Wirtschaft

Die Defizit-Cheerleader dominieren

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 09.08.2010 8 Kommentare

Gemäss gängigen Debatten sind Staatsverschuldung und Inflation die grössten Gefahren. Eine Analyse der Marktzinsen weist auf ganz andere Gefahren hin. Das zeigt sich am deutlichsten in den USA.

Die Märkte erwarten weitere Konjunkturmassnahmen: Der Chef der US-Zentralbank, Ben Bernanke, vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses.

Die Märkte erwarten weitere Konjunkturmassnahmen: Der Chef der US-Zentralbank, Ben Bernanke, vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses.

Haben den Ökonomem Stan Collender inspiriert: Cheerleaders. (Bild: Reuters )

Risiko Deflation

Deflation ist das Gegenteil von Inflation und bedeutet, dass das Preisniveau insgesamt immer mehr einbricht. Das ist ein sehr gefährlicher Zustand, wenn die Ursache dafür ein Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ist. Die Unternehmen senken dann die Preise, weil sie ihre Güter nicht mehr absetzen können. In dieser Situation lohnt es sich, Geld zu horten, da der Wert auch von Bargeld steigt. Dadurch bricht der Konsum ein, aber auch die Produktion, die Investitionen, die Einkommen und die Löhne der verbliebenen Beschäftigten. Die Wirtschaft gerät in einen Abwärtsstrudel. Durch den Preiszerfall erhöht sich ausserdem der reale Wert der Schulden, was zusätzlich zu Konkursen führt und den Abwärtsstrudel noch verstärkt.

Eine Notenbank fürchtet sich auch deshalb vor einer Deflation, weil diese ihr wichtigstes gängiges Instrument – die Zinspolitik – ausser Gefecht setzt. Selbst bei Zinsen von 0 Prozent steigen die Realzinsen bei einer Deflation an.

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Die Unsicherheiten über den Zustand der Konjunktur in den USA bewegt die Weltmärkte. Mit besonderer Spannung wird daher der Entscheid von morgen Dienstag von der US-Notenbank Federal Reserve dazu erwartet, wie sie selbst die Lage einschätzt und was sie zu tun gedenkt. Angesichts der nach wie vor zu wenig ausgelasteten Wirtschaft und der damit einhergehenden hohen Arbeitslosigkeit geht niemand davon aus, dass die Zentralbank die Zinsen erhöhen wird. Senken kann sie diese kaum noch – der Leitzins befindet sich bereits zwischen 0 und 0,25 Prozent. Auf unter null kann er nicht fallen. Die entscheidende Frage ist allerdings, wie dramatisch die Notenbank die Lage tatsächlich einschätzt und ob sie sogar wieder vermehrt zu aussergewöhnlichen Massnahmen greifen wird wie der direkten Finanzierung der Regierung über den Kauf von langfristigen Staatsanleihen.

Viel spricht dafür, dass sie solche Massnahmen tatsächlich ins Auge fasst. In den USA scheinen im Streit zwischen den so genannten Deflationistas und Inflationistas Erstere immer mehr Oberhand zu gewinnen. Im Gegensatz zu den Inflationistas, die vor allem vor einer Inflation warnen, sehen die Deflationistas die akute Gefahr einer viel schlimmeren Deflation, die die grösste Volkswirtschaft der Welt in einen Zustand wie einst Japan stürzen kann: eine jahrzehntelang anhaltende Krise (siehe Box). Die Inflationistas begründen ihre Sorge vor allem mit der massiven Ausdehnung der Geldmenge, die gemäss der Schulbuchweisheit für gewöhnliche Situationen in eine starke Teuerung münden müsste.

Die schlagenden Argumente der Deflationistas

Das schlagende Argument der Deflationistas ist das Zinsniveau. Laut der berühmten Regel des 1947 verstorbenen US-Ökonomen Irving Fisher bewegt sich das nominelle Zinsniveau (das auf den Märkten ausgewiesene Niveau) vor allem mit der erwarteten Teuerung. Erwarten Investoren steigende Preise, wollen sie dafür mit höheren Nominalzinsen entschädigt werden. Doch trotz den extrem tiefen Zinsen der US-Notenbank sinkt in den USA das Zinsniveau und erreicht ständig neue historische Tiefststände. Das bedeutet, die Erwartung auf den Märkten ist nicht eine steigende, sondern eine sinkende Teuerung – und weil sich diese ebenfalls auf einem Tiefststand bewegt, ist die Deflation aktuell die grösste Gefahr. Erst letzte Woche hat mit James Bullard ein einflussreiches Mitglied der US-Zentralbank auf diesen Zusammenhang in einer Studie hingewiesen. Bullard hat man bisher eher zu den Inflationistas gezählt.

Besonders vielsagend sind die tiefen Zinsen auch auf dem Hintergrund der hohen und steigenden Verschuldung der US-Regierung. Denn die Zinsen bemessen sich an der Rendite der Staatsobligationen – dem Satz also, den der Staat für seine Schulden bezahlen muss. In Presseberichten und öffentlichen Debatten dominiert die Angst, dass selbst reiche Staaten wie die USA ihre Schulden auf die Dauer nicht mehr bezahlen können. Die tiefen Zinsen weisen darauf hin, dass auf den Märkten ganz andere Sorgen dominieren. Sie zeigen an, dass die Investoren sich geradezu darum reissen, Staatsschulden zu finanzieren. Sie werden nach wie vor als sicherste Anlagen erachtet. Gesucht werden sie vor allem aus Angst vor Investitionen in die Realwirtschaft, wo die Konjunktursorgen überwiegen.

Die Anleihen-Bürgerwehr hat den Platz geräumt

Der Ökonom Stan Collender hat in Anspielung auf eine Debatte der 90er-Jahre die Investoren in Regierungsanleihen als «Deficit Cheerleaders» bezeichnet. Bill Clinton hat in den frühen 90er-Jahren die Staatsausgaben nicht erhöht, weil er sich angesichts der von seinem Vorgänger übernommenen Staatsverschuldung vor höheren Zinsen fürchtete, die auf den Märkten für Regierungsanleihen verlangt werden könnten. Für die Investoren auf den Anleihenmärkten wurde damals der Begriff der «Anleihen-Bürgerwehr» («Bond Vigilantes») gegen die Staatsverschuldung geprägt. Entsprechend müsste das heutige Verhalten der Märkte als klare Forderung für weitere Konjunkturmassnahmen gedeutet werden, meint Collender. Seiner Ansicht nach wird die US-Zentralbank den Ruf der Märkte erhören.

Sehr tiefe Zinsen bei einer historisch einmalig expansiven Geldpolitik zeigen auch andere reiche Länder – unter anderem die Schweiz. Eine Ausnahme sind einzig Länder wie Griechenland, Portugal oder Spanien. Das bedeutet, dass die Deflationsängste nicht auf die USA beschränkt bleiben und grösser sind als die Angst vor der Überschuldung von Staaten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.08.2010, 13:35 Uhr

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8 Kommentare

Lukas Schaffner

09.08.2010, 13:50 Uhr
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Dies ist bereits der dritte Artikel des Autors, der hohe Staatsverschuldungen quasi absegnet und auf dem tiefen Zinsniveau als einzigem Argument dafür herumreitet. Nur werden die Rahmenbedingungen von Artikel zu Artikel deutlich schlechter. Wann sieht der Autor endlich ein, dass an hohen Staatsschulden nichts positives ist? Das System basiert auf Vertrauen. Dieser Artikel soll es wohl hochhalten! Antworten


Marc Dimanch

09.08.2010, 13:51 Uhr
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Im Artikel ist nicht erwähnt, dass die Fed Staatsanleihen reihenweise aufkauft(schlechteRisikien) , um die Zinsen zu senken. Funzt so ein "echter" Markt? Ergo ein reales Indiz von Marktversagen. Andere würden von Manipulation sprechen... Wo sollten Banken sonst das viele neue Geld sicher?anlegen, als in Staatsanleihen? Baron Münchhausen zog sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf... Tricksereien? Antworten



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