Wirtschaft

Deutsche finanzieren unsere Spitäler mit

Von Alex Hämmerli. Aktualisiert am 21.09.2009 52 Kommentare

Die Schweiz profitiert von eingewanderten Ärzten – insbesondere aus Deutschland. Die Rechnung dafür zahlt die deutsche Allgemeinheit.

Die Schweiz lockt immer mehr deutsche Ärzte an. 2008 arbeiteten über 3500 von ihnen in hiesigen Spitälern. Mittlerweile stellen sie weit mehr als die Hälfte der ausländischen Humanmediziner (siehe Grafik). Im Universitätsspital Zürich beispielsweise sind derzeit über 80 Prozent der ausländischen Kaderärzte Deutsche.

Für Deutschland ist das ein grosses Problem. Für die hohen Ausbildungskosten erhält der deutsche Staat keinen Gegenwert, wenn die Ärzte gleich nach Ausbildungsende ins Ausland ziehen. Wie hoch diese Kosten sind, hat das Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München (Ifo) jetzt berechnet.

Hohe Einbussen

Eine 30-jährige Ärztin, die während ihrer Fachausbildung das Land verlässt, zuvor nur wenig Steuern und Sozialabgaben gezahlt hat und von einer kostenlosen Ausbildung profitieren konnte, belastet die Allgemeinheit mit 436'000 Euro. Bliebe sie in Deutschland, würde sie über ihre gesamte Lebenszeit einen positiven Beitrag von 639'000 Euro leisten. Per Saldo entgehen dem deutschen Staat damit Einnahmen von 1,075 Millionen Euro. Fazit der Studie: «Die Auswanderung (...) verursacht erhebliche Belastungen der öffentlichen Haushalte und Sozialkassen.»

Damit wird klar, wie stark die Schweiz von den aus Norden zugewanderten Ärzten profitiert: keine Ausbildungskosten, dafür Steuereinnahmen und Beiträge an die Sozialversicherungen.

Das Bundesamt für Gesundheit geht davon aus, dass jeder Medizinstudent in der Schweiz den Fiskus im Laufe der Ausbildung im Schnitt 720'000 Franken kostet. Für die Weiterbildung zum Facharzt kommt schnell einmal noch eine halbe Million hinzu. Hätte man die deutschen Mediziner an hiesigen Universitäten ausbilden müssen, hätte dies das Budget von Bund und Kantonen mit geschätzten 4 Milliarden Franken belastet.

Teurere Ausbildung in der Schweiz

Auch wenn die Ausbildungskosten zwischen den beiden Ländern nicht ganz vergleichbar sind, weil die Erhebungsmethoden abweichen: Max Giger, Präsident des Schweizerischen Instituts für medizinische Weiter- und Fortbildung (SIWF), ist überzeugt, dass die Ausbildung in Deutschland um einiges günstiger ist als in der Schweiz. Und das ohne grössere Abstriche in der Qualität. Die Kosten der Ausbildung von Doktoren ins Ausland abzuwälzen, hält Giger für bedenklich. Er weist darauf hin, dass ein grosser Teil der aus Deutschland abwandernden Ärzte durch Fachleute aus Osteuropa ersetzt wird. Dort wiederum klaffe nun eine Lücke im Gesundheitswesen. «In Rumänien verlassen fast 40 Prozent der Ärzte das Land direkt nach dem Studium», verdeutlicht Giger.

Ansetzen müsse man einerseits bei den Kapazitäten. Die nationale Strategie des Wissenschaftsrats aus dem Jahr 2006 sieht vor, die Studienplätze um 20 Prozent zu erhöhen. Die Schweizer Universitäten passen ihr Angebot entsprechend in kleinen Schritten an. Für Giger ist das zu wenig. «120 Schweizer Ärzte mehr pro Jahr bringen uns nicht viel weiter.» Die Universitäten müssten zusätzlich die Effizienz der Studiengänge erhöhen: «672 Diplome bei einer Aufnahmekapazität von 800 Medizinstudenten an den schweizweit fünf Fakultäten sind schlicht zu wenig. Die Universitäten sollten einen Output von über 90 Prozent erreichen», kritisiert Giger. Für FDP-Ständerat Felix Gutzwiller reicht die Aufstockung um 20 Prozent ebenfalls nicht aus. «30 Prozent sind das absolute Minimum. Dies würde unser Bildungssystem allerdings massiv verteuern.» Doch das, so ist sich der Gesundheitspolitiker gewiss, dürfte auf Widerstand in der Politik stossen.

Politik will reagieren

Auch in Deutschland ist die Politik gefordert, wie die Autoren der Ifo-Studie schreiben: «Unsere Berechnung zeigt, wie wichtig es ist, die Abwanderung (...) zu verhindern. Dafür muss die Politik durch die Gestaltung des Steuer- und Abgabensystems die richtigen Anreize schaffen. In Anbetracht der zunehmenden Zahl von qualifizierten Auswanderern besteht dafür ein hoher Handlungsbedarf», schreibt Christian Holzner, Ifo-Bereichsleiter «Sozialpolitik und Arbeitsmärkte».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.09.2009, 09:49 Uhr

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52 Kommentare

Gion Saram

21.09.2009, 10:41 Uhr
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Sie stimmten für die Personenfreizügigkeit und jetzt jammern sie wenn genau diese Freizügkeit auch in Anspruch genommen wird. Die gleichen Klagen über mangelnden einheimischen Branchennachwuchs hörten wir bereits vor 40 Jahren, als die ausländischen Gastarbeiter den Nachwuchs in der Baubranche ersetzten. Das Wehklagen ist jetzt bloss grösser weil es um Akademikerberufe geht. Antworten


Heinrich Baur

21.09.2009, 10:18 Uhr
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@T. Widmer - Die Schweiz steht nicht in Deutschlands Schuld, wenn Ärzte und tausende weiterer Wissenschaftler z.B. in Chemie/Pharma mit teurer Ausbildung in die Schweiz kommen. Es sollte jedoch fair über die Sozialkosten und Beiträge diskutiert werden, die ca. 10.000 Arbeitslose verursachen. Übrigens, häufig sind schon unter den naturwissenschaftlichen Doktoranden in der Schweiz mehr Ausländer?! Antworten



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