Wirtschaft

«Deutschland gehört zu den Gewinnern»

Aktualisiert am 26.07.2010

Hans-Werner Sinn, Präsident des renommierten Instituts für Wirtschaftsforschung, sieht Deutschland nach der Wirtschaftskrise gestärkt. Doch er spricht eine Warnung aus.

Starke Wirtschaft: Mitarbeiter der deutschen Siemens im April 2010.

Starke Wirtschaft: Mitarbeiter der deutschen Siemens im April 2010.

Um klare Worte nicht verlegen: Hans-Werner Sinn bei einem Auftritt am Swiss Economic Forum im Juni in Interlaken. (Bild: Keystone )

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk äusserte sich der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo) an der Universität München optimistisch zur Lage der deutschen Wirtschaft. Zwar verliere die amerikanische Wirtschaft derzeit an Schwung – doch die Frage, ob dies auch für Deutschland gelte, beantwortete er mit Nein.

«Ich glaube, dass die Welt sich zweiteilt in Gewinner und Verlierer dieser Krise», so Hans-Werner Sinn, «wir gehören zu Gewinnern und Amerika gehört zu den Verlierern». Das liege daran, dass die Krise viel mit der Überschuldung und den Kapitalmärkten zu tun gehabt habe.

Düstere Analyse für die USA

Die Begründung versuchte Sinn anschliessend in einfachen Worten zu erläutern. «In Amerika fliesst das Geld einfach nicht mehr», sagte er. Das Land hätte Jahr für Jahr mit 800 Milliarden Dollar in aller Welt Schulden gemacht – auch in Deutschland. Nun würden die nötigen Budgetbeschränkungen anfangen «zu kneifen». Die Leute müssten daher ihre Ausgaben einschränken, so der Experte, «und das zieht eben die ganze Wirtschaft runter».

Deutschland werde von diesem Trend nicht betroffen sein, sagte Sinn voraus: Ein grosser Teil des Geldes, der früher über die Banken in die USA geflossen sei, bleibe nun im Land und werde dort investiert. Es fliesse auch nicht mehr in griechische Staatspapiere oder nach Spanien «oder sonst wohin». Unter den OECD-Ländern hatte Deutschland von 1995 bis zur Krise die niedrigste Investitionsquote, so der Wirtschaftsforscher weiter, «und deswegen fehlte es an der Binnenkonjunktur in Deutschland».

Exporte in mehr Regionen als früher

Die Frage, ob die schwache Konjunktur in den USA und anderen Ländern angesichts der Exportabhängigkeit Deutschlands nicht neue Probleme berge, beantwortete Sinn optimistisch – wegen des Schwerpunkts der deutschen Ausfuhren, der nicht mehr nur in Europa oder den USA liege, sondern auch in Asien und den Schwellenländern. «Dort geht die Post richtig ab», sagte er, «davon profitiert der deutsche Export.»

Die Tatsache, dass weltweit immer mehr Kapital in Schwellen- und Entwicklungsländer fliesst, beunruhigt Sinn nicht. Deutschland profitiere als Lieferant von Investitionsgütern derzeit davon, dass in diesen Regionen Produktionskapazitäten aufgebaut würden. Langfristig sieht er allerdings in China einen wichtigen Konkurrenten – unter anderem wegen der Strategie des Landes, sich in Afrika mit Investitionen Zugriff auf Rohstoffe zu sichern, die künftig knapp werden dürften. Deutschland benötige sie für die Industrieproduktion, so der Appell von Sinn, und solle sich noch stärker um eine sichere Versorgung mit Rohstoffen bemühen. (raa)

Erstellt: 26.07.2010, 18:45 Uhr

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