«Die Eurozone hat grössere Probleme als Griechenland oder Portugal»

US-Ökonom Chris Probyn wacht über 2000 Milliarden Dollar Anlagevermögen. Und er spricht Dinge aus, an die Europas Staatschefs nicht einmal zu denken wagen.

«Bestenfalls ist Frankreich im Jahr 2025 oder 2030 wieder auf dem Wettbewerbsniveau von Deutschland angekommen»: US-Ökonom Chris Probyn.

«Bestenfalls ist Frankreich im Jahr 2025 oder 2030 wieder auf dem Wettbewerbsniveau von Deutschland angekommen»: US-Ökonom Chris Probyn. Bild: Simon Schmid

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Herr Probyn, die letzten zwei Jahre haben zahllose Gipfeltreffen in Brüssel, milliardenschwere Rettungspakete für die Peripheriestaaten und zuletzt einen Schuldenschnitt für Griechenland gebracht. Wo steht Europa eigentlich?
Der Schuldenschnitt, vor allem aber die langfristigen Bankenkredite der EZB haben das Finanzsystem deutlich entlastet. Dies stützt den Aufschwung, auch ausserhalb von Europa. Unter der Oberfläche brodelt die Krise allerdings weiter – ich halte die Lage für einiges gravierender, als die Öffentlichkeit es wahrhaben will.

Warum?
Viele Politiker und Ökonomen suggerieren, dass Europas Hauptproblem die hohen Staatsschulden sind – und dass dieses Problem entsprechend durch Sparmassnahmen gelöst werden kann. Diese Rhetorik ist gefährlich, denn die Eurozone hat weitaus grössere Probleme als Griechenland oder Portugal.

Und die wären?
Es geht um Kernländer wie Frankreich oder Italien. Seit die Währungsunion geschaffen wurde, hat sich die Industrieproduktion in Deutschland um 20 Prozent gesteigert. In Frankreich ist sie dagegen um fünf Prozent gesunken, in Italien sogar um zehn Prozent. Gleichzeitig ist das Preisniveau in diesen Ländern um etwa 20 Prozent stärker angewachsen als in Deutschland: Italien ist kaum mehr konkurrenzfähig, Deutschland ist dagegen hyperkompetitiv.

Gerade um diese Gegensätze zu beseitigen, wurden doch die Sparmassnahmen ergriffen.
Dem Ungleichgewicht ist mit Sparmassnahmen alleine nicht beizukommen. Soll das Preisniveau in einem Land wie Frankreich um 15 Prozent sinken, so müsste man die Staatsausgaben wirklich drastisch reduzieren – das Land würde in eine tiefe Depression stürzen. Einen Präsidenten, der dem Land so etwas zumutet, hätte man in einem früheren Zeitalter wohl guillotiniert.

Sind die europäischen Politiker blind gegenüber den wirtschaftlichen Realitäten?
Die Chefbeamten in Finanzministerien und Zentralbanken garantiert nicht. Auch den Finanzmärkten wird nicht entgehen, wenn Länder wie Italien weiterhin Defizite schreiben. Europa wird bald eine schwierige Entscheidung fällen müssen: Soll die Eurozone auseinanderbrechen – was ein totales Chaos bedeuten würde – oder soll eine steuerlich enger verzahnte Union geschaffen werden?

Europas Finanzminister haben doch bereits einen neuen Fiskalpakt besiegelt.
Der Pakt greift zu kurz. Frankreich oder Italien werden wohl nicht um Reformen à la Hartz 4 herumkommen: Sie werden den Arbeitsmarkt liberalisieren, das Rentenalter hochsetzen, den öffentlichen Sektor verkleinern und Privatisierungen durchführen müssen. Doch diese Reformen stellen nur Babyschritte in Bezug auf die Konkurrenzfähigkeit dar. Und sie wirken mit grosser Verzögerung.

Von welchem Zeithorizont sprechen wir?
Bestenfalls ist Frankreich im Jahr 2025 oder 2030 wieder auf dem Wettbewerbsniveau von Deutschland angekommen – wobei der aktuelle Trend eher auf ein weiteres Auseinanderdriften denn auf Konvergenz hindeutet. Um das strukturelle Gleichgewicht in Europa wiederherzustellen, braucht es Zeit – zu viel Zeit, unter den gegebenen Umständen.

Braucht es die «Vereinigten Staaten von Europa»?
Es bräuchte zumindest eine Union mit Fiskaltransfers sowie die Ausgabe von Eurobonds. In den USA landen Teile der Steuern, die ich in Boston bezahle, in Washington D.C. und wandern von dort aus nach New Orleans. Von Deutschland aus fliessen hingegen kaum Steuern nach Brüssel und später nach Italien. Es fehlt der finanzielle Ausgleich – in einer Währungsunion ist das ein grosses Manko.

Dauerhafte Finanztransfers in die Peripherie sind für viele Europäer eine Horrorvision.
Obwohl wir in der Analyse übereinstimmen, höre ich in der Diskussion mit europäischen Ökonomen sehr oft das Wort «unmöglich». Aber ist die Schaffung einer Fiskalunion wirklich unmöglich? Wenn es gelang, die Währungsunion aufzubauen, so muss es doch auch möglich sein, sie nachhaltiger zu gestalten. Für Politiker mögen solche Forderungen nicht opportun sein, ja – aber erzählt mir doch nicht, dass Reformen unmöglich sind.

Wie müsste die Politik vorgehen?
Es liefe auf ein Geben und Nehmen hinaus. Frankreich und Italien müssen zeigen – und zwar so bald wie möglich –, dass sie ernsthafte Schritte zur Verbesserung von Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit unternehmen. Als Gegenleistung müsste Deutschland in den nächsten Jahren die Schaffung einer Fiskalunion ins Auge fassen. Das wäre aus meiner Sicht der Optimalfall. Die Underperformance von Frankreich oder Italien wäre damit nicht aufgehoben – aber immerhin würde die Währungsunion dadurch zusammenhalten.

Können die Vereinigten Staaten auch etwas von Europa lernen?
Das US-Steuersystem ist im Vergleich zu europäischen Ländern sehr unausgewogen. Während die amerikanische Mittelklasse durch Steuern, Gesundheits- und Bildungskosten in etwa gleich belastet wird wie in Europa, kommen die Reichen in den USA sehr günstig davon. Gleichzeitig gibt es Schlupflöcher im Finanzsektor, welche die effektive Besteuerung der Einkommen von Leuten wie Mitt Romney auf ein Minimum von etwa 15 Prozent reduzieren.

Was muss Barack Obama tun, um wiedergewählt zu werden?
Im Februar beschloss der Kongress, die Unterstützung für Arbeitslose auszudehnen und auf die fällige Anhebung der Lohnsteuern für soziale Sicherheit zu verzichten. Für die Wirtschaft hat Obama damit alles getan, was vorerst drin liegt. Mit einem Wachstumsplus von 0,5 Prozent ist der Aufschwung allerdings noch fragil. In politischen Umfragen hat sich gezeigt, dass der Ölpreis entscheidend sein wird: Bleibt der Ölpreis in der Region von 90 bis 100 Dollar, so sind Obamas Chancen auf die Wiederwahl gross. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.03.2012, 11:14 Uhr)

Zur Person

Chris Probyn ist Chefökonom bei State Street Global Advisers, dem weltweit zweitgrössten Verwalter institutioneller Vermögen. Zuvor arbeitete er bei UBS in New York, Midland Bank International und Salomon Brothers. Probyn lebt in Boston, Massachusetts.

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