«Der grösste Teil des Vermögens gehört den Rentnern»

Pensionskassen profitieren vom Börsenanstieg. Grund zum Aufatmen? Nein, sagt der Vorsorgeexperte Martin Janssen und fordert tiefere Renten.

Martin Janssen ist Professor für Finanzmarkttheorie und Leiter der Ecofin-Gruppe.

Martin Janssen ist Professor für Finanzmarkttheorie und Leiter der Ecofin-Gruppe. (Bild: Keystone)

Sie warnen, dass die neu gesprochenen Renten 30 bis 40 Prozent zu hoch sind. Malen Sie nicht zu schwarz?
Als das Obligatorium 1985 in Kraft trat, ergab ein Kapital von 100'000 Franken eine Rente von 7200 Franken. Heute leben die Männer nach der Pensionierung fast 4 Jahre länger, Frauen etwa 3 Jahre. In der gleichen Zeit haben sich die Zinsen halbiert. Und 100'000 Franken Kapital ergeben heute fast gleich viel Rente, nämlich 7000 Franken. Der Umwandlungssatz ist mit 7 Prozent viel zu hoch.

Wie tief muss er fallen?
Auf 5 oder 5,5 Prozent, wenn die Zinsen nicht wieder ansteigen.

Ist das politisch machbar?
Kaum. Nur wenige von denen, die in den nächsten Jahren in Pension gehen, verzichten freiwillig auf eine zu hohe Rente. Das ist aus Sicht des Einzelnen verständlich, obwohl es insgesamt unsinnig ist.

Das werden die Erwerbstätigen, die nächstens pensioniert werden, nicht gern hören.
Es ist noch schlimmer. Jeder neue Rentner erhält eine sichere Rente auf der Basis einer Verzinsung von 5 Prozent. Der Erwerbstätige bekommt nur 2 Prozent. Und bei einem Börsenabsturz trägt er seinen Verlust und jenen des Rentners. Das ist unfair und dumm.

Ändert sich nichts, weil die Lobby der Rentner zu stark ist?
Das Problem liegt anderswo. Alle, die Gewerkschaften und die Bürgerlichen, wissen genau, dass der Umwandlungssatz zu hoch ist. Wenn man in dieser Situation gegen eine moderate Senkung auf 6,4 Prozent eintritt, kann ich mir das nur mit der Absicht erklären, das Pensionskassen-System ausbluten zu wollen, um so den alten Traum einer umfassenden AHV zu realisieren. Ich fürchte mich vor einer Situation, wo das Produktionskapital nicht mehr aus der Zweiten Säule stammt, sondern von asiatischen Staatsfonds und russischen Oligarchen.

Gibt es Pensionskassen, die man nicht mehr sanieren kann?
Pensionskassen mit einem hohen Rentneranteil, die mit zu tiefer Lebenserwartung und zu hohen Zinsen rechnen und einen Deckungsgrad von 80 Prozent ausweisen, sind aus eigener Kraft nicht mehr zu sanieren. Würde man richtig rechnen, wüsste man, dass der grösste Teil des Vermögens, vielleicht sogar alles, den Rentnern gehört.

Warum macht man nicht reine Rentner- und reine Erwerbstätigenkassen?
Auf diese Weise könnte man mindestens den Geldtransfer von den jungen Erwerbstätigen zu den Neurentnern unterbrechen. Aber das ist politisch kaum machbar. Man würde nämlich feststellen, dass das Kapital nicht für alle reicht. Und dieses Problem hat man lieber später als heute.

Swisscanto schlägt vor, die Rente zweizuteilen.
Die Lösung ist nicht optimal, aber sicher besser als das, was heute getan wird. Eine andere Lösung wäre, dass der Rentner jene Mittel, die seine Grundversorgung übersteigen, nach eigenem Ermessen anlegen könnte. Er müsste dazu die Kasse nicht verlassen, sondern könnte von den Vorzugsbedingungen profitieren, welche die Kasse bietet.

Warum keine freie Wahl der Kassen?
Wenn das System intelligent und – ganz wichtig – genügend stark reguliert würde, spricht meines Erachtens nicht viel dagegen. Aber wir dürfen die Verantwortung des Arbeitgebers, die Transparenz und die Planbarkeit der Rente nicht über Bord werfen.

Wem nützt der Wettbewerb?
Den Versicherten über höhere Renten. Banken, Versicherungen und Berater würden zweifellos weniger verdienen als heute.

Mit Martin Janssen sprach Rita Flubacher

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.09.2009, 04:00 Uhr

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21 Kommentare

Peter Meier

24.09.2009, 19:31 Uhr
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Wenn Geld auf null und nichts basiert, wird irgendwann mal null und nicht daraus. Und wenn null und nichts auch noch Zinsen abwerfen soll, dann entsteht letztlich noch weniger als null und nichts. Ich rate dazu, aufs Alter zur Selbstversorgung überzugehen. Ist gesund und entstresst das Leben. Antworten


Sibylle Weiss

24.09.2009, 15:24 Uhr
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Junge Arbeitnehmer können sich in der heutigen Zeit glücklich schätzen, noch ein solcher zu sein.Was hat das mit Betrug zu tun?All die älteren Arbeitnehmer,die früher jung waren, haben auch für die ältere Generation bezahlt. Da kam kein Mensch auf die Idee eines Betrugs. Antworten


Hans Schmid

24.09.2009, 13:52 Uhr
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Hallo allerseits,Könnte mir bitte jemand eine Pensionskasse mit einem Technischen Zins von 5% zeigen? Eine Freie Wahl der Pensionskassen ist schwierig umsetzbar, stellen sie sich den administrativen auwand für einen arbeitgeber vor, wenn jeder arbeitnehmer bei einer anderen PK versichert wäre. @Beni Jamar: nicht mal die EL rechnet für jeden mit den gleichen kosten, da gehts um existenzsicherung Antworten


Martin Waeber

24.09.2009, 12:13 Uhr
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@ Ralf Schumacher. Stimmt nicht, nicht das liberale Gedankengut ist der Tod Gesellschaft. Es sind im Gegenteil Gewerkschaften und Linke die Stur einmal erworbenes für ihre Klientel verteidigen, egal ob dabei die ganze Gesellschft bachab geht. Antworten


Marie Gregjam

24.09.2009, 11:58 Uhr
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Warum sind Liberale gegen die Gleichstellung der Bürger? Ihr Egoismus schafft gerade DIE Zustände, die sie nachher bekämpfen! Wenn Bürgerliche nichts für Benachteiligte tun u. nur Steuern senken wollen, sollten sie wenigstens das Steuer- u. Sozialwesen markant vereinfachen: Mit einheitlichen Steuern u. Renten könnten viele Stellen (Kosten!) gespart werden, welche ALLEN die Existenz sichern könnte! Antworten


Rolf Schumacher

24.09.2009, 11:04 Uhr
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Noch immer hat folgendes Szenario in der Geschichte zu blutigen Tumulten geführt. Eine alte Garde hält das VERMOEGEN des Landes in ihren klammen Klauen. Innovation, Investition in die Zukunft verebben. Die Jugend beginnt zu rebellieren, die Masse erzwingt eine Systemänderung. Um diesen Umsturz werden die neoliberalen konservativen millionenschweren GRUFTIS auch nicht kommen. Antworten


Rolf Schütz

24.09.2009, 10:59 Uhr
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Die Kommentar erschrecken mich zutiefst! Wenn wir nicht endlich von diesem engstirnigen Denken abkommen (niemand darf mir meine Rente kürzen, obwohl ich sie ja noch gar nicht beziehe), wird die 2. Säule sehr bald nicht mehr finanzierbar sein! Und das hat nichts mit den bösen Versicherunge zu tun! Wacht auf und denkt nach! Sonst MUSS der Umwandlungssatz in 10 Jahren bei 5.0% liegen... Antworten


Rolf Schumacher

24.09.2009, 10:57 Uhr
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Solidarität ist in weiten Kreisen unserer egomanen LEISTUNGSgesellschaft ein Fremdwort. Da wird das Haus den Angehörigen verschrieben, einige Jahre bevor die RENTNER ins Altersheim müssen, damit der Staat ja nicht ans Vermögen kommt. Die Gemiende und Bund dürfen dann die monatliche Rechnung von 12`000sfr des nun mittellosen Rentners übernehmen. Liberales Gedankengut ist der Tod der Gesellschaft. Antworten


Beni Jamar

24.09.2009, 10:48 Uhr
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Das ganze CH-Sozialwesen sollte in Frage gestellt werden: Es ist richtig, das Einkommen gemäss Ausbildung, Funktion u. Leistung zu bestimmen. Ich sehe jedoch nicht ein, dass Leute ohne Erwerbseinkommen, für's NICHTSTUN unterschiedlich "entlöhnt" werden! Die Lebenskosten sind für ALLE GLEICH. Somit sollten Arbeitslose, Invalide u. Rentner NUR eine Existenz sichernde Einheitsrente erhalten!!! Antworten


wendolin Nietlisbach

24.09.2009, 10:27 Uhr
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Wie wäre es wenn die PK's unser Geld vermehrt in "seriöseren" Anlagen, wie Immobilien oder vermehrt Wandelobligationen investieren würden als in risikoreichen Börsen transaktionen daran alle Beteiligten nur profitieren wollen. Man müsste sich darüber ein paar Gedanken machen. Man müsste vermehrt Wandelobligationen emittieren. Antworten


alfred bleuler

24.09.2009, 10:03 Uhr
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@ fritz müller, ja sie haben vollkommen recht, es wir gerne vergessen, dass bei der volksabstimmung über die 2. säule ein viel besserer vorschlag aus der LINKEN-ecke (PDA) kam. doch diese wurde von der SP bekämpft. die SP bekämpft immer was ihr zu nahe kommt. wie zur zeit einen GRUENEN bundesrat. trotz allen symatien für die SP kann ich desswegen dieser partei nicht beitreten Antworten


Dieter Wundrak-Gunst

24.09.2009, 09:52 Uhr
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Langsam zweifle ich am Verstand einzelner Leute. Warum wurden denn Renten eingeführt. Eben, weil es vor vielen Jahren die jungen Leute waren, die für die alten Leute zu sorgen hatten. Jetzt, wo jeder für sich selbst besorgt sein kann, zweifelt wieder eine Minderheit von Leuten daran. Und wie ist es möglich, so wie jetzt, nämlich 1. Säule AHV, 2. Säule die betriebliche Vorsorge und 3. Säule privat. Antworten


Christian Schenk

24.09.2009, 09:51 Uhr
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Tja, für jene die in 20 Jahren Rentner werden, wird die Schweiz unbezahlbar sein. Nur auswandern kommt da noch in Frage, wenn man überhaupt noch was ausbezahlt kriegt. Nach Thailand, zum Beispiel... (sofern's dann noch so billig ist dort). Eine Schweiz voller armer alter Leute ist die Zukunft, die auch noch in jungen Jahren viel zu blechen hatten. Der Jung/Alt Konflikt dürfte zunehmen. Antworten


Pierre Rappazzo

24.09.2009, 09:27 Uhr
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Die freie Wahl der Pensionskasse würde auch die Verantwortung übers Kapital dem echten Eigentümer übertragen. Auch dieser Umstand erhöht letztlich die Rente! Antworten


Hertig Markus

24.09.2009, 09:17 Uhr
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@Fritz Müller: Damit das Umlageverfahren (und somit die Renten) bei einer rückläufigen Anzahl Erwerbstätiger (Demographie) nachhaltig finanziert werden kann, müsste die CH-Wirtschaft, resp. die Produktivität jährlich deutlich stärker wachsen als die aktuellen 0-2%. Wenn die Altersrenten daher nicht über Steuern erbracht werden sollen, ist dem aktuellen System der Vorzug zu lassen. Antworten


Andreas Schnyder

24.09.2009, 08:47 Uhr
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Ob bei den Renten, bei den Ressourcen, beim Staatshaushalt, beim Klima: Schamlos breichert sich unsere Generationen auf Kosten der Zukunft. Mal ein wenig kurzfristig, mal ein wenig langfristig. Wehren tut sich niemand. Die Rechnung wird aber präsentiert werden. Wohl noch zu Lebzeiten der Babyboomers. Antworten


Daniel Faessler

24.09.2009, 08:46 Uhr
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Abzüge vom Bruttolohn für AHV und Penssionskassen sind für junge Menschen verlorenes Geld und der Zwang zu dieser Abgabe reinster Betrug an den jungen Arbeitnehmern. Das 3-Säulensystem gehört abgeschaft und jeder sollte für sich selber sorgen. Sollte es im Pensionsalter halt dann nicht reichen, so gibts halt nur minimalste staatlich Unterstützung. Das heutige System ist Enteignung. Antworten


Nadine Binsberger

24.09.2009, 08:02 Uhr
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Elegante Lösung: Zeitgeld-Rente Antworten


Lukas Engler

24.09.2009, 07:55 Uhr
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Was fällt denn diesem "Vorsorgeexperten" eigentlich ein. Kassiert mit eigenen Stiftungen kräftig ab (Tagi von gestern, Stichwort "Auffangeinrichtung"). Die Lebenshaltungskosten haben sich gegenüber 1985 um einiges erhöht. Die meisten von uns haben keine so grosse Lohntüte wie Sie, Herr Professor! Antworten


Fritz Müller

24.09.2009, 07:47 Uhr
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Es zeigt sich immer mehr, dass das System der Pensionskassen ein sehr schlechtes ist. Es wäre klüger und billiger gewesen, das gesamte Altersrente über das Umlageverfahren zu finanzieren. Aber bei der Abstimmung in den Siebziger Jahren kam die damalige Initiative für eine Volkspension aus der falschen (linken) Ecke. Nicht einmal die SP konnte sich für ein Ja für die PdA-Initiave durchringen. Antworten


Marion Petersen

24.09.2009, 06:50 Uhr
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Er scheint ja der Finanzgott persönlich zu sein. Bestimmt verzichtet er bei seinem Gehalt später auf die Pension - das erwarte ich - das wäre solidarisch! Antworten



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