagern der Volkswirtschaft sehr unterschiedlich beurteilt. Neo-Keynesianer wie Paul Krugman stellen sich hinter die Kritik des US-Finanzministeriums. In der «New York Times» stellt er fest: «(Der deutsche Exportwahn) ist schlecht für die Welt. Es geht um simple Arithmetik: Weil die südlichen Staaten gezwungen werden, ihre Defizite abzubauen, und Deutschland gleichzeitig seine Überschüsse nicht abbaut, hat Europa als Ganzes einen grossen Handelsbilanzüberschuss, der dazu beiträgt, dass die Weltwirtschaft stagniert.»

Ganz anders tönt es im «Wall Street Journal»: «Europas wirkliches Problem besteht darin, dass die Krisenländer nicht wettbewerbsfähig sind und deshalb nicht exportieren können – es ist nicht die Stärke und Grösse von Deutschland.» In die gleiche Kerbe haut in der Schweiz Beat Kappeler in der «NZZ am Sonntag». Er lehnt sich dabei sehr weit aus dem Fenster: Ökonomen wie Krugman und Martin Wolf von der «Financial Times» wirft Kappeler «haltloses Gewinsel» vor und bezichtigt sie der ökonomischen Ignoranz. Krugman ist Nobelpreisträger, Wolf war einst Chefökonom der Weltbank und gilt heute als der einflussreichste Wirtschaftsjournalist der Welt. Kappeler war Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Immerhin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.11.2013, 18:57 Uhr)

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