«Die Banken sind immer noch zu schwach»

Im Interview erklärt der renommierte Ökonomieprofessor Martin Hellwig, warum Basel III besser Basel 2.01 heissen würde und weshalb das Finanzsystem Europas noch immer äusserst labil ist.

«Wenn der Erfolg der Banken im internationalen Wettbewerb darauf beruht, dass sie nicht für die sozialen Kosten ihrer Risiken aufkommen müssen, dann nutzt es allen, wenn sie weniger wettbewerbsfähig werden», sagt Martin Hellwig.

«Wenn der Erfolg der Banken im internationalen Wettbewerb darauf beruht, dass sie nicht für die sozialen Kosten ihrer Risiken aufkommen müssen, dann nutzt es allen, wenn sie weniger wettbewerbsfähig werden», sagt Martin Hellwig. Bild: Iris C. Ritter

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Herr Hellwig, im europäischen Bankensystem scheint nach der Liquiditätshilfe der Europäischen Zentralbank etwas Ruhe eingekehrt zu sein. Hat sich die Lage tatsächlich stabilisiert?
Die expansive Geldpolitik der EZB hat die Liquiditätsprobleme der Banken zunächst gelöst. Die zugrundeliegenden Solvenzprobleme im Bankensystem bleiben davon aber unbeeinflusst. Wir wissen nicht, welche Risiken noch in den Büchern der Banken lagern und wie diese Risiken sich entwickeln werden.

Immerhin scheinen an den Märkten die Ängste vor einer weiteren Bankenkrise ­abgenommen zu haben.
Die Banken haben zwar 2010 und im ersten Halbjahr 2011 ihr Eigenkapital gestärkt, insofern sind sie heute weniger ­verletzlich als noch in den Jahren 2007 bis 2009. Mit den Staatsschuldenkrisen hat es aber auch wieder deutliche Verluste gegeben. Noch immer sind viele Finanzinstitute zu schwach kapitalisiert.

Das Problem der prekären Solvenz oder sogar der Insolvenz vieler Institute besteht also weiterhin?
Dass Dexia (die belgisch-französische Bank ist im Herbst 2011 kollabiert, Anm. der Red.) Staatshilfe brauchte, war kein Zufall. Wenn das Eigenkapital nur 1% der Bilanzsumme ausmacht, braucht es nicht viel, bis man insolvent wird. Das war bei Dexia extrem, aber so viel mehr Eigen­kapital besitzen die anderen Banken auch nicht. Und jetzt nutzen die Finanzinstitute das günstige Geld der EZB, um hoch verzinste Staatsanleihen zu kaufen. Die hohen Zinsen spiegeln jedoch hohe Risiken. Diese Risiken holen sich die Banken in ihre Bilanz.

Wie beurteilen Sie denn die Strategie der EZB, mit der Longer Term Refinancing Operation – LTRO – billiges Geld ins Bankensystem zu pumpen?
Die EZB ist der einzige Akteur, bei dem man überhaupt von einer Strategie sprechen kann. Eine Strategie der Politik habe ich bisher nicht erkennen können. Die Politiker haben sich allzu lange über die Probleme hinweggetäuscht.

Die EZB wird heute aber besonders in Deutschland für ihre unkonventionelle ­Liquiditätshilfe kritisiert. Zu Unrecht?
Man muss klar sehen, dass vor der ­LTRO-Aktion in Europa eine Implosion des Finanzsystems gedroht hatte, die durchaus mit derjenigen von 2008 vergleichbar gewesen wäre. Das Zusammenspiel zwischen den Kapitalrückzügen amerikanischer Geldmarktfonds, dem eingefrorenen Interbankenmarkt, dem Wertverlust von Staats­anleihen in den Bankbüchern sowie dem Versuch sämtlicher Banken, ihre Bilanz zu verkürzen, wirkte selbstzerstörerisch. Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, war die Aktion der EZB angebracht.

Welche Gefahr sehen Sie, dass die ­Stimmung wieder kippt und sich die Krise erneut verschärft?
Ich kann jetzt keine konkrete Gefahr benennen. Weil aber das System insgesamt labil bleibt und die Puffer fehlen, kann ­irgendein beliebiges Ereignis die Krisendynamik wieder in Gang setzen.

Die European Banking Authority verlangt mitten in dieser fragilen Lage, dass die Banken bis Juni ihr Core-Tier-1-Kapital auf 9% der risikogewichteten Anlagen ­erhöhen. Ist das der richtige Zeitpunkt?
Grundsätzlich sollte das Eigenkapital der Banken deutlich höher sein, in der Grössenordnung von 20 bis 30% der unge­wichteten Aktiva. Von Risikogewichten halte ich nichts, die lassen sich zu leicht manipulieren. Bei einem Eigenkapital von 20 bis 30% der Bilanzsumme wären die Banken deutlich robuster, und die Systemeffekte, etwa durch Notverkäufe von Wertpapieren, wären kleiner. Die Aktionäre wären stärker in der Haftung, und es gäbe weniger Anreize zum Zocken. Eine Antwort auf Ihre Frage ist daher, dass die 9% noch viel zu gering sind. Eine andere Antwort ist aber, dass man bei einer solchen Massnahme besser auf kurzfristige Systemwirkungen und zeitliche Abläufe achten muss. Denn sonst wirkt sie pro­zyklisch und verstärkt die Krise, dies umso mehr, als die Banken durch die verschiedenen Regeländerungen, etwa im Umgang mit den Staatsschulden oder bei der Festsetzung der 9%-Quote, überrascht wurden.

Im gegenwärtigen Umfeld wären auf kurze Frist noch schärfere Kapitalanforderungen für die Banken wahrscheinlich kaum zu erfüllen. Sehen Sie das anders?
Dem kann ich so nicht zustimmen. Wenn man sieht, wie wenig Eigenkapital die Banken hatten, so ist klar, dass etwas getan werden musste. Hätte die EBA nichts getan, so hätten wir bald zwei, drei, viele Dexias haben können. Man hätte aber mehr über das Wie nachdenken müssen.

Woran denken Sie?
Man hätte die Frist kurz halten und den Banken helfen müssen, sie zu erreichen. In den USA hat die Regierung den Banken Ende 2008 unmittelbar zusätzliches Eigenkapital zur Verfügung gestellt. So etwas würde verhindern, dass die höhere Quote über Wertpapierverkäufe erreicht wird. Das LTRO-Programm der EZB ist übrigens mit der US-Aktion von 2008 nicht vergleichbar, denn die Zentralbank gibt Kredite, nicht Eigenkapital.

Hätte zu diesem Zweck der Stabilitätsfonds EFSF eingesetzt werden können?
Um das im erforderlichen Umfang zu machen, ist der EFSF zu schwach dotiert.

Als Risiko in Europa gelten auch Credit Default Swaps. Einige befürchten gefährliche Kettenreaktionen, wenn sie etwa im Fall von Griechenland ausgelöst werden. Was meinen Sie dazu?
Ich habe nicht genügend Information, um das zu beantworten. Natürlich belasten Kre­ditausfälle die Kreditversicherer und können Kettenreaktionen hervorrufen. Hätte der amerikanische Staat im September 2008 nicht den Versicherer AIG gerettet, wären viele Banken vom Ausfall ihrer Kreditausfallversicherungen betroffen gewesen. Bei Griechenland versucht man jetzt alles, um den Schuldenschnitt freiwillig erscheinen zu lassen, damit die CDS nicht fällig werden. Ein Marktteilnehmer meinte ja, der Schuldenschnitt sei etwa so freiwillig wie ein Geständnis bei der Inquisition.

Zur Beruhigung werden immer wieder ­relativ geringe Summen genannt, die sich beim Netting zeigen, also dem gegenseitigen Aufrechnen von Guthaben und Schulden im CDS-Markt.
Bei CDS verstehe ich das nicht. Die 500 Mrd.?$ an CDS, die AIG geschrieben hatte, waren eine Verbindlichkeit von AIG. Man hoffte, dass sich das über die verschiedenen CDS herausmitteln würde, aber das war eine Illusion. Bei anderen Derivaten, Zinsswaps und Währungstermingeschäften, kann man Netting machen, aber auch dann muss man aufpassen, ob nicht bei einem Konkurs der Gegenpartei die Schuld bestehen bleibt, während das Guthaben zu einer Masseforderung wird.

Sie haben erwähnt, dass Sie für Banken eine ungewichtete Eigenkapitalquote von mindestens 20% für angemessen halten. Das ist deutlich mehr, als mit Basel III ­gefordert wird. Sind die neuen Regeln also völlig ungenügend?
Man würde besser von Basel 2.01 sprechen. Nehmen wir die dort vorgesehene sogenannte Leverage Ratio: Hier wird verlangt, dass das Eigenkapital nicht kleiner sein darf als 3% der ungewichteten Anlagen der Bank. Jedoch: Vor ihrer Rettung durch den Staat betrug diese Quote der UBS 2,5%, und die Verluste auf toxischen Papieren waren höher als 3%. Selbst mit der Leverage Ratio nach Basel III hätte sie die Staatshilfe gebraucht. Auch die Erhöhung der gewichteten Quote gemessen am Core Tier 1 von 4 auf 7% und der Tier-1- plus der Tier-2-Quote von 8 auf 10 % stellt keine wesentliche Änderung dar.

Ein oft gehörtes Argument der Banken gegen höhere Eigenkapitalquoten lautet, dass damit die Kapitalkosten deutlich steigen würden.
Dieses Argument ist in dieser Allgemeinheit schlicht falsch. Dass die Kosten für Eigenkapital höher sind als für Fremdkapital, liegt daran, dass Eigenkapital mehr Risiko trägt. Bei einem höheren Eigen­kapitalanteil ist das Risiko je eingesetzten Euro geringer und damit auch die erforderliche Risikoprämie. Die beiden Effekte, Erhöhung des Eigenkapitalanteils und Senken der Risikoprämie, neutralisieren sich, sodass die Kapitalkosten insgesamt konstant bleiben. Abweichungen ergeben sich dann, wenn der Staat das Fremdkapital subventioniert, etwa durch Hilfen in Krisen. Bei höherem Eigenkapitalanteil ist eine Krise weniger wahrscheinlich und somit die Staatsgarantie weniger wert. Dann führt eine Erhöhung des Eigenkapital­anteils tatsächlich zu einer Erhöhung der Kapitalkosten der Bank, aber dieser Erhöhung steht ein Gewinn für den Steuer­zahler gegenüber, dessen Belastung durch die Garantie für die Bank kleiner ist.

Von den Banken wird immer wieder ­vorgebracht, die strengeren Regeln würden sie im internationalen Wettbewerb benachteiligen. Umso mehr, wenn andere Länder die Regeln nicht einführen.
Damit appellieren die Banken an den Chauvinismus der Politiker. Jedoch ist die Weltwirtschaft keine Olympiade, bei der man hofft, dass die eigenen Sportler möglichst viele Medaillen gewinnen. Die Weltwirtschaft ist ein Tauschsystem, in dem die Schweiz Finanzdienstleistungen verkauft, um von anderen Ländern Computer oder Autos zu kaufen. Ist das sinnvoll? Wären die Physiker, die in den Banken ­Risikomodelle berechnen, nicht besser in der Nanotechnologie untergebracht? So etwas kann nur der Markt herausfinden, aber dazu braucht es einen Wettbewerb, der nicht durch Staatshilfen verzerrt wird. Denken Sie an Chemie, Stahl und Textil: Als man diesen Industrien strikte Umweltregeln auferlegte, hiess es auch, man werde dann nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Bei Textil und Stahl ist das auch so eingetreten. Aber geht es uns deswegen schlechter? Nein. Wir haben sauberere Flüsse und bessere Luft, und anstelle von Textil und Stahl haben wir andere Branchen. Wenn der Erfolg der Banken im internationalen Wettbewerb darauf beruht, dass sie nicht für die sozialen Kosten ihrer Risiken aufkommen müssen, dann nutzt es allen, wenn sie weniger wettbewerbsfähig werden. Vor allem in Ländern mit Überkapazitäten im Bankwesen ist zu befürchten, dass «Zombies» mit geringen Margen und wenig nachhaltigen Geschäftsmodellen alsbald wieder ans Zocken kommen und den Steuerzahler am Ende noch einmal Milliarden kosten. (Finanz und Wirtschaft)

(Erstellt: 12.03.2012, 19:58 Uhr)

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Zur Person

Martin Hellwig ist seit 2004 Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn, wo er sich unter anderem besonders mit Fragen um Finanzmärkte und -institutionen befasst. Die akademische Karriere des 62-Jährigen begann 1970 mit einem Diplom in Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Marburg und Heidelberg. Darauf folgte ein Doktorat am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er als Assistent von Peter Diamond (Nobelpreisträger 2010) forschte. Nach Forschungs- und Lehraufträgen an den US-Universitäten Stanford und Princeton kehrte Hellwig 1977 an die Universität Bonn zurück. Von 1987 bis 1996 lehrte er als Professor für Nationalökonomie an der Universität Basel. Martin Hellwig ist Ehrendoktor der Universitäten Tübingen und Basel sowie der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1995 amtiert er als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats im Bundesministerium für Wirtschaft. Der gebürtige Düsseldorfer ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern und zwei Söhnen. (MD)

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