Wirtschaft

Matthias Chapman
Ressortleiter Wirtschaft


Der unerwartete Warner

Aktualisiert am 01.12.2012 78 Kommentare

Über sechs Milliarden Franken für neue Bahnprojekte bis 2025 will das Parlament. Benedikt Weibel schüttelt den Kopf. Warum ausgerechnet er, der frühere SBB-Chef?

«Eine Minute Fahrzeitgewinn würde runde 500 Millionen Franken kosten, was möglicherweise einen Eintrag ins ‹Guiness-Buch der Rekorde› einbringen würde»: Benedikt Weibel zum geforderten Ausbau der Strecke Chur–Zürich. (Archivbild)

«Eine Minute Fahrzeitgewinn würde runde 500 Millionen Franken kosten, was möglicherweise einen Eintrag ins ‹Guiness-Buch der Rekorde› einbringen würde»: Benedikt Weibel zum geforderten Ausbau der Strecke Chur–Zürich. (Archivbild)
Bild: Keystone

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Es ist Weihnachtsstimmung im Parlament. Die Vorlage für neue Bahnprojekte bis 2025, die der Bundesrat mit 3,5 Milliarden Franken veranschlagte, wollen viele Parlamentarier auf 6,4 Milliarden Franken fast verdoppeln. Gestern debattierte der Ständerat die Fabi-Vorlage (Finanzierung der Bahninfrastruktur). Grund für die finanzielle Aufstockung sind die Forderungen vieler Kantone, welche in ihren Regionen Projekte rasch vorantreiben wollen.

Nun meldet sich einer zu Wort, der die Situation der Bahn so gut kennt wie kaum jemand anders im Land: Benedikt Weibel, Chef der SBB von 1993 bis 2006. «Investitionen ziehen immer Folgekosten nach sich», sagt Weibel im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Dessen sei man sich viel zu wenig bewusst. Er schüttelt den Kopf ob all der vielen Forderungen aus den Kantonen.

500 Millionen Franken für eine Minute Fahrzeit

Ihm stossen die Begehrlichkeiten dermassen auf, dass er sich jüngst in einer Kolumne im «Sonntag» Luft verschaffte. «Masslose Kantone beim Ausbau der SBB» lautete der Titel. Darin zeigte er auf, dass für eine Verkürzung der Fahrzeit zwischen Chur und Zürich «geschätzte» 8,5 Milliarden Franken investiert werden müssten. Und Weibel kam zum Schluss: «Eine Minute Fahrzeitgewinn würde runde 500 Millionen Franken kosten, was möglicherweise einen Eintrag ins ‹Guiness-Buch der Rekorde› einbringen würde.»

«Auf diese Kolumne bekam ich sehr viel Feedback», sagt Weibel. Zumeist hätte man ihm zugestimmt. Trotzdem sieht er sich als einsamer Rufer in der Wüste. Das sei halt das Problem des Föderalismus: Wenn eine Region etwas bekomme, dann forderten die anderen auch etwas.

Das «Paul-Klee-Syndrom»

Grosszügig investieren und dann von den Folgekosten überrascht werden, nennt Weibel kurzerhand «Paul-Klee-Syndrom». Das in Anspielung auf das teuer gebaute Museum in Bern, das mit hohen Betriebskosten kämpft. Bereits ist von Schliessung als Option die Rede.

Weibel erinnert daran, dass allein aus den beiden grossen Neat-Tunnel bereits Unterhaltskosten entstehen würden, welche massiv ins Geld gingen. Viele der nun geforderten Ausbauprojekte stellt er infrage. «Was bringt eine dritte Schiene, wenn auf zwei Schienen der Viertelstunden- statt des Halbstundentakts eingeführt werden könnte?» Für den früheren SBB-Chef ist es auch nicht nachvollziehbar, wenn für ein paar eingesparte Fahrminuten Hunderte Millionen ausgegeben werden.

SBB-Züge nur zu 30 Prozent ausgelastet

Und es sind nicht nur die Kantone, welche den Ausbau des Bahnnetzes forcieren wollen. Die SBB selber argumentieren, man müsse investieren, um Kapazitätsengpässe zu beseitigen. Auch das lässt Weibel so generell nicht gelten. Bevor in das Netz investiert werde, müssten alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Noch sei in Sachen Sitz- und «anständige Stehplätze» viel zu wenig getan. Selbst bei der Verteilung des Verkehrsansturms sieht er noch Möglichkeiten. Er verweist darauf, dass die Züge der SBB insgesamt nur zu 30 Prozent ausgelastet seien.

Bei seiner Kritik geht es Weibel vor allem um die Finanzen. Wenn wegen hoher Folgekosten das Geld fehle, müssten das entweder die Benützer oder aber der Steuerzahler berappen. Aber: «Beim Benützer hat es Grenzen», warnt Weibel. Wenn zu fest an der Preisschraube gedreht wird, würden die Bahnfahrer dem ÖV den Rücken kehren. Fazit von Weibel: «Ich würde mich für die Vorlage des Bundes entscheiden. Die ist vernünftig.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.12.2012, 12:38 Uhr

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78 Kommentare

Anton Schneider

01.12.2012, 13:00 Uhr
Melden 561 Empfehlung 21

Endlich ein vernünftiger Mensch mit rationalen Argumenten. Keiner der Politiker würde die von ihm aufgestellten Forderungen selbst finanzieren. Es ist purer Populismus jeden verkehrspolitischen und wirtschaftlichen Blödsinn als im Interesses des ÖV und der Öffentlichkeit verkaufen zu wollen. Es ist einfach nur skandalös wie Politiker unverantwortlich agieren, nur um wiedergewählt zu werden. Antworten


Paul Bossi

01.12.2012, 12:46 Uhr
Melden 439 Empfehlung 14

"500 Millionen Franken für eine Minute Fahrzeit"
Und dafür dann bei der AHV und den Renten sparen.
Wir haben doch bereits eine sehr gute Verkehrsinfrastruktur.
Diese zu erhalten ist sinnvoll, sie zu vergolden ist Unsinn.
Antworten



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