Wirtschaft
Der wichtigste Satz der Eurokrise
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 08.11.2011 51 Kommentare
Dossiers
Artikel zum Thema
- Anleger schauen nach Italien – Nikkei fällt ins Minus
- «Berlusconis Zeit ist abgelaufen»
- - Märkte Vertrauen der Anleger in Italien schwindet vor Abstimmung in Rom
- Talfahrt setzt Pensionskassen zu
- US-Notenbank hält sich alle Türen für weitere Interventionen offen
- Bundesrat vertröstet auf die nächste Woche
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
6,68 Prozent – so lautet die Zahl auf dem wichtigsten Fieberthermometer der Eurozone. Sie zeigt, dass sich der Patient in grösster Gefahr befindet. 6,68 Prozent ist die bisher höchste gehandelte Rendite für zehnjährige Staatsanleihen Italiens. Diese Rendite zeigt, welchen Zinssatz die drittgrösste Volkswirtschaft der Eurozone für ihre Schulden künftig bezahlen muss. Der Zinssatz für Italien ist damit bereits höher, als er in Griechenland Anfang April 2010 lag – kurz bevor das Land Unterstützung der Euroländer und des IWF erhielt –, und bewegt sich im Umfeld der Werte in Irland und Portugal, bevor auch diese Länder gerettet werden mussten. Das Problem im Fall Italien ist aber: Das Land ist auch für die Euroländer zu gross, um gerettet zu werden. Die Gesamtschuld Italiens beläuft sich auf 1900 Milliarden Euro – beinahe das Sechsfache der Gesamtschulden von Griechenland.
Einfache ökonomische Überlegungen zeigen ausserdem, dass ein Land mit hoher Verschuldung und geringem Wachstum bei stark steigenden Zinssätzen rasch zahlungsunfähig werden kann. Wo die letzte Schmerzgrenze bei Italien genau liegt, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Viele Analysten setzen sie bereits bei Werten über 6 Prozent an. Der italienische Ableger der Europäischen Zentralbank, die Banca d'Italia, hat dagegen in ihrem jüngsten «Financial Stability Report» zu beruhigen versucht: Selbst bei einem Zinssatz von 7,3 Prozent und Nullwachstum in Italien würde die Schuldenquote noch im Jahr 2014 stabil bei 120 Prozent des Bruttoinlandprodukts verbleiben. Die Bank hält dieses Szenario selbst für einen «Extremfall» und rechnet in ihrem Basisszenario mit einem Zinssatz von 4,9 Prozent bis 2014.
Selbst der hohe Zinssatz ist noch geschönt
Doch selbst der bereits erreichte hohe Stand des Zinssatzes zeigt ein künstlich geschöntes Bild. Geschönt wurde es durch massive Interventionen der Europäischen Zentralbank auf den Anleihemärkten. In der letzten Woche hat sie für 9,52 Milliarden Euro solche Anleihen aufgekauft – und hat dafür damit doppelt so viel ausgegeben wie eine Woche zuvor.
Besonders beunruhigend ist schliesslich der dramatische Anstieg der Anleihenrendite in den letzten Tagen und Wochen. Noch Anfang Oktober lag dieser Satz bei 5,54 Prozent. In der kurzen Zeit seither ist er um mehr als einen Prozentpunkt in die Höhe geschossen. Im Fall der anderen Krisenländer, die bisher Hilfe beanspruchen mussten, hielt der Anstieg nach einem anfänglichen steilen Aufwärtstrend jeweils an, und die Zinsen erreichten rasch Niveaus, die untragbar wurden und eine Rettung notwendig machten, um einen Staatsbankrott abzuwenden.
Italien ist nicht Griechenland
Auch weitere Vergleiche mit den anderen Krisenländern drängen sich auf: Die Staatsschuld Italiens liegt aktuell mit rund 120 Prozent nicht weit unter jener von Griechenland zu Beginn der Krise (Ende 2009 wurde sie vom Internationalen Währungsfonds IWF mit 127 Prozent ausgewiesen). Eine weitere Parallele zu Griechenland ist die wachsende politische Instabilität und eine Regierung, der kaum mehr jemand etwas zutraut.
Doch die Unterschiede überwiegen deutlich. Die Verschuldung Italiens ist zwar hoch, aber sie ist seit mehr als zwei Jahrzehnten mehr oder weniger stabil. Anders als Griechenland verfügt Italien ausserdem über eine industrielle Basis. Kommt dazu, dass das Land abgesehen von den Kosten für die Schuldzinsen Überschüsse im Staatsbudget verzeichnet (das heisst einen sogenannten positiven Primärsaldo). Für die Jahre 2011 bis 2016 prognostiziert der IWF nicht nur weitere positive Abschlüsse. Seine Schätzungen zeigen gemessen am Bruttoinlandprodukt diesbezüglich über den ganzen Zeitraum sogar ein besseres Abschneiden Italiens als Deutschlands. Ein weiterer grosser Vorteil für Italien liegt darin, dass ein grosser Teil der Verschuldung gegenüber Inländern anfällt. Die gesamte Schuld des italienischen Staates beläuft sich laut der Analysten der Bank Cheuvreux auf bloss 23 Prozent des von Italienern gehaltenen privaten Vermögens.
Die Gefahr der selbst erfüllenden Prophezeiung
Doch die Vorteile können sich als ungenügend erweisen. Als Mitglied der Eurozone leidet auch Italien unter einer geschwächten Wettbewerbsfähigkeit und der Unmöglichkeit wie früher die Währung abzuwerten. Wie in Griechenland ist auch in Italien Steuerhinterziehung ein Volkssport, sodass auch ein an sich grosses potenziell besteuerbares Vermögen in der Bevölkerung nur schwer mit einbezogen werden kann. Einmal abgesehen davon, dass die Betroffenen mit ihrem Kapital wohl aus dem Land fliehen würden.
Alles, was daher für Italien spricht, verliert allerdings bei einem anhaltenden Anstieg der Zinssätze für italienische Schulden an Bedeutung. Dieser führt zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung einer Katastrophe: Der Anstieg hat erstens zur Folge, dass die Tragfähigkeit der Schulden des Landes von allein abnimmt. Die dadurch sinkende Bonität lässt die Zinssätze weiter steigen. Zweitens führt der Kurssturz der italienischen Staatsanleihen dazu, dass Banken sich erst recht von den nun für gefährlich gehaltenen Anleihen trennen müssen. Der Kurs verhält sich bei Anleihen umgekehrt zur Rendite. Das heisst, solche Notverkäufe verschärfen nicht nur den Preissturz der Anleihen, sondern umgekehrt auch den Anstieg der Zinssätze. Die Europäer hätten daher alles Interesse, einen solchen ungebremsten Absturz von Italien zu verhindern.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.11.2011, 17:56 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
51 Kommentare
Dieser Bericht über den wahren Zustand Italiens und der Eurozone im allgemeinen, zeigt einmal mehr wie schädlich und wettbewerbsverzerrend die SNB Intervention tatsächlich ist! Der Euro wäre nie und nimmer auf dem heute fixierten Niveau sondern wohl eher bei 90 Rappen! Genau betrachtet, hat die SNB die "Devisenkrise" sogar verschärft - weil Anleger nun kaum noch irgendwo sicher investieren können! Antworten
Wirtschaft
- 20:38Novartis-Präsident Vasella kritisiert die Einwanderungspolitik
- 16:29Swisscom-Chef: «Den Meisten sind Roaming-Gebühren egal»
- 13:17So günstig zum Eigenheim wie nie
- 22:09Bund prüft Abschottung des Schweizer Kapitalmarkts
- 12:15Das sind die demokratischsten Firmen der Schweiz
- 10:16UBS verliert bis zu 30 Millionen Dollar bei Facebook-Börsengang
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Bitte warten

