Wirtschaft
«Der Wilderer ist auch ein guter Wildhüter»
Von Bruno Schletti. Aktualisiert am 01.10.2009
Wenn ich mir Ihre strategischen Ziele vor Augen führe, kommt mir ein böser Gedanke: Gestern hat die Behörde das Aufkommen der Krise verschlafen – heute legt sie hehre Absichtserklärungen vor.
Wenn die Erwartung ist, dass eine Finanzmarktaufsicht fähig sein soll, zyklische Krisen, die immer wieder vorkommen, vorauszusagen oder gar zu verhindern, dann wäre das eine völlig übertriebene und unrealistische Erwartung.
Ich lese in Ihrem Strategiepapier den Satz: «Die Finma strebt eine effektive und effiziente Aufsicht an.» Hat sie das bisher nicht getan?
Ich glaube, dass es wesentliches Verbesserungspotenzial gibt. Die Effektivität muss sich immer den Bedürfnissen und Marktentwicklungen anpassen. Da haben wir Ambitionen. Bei der Effizienz ist es so, dass wir in der Vergangenheit mit Personalengpässen zu kämpfen hatten. Wir können auch jetzt nicht beliebig Ressourcen ausbauen. Das heisst, wir müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren. Deshalb konzentrieren wir uns auf die Risiken. Wir wollen wissen, wo die grössten Risiken und Probleme sind. Dann versuchen wir, unsere Aufsicht konsequent darauf auszurichten. Das bringt allerdings auch neue Risiken mit sich. Denn wir können falsch liegen. Wir können uns bezüglich der grössten Risiken täuschen. Nur müssen wir dieses eigene Risiko übernehmen, um eine effiziente Aufsicht ausüben zu können.
Weshalb aber formulieren Sie heute überhaupt die Aussage, dass Sie eine effektive und effiziente Aufsicht anstreben? Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit?
Wir wollen nicht etwas zum Ausdruck bringen, das vorher nicht war und jetzt neu eingeführt wird. Entscheidend sind die Kernpunkte der Umsetzung. Aus ihnen kann man ableiten, was in der Vergangenheit nicht oder zu wenig gemacht wurde und wo wir in Zukunft andere oder stärkere Akzente setzen wollen. Relevant sind einzig die Kernpunkte der Umsetzung.
Auf den Punkt gebracht: Was ist die Absicht dieses Strategiepapiers?
Wir erfüllen damit einen gesetzlichen Auftrag. Die Finma muss eine mittelfristige Strategie vorlegen. Sie muss diese auch vom Bundesrat genehmigen lassen. Nach aussen wird so transparent, in welche Richtung wir uns entwickeln wollen. Und nach innen gibt es einen Rahmen vor, innerhalb dessen wir konkrete Initiativen und Veränderungen in unserer Aufsicht anpacken können.
Man könnte auch sagen, Sie wollen Ihr Renommee retten, nachdem viele die Finma für ihr Versagen in der Krise kritisieren.
Ich glaube nicht, dass man mit einem Strategiepapier sein Renommee retten kann. Man kann ein Renommee aufbauen durch Leistung. Ich wehre mich allerdings gegen den Vorwurf des Versagens in der Krise. Die Früherkennung der Krise ist wohl ein Ziel, dem wir uns stellen müssen. Wir müssen da aber auch realistische Erwartungen haben. Unser primärer Auftrag ist es, sicherzustellen, dass in Krisen die Kunden nicht zu Schaden kommen. Das heisst, dass die Leistungen, die von den Finanzintermediären versprochen worden sind, auch tatsächlich erbracht werden. Und dass – wenn es zu Insolvenzen kommt – die Kunden und die Gläubiger im Rahmen von zusätzlichen Sicherungsmassnahmen geschützt sind. Die Erwartung, dass eine Finanzmarktaufsicht Krisen vorhersagen könnte, wäre eine unrealistische Erwartung. Wenn wir das zu tun versuchten, würden wir spekulieren. Wir wären keine Aufseher.
Ich picke noch einen Satz aus Ihrem Papier heraus: «Im Insolvenzfall sollen die systemrelevanten Funktionen herausgelöst und weitergeführt werden können.» Frei übersetzt: Einen Fall UBS darf es so nicht mehr geben. Auch das ist eine schöne Absichtserklärung.
Für die Reduktion der systemischen Risiken gibt es viele Instrumente, die als Gesamtpaket betrachtet werden müssen. Es gibt nicht ein Instrument, das alle Probleme löst. Dieses Herauslösen von systemrelevanten Funktionen ist ein Instrument, das erst am Schluss wirkt. Es soll, wenn ein Institut in Insolvenz geht, in Zukunft die Möglichkeit eröffnen, gewisse Funktionen herauszulösen und zu übernehmen. Dazu braucht es eine Änderung der Rechtsgrundlagen. Da stehen wir erst am Anfang des Prozesses. Insofern sind das tatsächlich nur formulierte Ziele, die nicht innerhalb weniger Wochen umgesetzt werden können.
Was könnte das für einen künftigen Fall UBS bedeuten?
Das ist schwierig zu sagen. Die Situation der UBS im letzten Herbst war eine andere. Ihre damals nochmals notwendige Rekapitalisierung war nur mit Bundeshilfe möglich. Wenn wir vom Herauslösen von Funktionen sprechen, denken wir an Situationen, in denen ein Institut bereits in Auflösung ist. Es ist letztlich eine Rechtsfrage im Rahmen des Insolvenzverfahrens.
Noch ein Zitat: «Der Schutz von Gläubigern, Anlegern und Versicherten ist eine zentrale Aufgabe der Finma.» Das klingt wie Hohn in den Ohren jener, die mit Lehman-Anlagen Geld verloren haben.
Die Finma führt keine Programme zur Ausbildung von Anlegern in Finanzangelegenheiten durch. Das sehen wir nicht als unsere Aufgabe an. Der Frage der Aufklärung und der Sorgfaltspflichten am Verkaufspunkt gehen wir aber dezidiert nach. Hier wollen wir in nächster Zeit einen Schwerpunkt setzen. Wir stellen auch die Forderung auf, dass es in Zukunft eine umfassendere Aufklärung über das Risikoprofil von Finanzprodukten geben muss. Wir können und wollen uns aber nicht dafür verantwortlich machen, Anleger daran zu hindern, mit ihren Anlagen Geld zu verlieren.
Sie wollen den Schutz der Anleger gezielt verstärken. Das heisst?
Wir sehen Handlungsbedarf bei den angemessenen Sorgfalts-, Offenlegungs- und Aufklärungspflichten im Vertrieb von Finanzprodukten. Da steht für uns die Aufklärung über das Risikoprofil im Zentrum. Das ist nach unserer Meinung nicht oder zu wenig konsequent gemacht worden.
Sie wollen Ihren Personalbestand von gut 350 auf 400 Mitarbeitende ausbauen. Bringen mehr Leute eine bessere Aufsicht?
Mehr Leute bringen nicht automatisch eine bessere Aufsicht. In gewissen Bereichen sind wir im Moment aber so mit Personal dotiert, dass wir Fälle aufschieben oder sogar fallen lassen müssen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Wir müssen in der Lage sein, den wichtigen Fällen, den wesentlichen Risiken, die wir identifizieren, schnell und gezielt nachgehen zu können. Viel wichtiger ist aber die Qualität des Personals. Da braucht es den richtigen Mix. Wir benötigen sowohl Leute, die Erfahrung haben in der Aufsichtstätigkeit, als auch solche, die aus der Praxis des Finanzsektors kommen. Und wir brauchen auch jene, die frisch von der Ausbildung mit aktuellem akademischem Wissen zu uns stossen.
Das heisst, Sie stellen jetzt Investment-Banker der UBS und Anlageberater der Credit Suisse ein, um damit die Tricks und Kniffs der Profis einzukaufen?
Man kann das so ausdrücken. Oder man kann sagen, der Wilderer ist auch ein guter Wildhüter. Wichtig ist aber der richtige Mix von Leuten mit unterschiedlichem Hintergrund. In der Vergangenheit war es einfach so, dass die Tätigkeit bei der Aufsicht im Vergleich zur Privatwirtschaft ziemlich unattraktiv war.
Mit Patrick Raaflaub sprach Bruno Schletti (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.10.2009, 04:00 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.



