Die Briten bezahlten einen hohen Preis

Margaret Thatcher ist die Mutter der neoliberalen Revolution der 1980er-Jahre. Eine Halbgöttin unter den Anhängern von Hayek und Friedman. Doch ihre Bilanz war verheerend.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg schien der ökonomische Glaubenskrieg entschieden zu sein: John Maynard Keynes und seine Anhänger hatten gewonnen. Der überwältigende Erfolg des New Deal in den USA und der erstaunliche Aufschwung Europas hatten dazu geführt, dass selbst konservative Politiker scharenweise das Lager gewechselt hatten: «Wir sind nun alle Keynesianer», sagten damals sowohl US-Präsident Richard Nixon als auch der konservative britische Premierminister Edward Heath. Keynes grosser Gegenspieler Friedrich von Hayek war weg vom Fenster. Nur noch obskure Exoten beschäftigen sich mit seiner Kampfschrift gegen den Sozialstaat, «Der Weg in die Knechtschaft».

Dann kam die Ölkrise – und alles wurde anders. Die westlichen Industriestaaten versanken in der Stagflation – im gleichzeitigen Auftreten von Stagnation und Inflation – und damit im Elend. Die Teuerung kletterte bald in den zweistelligen Bereich, die Arbeitslosenzahlen stiegen ebenfalls rasant an. Besonders schlimm erwischte es Grossbritannien. Die verstaatlichte Stahl- und Kohlenindustrie war international nicht mehr wettbewerbsfähig, mächtige und dogmatische Gewerkschaften legten mit regelmässigen Streiks die Wirtschaft lahm. Nichts ging mehr. «Labor isn't working» lautete der legendäre Wahlslogan, mit dem die Konservative Partei mit einer wenig bekannten Frau an der Spitze in den Wahlkampf zog – und gewann. Es war mehr als ein Wahlsieg, es war ein wirtschaftspolitisches Erdbeben.

Die neue Premierministerin Margaret Thatcher misstraute dem Staat und hasste die Wirtschaftspolitik von Keynes. Sie setzte auf Hayek, gegen ihre eigene Partei und kompromisslos. Dabei stiess sie nicht nur auf Widerstand, sie hatte zunächst auch keinen Erfolg. Die schon miese Situation wurde noch schlechter, selbst die eigene Partei wurde unruhig. 1980 wurde Margaret Thatcher an der Delegiertenversammlung der Tories massiv attackiert und aufgefordert, ihren wirtschaftspolitischen Kurs wieder zu ändern. Ihre Antwort darauf wurde zum wohl legendärsten Zitat der eisernen Lady überhaupt: «Ihr könnt ändern, falls es euch beliebt», rief sie entrüstet in den Saal. «Aber diese Dame hier lässt sich nicht ändern (The Lady's not for turning).»

Alle Sturheit und alle Durchsetzungskraft hätten Thatcher nicht gerettet, wären ihr die Generäle von Argentinien nicht entgegengekommen. Sie besetzten die Falkland-Inseln und boten Thatcher so Gelegenheit zu einem Militärschlag. Sie griff sofort zu und rang die Argentinier in einem Blitzkrieg nieder. Dieser Erfolg machte sie über Nacht unglaublich populär. Die Briten waren wieder wer. In der Folge sollten weder Keynesianer noch Gewerkschaften eine Chance gegen Lady Thatcher haben.

Margaret Thatcher war nicht nur eine Handtaschen schwingende Powerpolitikerin. Zusammen mit Ronald Reagan wurde sie zur Symbolfigur der neoliberalen Revolution. Sie privatisierte und deregulierte, was das Zeug hielt, sie kämpfte mit gleichem Elan gegen Gewerkschafter, Sozialisten und Keynesianer. Ihre Wirtschaftspolitik und ihre resolute Art machten sie zu einer Halbgöttin unter den Anhängern von Hayek und Milton Friedman. In der Schweiz liessen sich sowohl die FDP – «Mehr Freiheit, weniger Staat» – als auch die NZZ von ihr inspirieren und euphorisieren. Deren Begeisterung wurde höchstens übertroffen von Christoph Blocher, der die SVP nicht nur gegen Europa mobilisierte, sondern auch gegen den Staat. Die bekennende und stolze Gewerblerin Thatcher entsprach in allen Punkten seinem Ideal.

Als Premierministern hat die eiserne Lady eine verkrustete britische Wirtschaft wieder auf Vordermann gebracht. Doch die Menschen mussten dafür einen hohen Preis bezahlen. Thatchers Bilanz rechtfertigt ihren Ruhm in keiner Weise. Dazu ein paar Fakten: Als die eiserne Lady im November 1990 nach 11-jähriger Amtszeit von ihrer eigenen Partei zum Rücktritt gezwungen wurde, waren fast sieben Millionen Menschen von der Sozialhilfe abhängig, 60 Prozent mehr als 1979. Die Infrastruktur war am Zerfallen, die Kriminalität steigend und das Land am Rande einer sozialpolitischen Revolution. Erst als fünf Jahre später wieder Labour an die Macht kam, änderten sich die Dinge zum Guten. Der Mann, der diesen Umschwung einleitete, hiess Tony Blair. Er wird ironischerweise bis heute als männliche Ausgabe von Margaret Thatcher bezeichnet.

(Erstellt: 08.04.2013, 16:12 Uhr)

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