«Die Arroganz der Schreibtischtäter ist nicht mehrheitsfähig»

Hans Peter Danuser, ehemaliger Tourismusdirektor von St. Moritz, über das Nein der Bündner zu Graubünden 2022 und das, was man hätte anders machen müssen, um eine Mehrheit der Bergler zu begeistern.

«St. Moritz hätte man ja evakuieren müssen»: Hans Peter Danuser.

«St. Moritz hätte man ja evakuieren müssen»: Hans Peter Danuser.

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Herr Danuser, das Nein zu Olympia im Kanton Graubünden steht fest. Überrascht Sie das?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe es schon vor Monaten gesagt. Die Arroganz der Schreibtischtäter ist nicht mehrheitsfähig im Bündnerland. Ich habe einen Nein-Stimmen-Anteil von 60 Prozent prognostiziert. Nun, ich lag wohl etwas hoch.

Wieso haben die Stimmbürger «Graubünden 2022» abgelehnt?
Grundsätzlich sehe ich zwei Gründe. Erstens: Die Belastung für die Regionen war einfach zu gross. Stellen Sie sich vor, der ganze Zirkus hätte in zwei Wintersportorten stattgefunden. Davos und St. Moritz hätte man ja evakuieren müssen. Und dann die sportliche Infrastruktur: Eine Schneise in einen geschützten Wald schlagen, um sie nach den Spielen wieder aufzuforsten? Das findet bei den Natur-affinen Bündnern keine Zustimmung. Zweitens war es die Faust im Sack. Sie ist das Nein in der Urne, das Salz der Demokratie. Der Kanton Graubünden hat 150 Täler, und nur zwei sollten von der Olympiade profitieren? Da war auch Neid im Spiel.

Sie haben angekündigt, Sie wollten ein Ja einlegen, obwohl Sie keine Lust haben, wieder einmal zu einer Minderheit zu gehören. Wie fühlen Sie sich nun?
Man hat die Olympia-Skeptiker zu wenig eingebunden. Hätte man mit einer Umfrage zuerst erhoben, wo allfällige Gegner einer Kandidatur die Probleme sehen, wäre eine Mehrheit möglich gewesen. Es war klar, dass es so nicht funktionieren konnte. Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Fischer. Also zuerst dem Stimmbürger, erst dann dem IOK.

Mit Verlaub, Herr Danuser, mir scheint, Sie weichen aus. Haben Sie ein Ja eingelegt?
Das behalte ich für mich. Ich sage nur so viel: Seit meiner Äusserung ist viel Wasser den Rhein runtergeflossen.

Wenn Sie immer noch Kurdirektor von St. Moritz wären, hätten Sie sich für die Kandidatur starkgemacht?
In einer anderen Form garantiert. Aber ich hätte nur die Outdoor-Sportarten in die Berge verlegt, den Rest hätte man im Churer Rheintal und in Einsiedeln durchführen können. Dann, so glaube ich, wäre die Kandidatur eher mehrheitsfähig gewesen.

St. Moritz und Davos haben Olympia angenommen. Wieso sahen die betroffenen Orte das anders als der Rest der Bündner?
Nun, die Befürworter waren in Davos dermassen aktiv, dass es nicht erstaunt. Der Landamman von Davos hatte die Kandidatur initiiert. Ausserdem hat sich Davos durch die Spiele erhofft, seine Infrastruktur- und Finanzprobleme langfristig zu lösen.

Welche Auswirkungen hätte eine Kandidatur auf die Bodenpreise gehabt?
Sie wären gestiegen. Klar, dass die Nachfrage das Angebot bei weitem überstiegen hätte. Die Lage hat sich durch die Zweitwohnungsinitiative ja bereits verschärft. In St. Moritz haben wir Quadratmeterpreise von bis zu 50'000 Franken. Das ist an sich schon rekordverdächtig, aber die wären noch weiter gestiegen. Die Leidtragenden wären die Einwohner gewesen. Denn schon jetzt hat St. Moritz bald mehr Arbeitsplätze als Einwohner.

Es wurde gesagt, man habe die Frauen bei der Kampagne zu wenig adressiert. Haben die Frauen Olympia 2022 gebodigt?
Das kann schon sein. Das Komitee war ziemlich muchomacho, Sportfunktionäre eben. Als die Umfragewerte ergaben, dass die Frauen Olympia-skeptisch sind, hätte man sofort mehr Frauen als Botschafterinnen einsetzen sollen.

Als Kurdirektor von St. Moritz haben Sie die Reichen ins Engadin gebracht, wo sie sich häufig in einem Zweitwohnsitz niedergelassen haben. Inwiefern beeinträchtigt die Annahme der eidgenössischen Vorlagen, das Raumplanungsgesetz und die Abzockerinitiative, den Tourismus im Bündnerland?
Es wird weniger gebaut werden, ganz klar. Dafür mehr renoviert und umgebaut. Aber: Ich bin überzeugt, die Abstimmungsresultate von heute werden zu einer Stärkung des Qualitätstourismus führen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.03.2013, 05:04 Uhr)

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Zur Person

Hans Peter Danuser prägte als Kurdirektor von 1978 bis 2009 das Image und Schicksal des berühmten Luxusferienortes. Er ist heute als Berater für Tourismusdestinationen tätig.

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