Wirtschaft
Der stetige Abstieg des Dollars
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 09.09.2009
Dollar-Wechselkurs
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Bereits im vergangenen Mai hat der umtriebige Investor Jim Rogers für den Herbst eine Währungskrise prophezeit. Konkret sagte er einen Absturz des Dollars voraus, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Die aktuelle Kursentwicklung der US-Währung scheint die Prognose bisher zu bewahrheiten. Sowohl gegenüber dem Franken wie gegenüber dem Euro bewegt sich der Dollar auf Jahrestiefständen. Der Absturz des Dollars spiegelt sich auch im Goldpreis, der gestern die Schwelle von 1000 Dollar pro Unze durchschlagen hat. Gold ist traditionell eine Absicherung gegen einen schwachen Dollar.
Vieles spricht dafür, dass die noch immer führende Währung der Welt weiter an Bedeutung verlieren wird – der Kurssturz des Dollars wird sich daher aller Voraussicht nach in nächster Zeit und auch langfristig fortsetzen. Das entspricht zudem einem mehrjährigen Trend: «Seit 20 Jahren verliert der Dollar an Wert», sagt Thomas Flury, Leiter Währungsresearch bei der UBS. Flury erwartet, dass der Dollar allerspätestens zu Beginn des nächsten Jahres gegenüber dem Franken die Parität von einem Franken pro Dollar erreichen wird. Im Lauf des Jahres 2010 werde er noch weiter fallen.
Dank dem Dollar konnte sich die USA alles erlauben
Eine wichtige Stütze des Dollars war bisher, dass von seinem Wert nicht nur die Amerikaner, sondern viele aufstrebende Volkswirtschaften der Welt abhängen. Bekannt sind die billionenschweren Dollarbestände, auf denen China sitzt. Aber auch Japan, die Länder im mittleren Osten, Brasilien und Russland haben ihre Reserven in Dollar angelegt. Weil die Amerikaner mit ihrem Konsum auf Pump in den letzten Jahren die Produktion der ganzen Weltwirtschaft auf Trab hielten, haben sich überall die dafür bezahlten Dollar angehäuft. Seit der Krise in den USA nimmt sowohl die Nachfrage der Amerikaner als auch der Zustrom an Dollar ab. Das Vermögen all dieser Länder hängt dennoch weiterhin am Schicksal der US-Wirtschaft und ihrer Währung.
Durch die bisherige Rolle des Dollars als Weltreservewährung wurden die Probleme der Amerikaner automatisch auch von der übrigen Weltwirtschaft geteilt. Die Amerikaner konnten sich erlauben, wozu sonst niemand ungestraft in der Lage war: Die Verschuldung der Amerikaner wurde faktisch über Käufe von Dollar und US-Staatsobligationen vom Ausland finanziert. Das hat den Dollar gestützt und die Zinsen in den USA tief gehalten. Die Inflation in den USA übertrug sich auf jene Länder, die ihre Währung implizit oder explizit an den Dollar gebunden haben.
Steigende Sorgen zur US-Geldpolitik
Kein Wunder, hat bereits im März Chinas Zentralbankchef Zhou Xiaochuan die Ansicht geäussert, der Dollar sollte an Bedeutung einbüssen. Auch Thomas Flury von der UBS geht davon aus, dass der Dollar künftig seine aktuelle Dominanz als Weltreservewährung verlieren wird. Das wird allerdings nicht von heute auf morgen geschehen, denn ein zu rascher Verkauf der Dollarreserven würde zu einem dramatischen Absturz des Dollars führen. An einem anhaltenden Abstieg der US-Währung ändert das dennoch nichts.
Für die weitere Abwertung des Dollars auch gegenüber dem Schweizer Franken spricht laut Flury auch die künftig steigende Inflationserwartung in den USA. Diese wird vor allem dann zunehmen, wenn sich die Zeichen für eine Konjunkturerholung in den USA verdichten und die US-Zentralbank Federal Reserve die jetzt massiv geschaffene Liquidität nicht rasch genug aus der Wirtschaft abziehen kann oder angesichts der enormen Verschuldung der US-Regierung auch nicht allzu entschieden gegen eine Inflation vorgehen will. Allein die Zweifel dazu schwächen schon jetzt den Dollar.
Noch fehlt die Alternative
Eine hohe Schuldenlast weist nicht allein die USA aus. Experten schätzen, dass sie sich dort künftig auf 100 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) belaufen werde. Für Europa sind die Befürchtungen ähnlich, und in Japan ist der Anteil am BIP sogar etwa doppelt so hoch. Doch nur die Amerikaner haben sich gegenüber dem Ausland verschuldet. Kommen Zweifel an der Zahlungsfähigkeit der USA auf, drückt das auf die Währung. Die Amerikaner können dem nur mit höheren Zinsen entgegenwirken. Doch das schadet der Wirtschaft ebenfalls: Weil die ohnehin schon hohe Verschuldung dann noch teurer wird, und weil sich Investitionen weniger lohnen. Damit wäre die USA dann genau in jener Falle, in der sich viele Drittweltländer in der Vergangenheit oft befunden haben.
Was den Totalabstieg vorläufig noch bremst, ist einzig die fehlende Alternative. Laut Thomas Flury wird zwar der Europäischen Zentralbank auf den Märkten eher zugetraut, die Inflation in Schach zu halten, als dem amerikanischen Pendant Federal Reserve. Gegen den Euro als Dollarersatz spricht aber, dass hinter der Währung kein starker Staat steht. Beim chinesischen Yuan Renmimbi braucht es Jahre, bis er nur schon frei handelbar ist. Die von den Chinesen bereits vorgeschlagenen Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds – eine seit langem bestehende Kunstwährung – als Dollarersatz werden sich auch kaum durchsetzen. Kommt dazu, dass deren Wert selbst wieder zu 44 Prozent an jenem des Dollars hängt.
Es geht Schritt für Schritt
Laut dem Währungsexperten Thomas Flury wird der Dollar daher seinen Einfluss nicht über Nacht einbüssen. Zumindest als Welthandelswährung werde er vorläufig seine Dominanz noch bewahren, weil Änderungen hier länger dauern und kostspielig sind. Den Wert des Dollars stützt das allerdings kaum, und es ändert nichts an seinem längerfristigen Bedeutungsverlust. Auch einst dominierende Währungen wie das britische Pfund oder der Goldstandard haben ihre Bedeutung nicht mit einem Schlag einbebüsst. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.09.2009, 16:59 Uhr



