Wirtschaft

Die Fiesta ist vorüber

Von Jorge Sainz, AP. Aktualisiert am 23.03.2009

Spanien schlittert nach einem Bau-Boom in die Rezession: Bauarbeiter Antonio Montoya zum Beispiel konnte sich noch vor kurzem ein schickes Haus und zwei Autos leisten. Jetzt kommts für ihn knüppeldick.

Trauert den goldenen Zeiten nach: Bauarbeiter Antonio Montoya.

Trauert den goldenen Zeiten nach: Bauarbeiter Antonio Montoya.
Bild: Keystone

Er sitzt auf der sonnigen Terrasse seines Eigenheims, hat keine Arbeit mehr, und die Ratenzahlungen verschlingen knapp die Hälfte der staatlichen Hilfsgelder. «Stellen Sie sich vor: Hier bin ich, 54 Jahre alt, ohne Job. Ich weiss nicht, wie lange ich das durchhalten kann», sagt Montoya.

Die spanische Wirtschaft wurde in den vergangenen Jahren von einem Immobilien-Boom ohne Gleichen befeuert. Immer neue Apartmentblocks wurden gebaut, die von immer weniger solventen Spaniern auf Kredit gekauft wurden. Auch die Nachfrage aus dem Ausland heizte den Markt an. Aus dem knochentrockenen Boden von Montoyas Heimatprovinz Almería im Südosten Spaniens wuchsen Ferienhäuser, Golfplätze und Gewächshäuser scheinbar wie Unkraut. Doch das ist nun Vergangenheit. Die Blase ist geplatzt, und Spanien befindet sich auf dem Weg in eine tiefe Rezession, gepaart mit Rekordarbeitslosigkeit.

Die Angst vor grosser Arbeitslosigkeit

In Almería im Herzen Andalusiens liegt die Arbeitslosenrate bereits bei 25 Prozent, eine der höchsten in ganz Spanien, wo im landesweiten Durchschnitt 13,9 Prozent keinen Job haben. Die Regierung befürchtet für dieses Jahr einen Anstieg auf 16 Prozent, unabhängige Beobachter halten auch 19 Prozent für möglich - damit wäre Spanien einsame und traurige Spitze in ganz Europa. Montoya fuhr mit seinem Auto jeden Tag auf dem Weg zur Baustelle am Arbeitsamt vorbei. Die Schlange davor schien ihm lange ein Phänomen von einem anderen Planeten zu sein. Jetzt steht er jeden Monat selbst dort, kommt allerdings mit dem Bus, um Benzin zu sparen.

Der Bauarbeiter sucht händeringend nach einer neuen Stelle, doch der Markt ist zusammengebrochen. 750 Euro Arbeitslosengeld bekommt er inzwischen vom Staat. Selbst in Boomzeiten war sein Verdienst mit 1200 Euro nicht sehr hoch. Aber seine vier Söhne, die noch zu Hause wohnten und ebenfalls am Bau arbeiteten, erhöhten das Haushaltseinkommen deutlich. Sie sind inzwischen auch arbeitslos und drei von ihnen, im Alter zwischen 17 und 32 Jahren, wohnen noch im sicheren Hort der Eltern. Mit allen staatlichen Hilfen hat die ganze Familie im Monat 1150 Euro zur Verfügung, knapp die Hälfte geht aber sofort für den Hauskredit an die Bank.

Ein Boom auf schwachen Füssen

In der Provinzhauptstadt Almería scheint auf den ersten Blick trotzdem alles ganz normal zu sein: Mittags füllen sich die Bars, die Menschen trinken einen Aperitif oder ein Bier, die Restaurants sind voll. Doch beim zweiten Blick fallen an vielen Balkonen die «zu verkaufen»-Schilder auf. Einige Läden sind verrammelt, und am Stadtrand gibt es zahlreiche halbfertige Baustellen. «Die Stadt des Lichts» zeigt die Tristesse am deutlichsten: Die zwei Apartmenthochhäuser stehen wie Skelette in der Landschaft, aussenherum Kräne, es herrscht Totenstille.

Für die älteren Spanier sind wirtschaftlich harte Zeiten nichts Neues. Die Franco-Diktatur hatte das Land in tiefe Stagnation versetzt und von Wachstum und Moderne abgekoppelt. Nach einem Jahrzehnt harter Arbeit wurde das Königreich 1986 Mitglied der Europäischen Union, das Wachstum setzte ein, seither ging es fast nur bergauf. Doch in Almería, wie in weiten Teilen Spaniens, fusste der Boom der letzten Jahre vor allem auf dem Bau und geringqualifizierter Arbeit. Doch diese Jobs schwinden als erste. «Wir haben hier zehn erfolgreiche Boom-Jahre gehabt, aber es zeigt sich, dass wir nicht so eine grosse Mittelklasse haben wie wir dachten», erklärt Gewerkschaftsvertreter Antonio Rosal. Fast täglich gebe es neue Massenentlassungen.

Hunderttausende ungelernte Bauarbeiter

Viele Volkswirtschafter sagen, dass das spanische Wachstum einer soliden Grundlage und Ausgewogenheit entbehrte - 20 Prozent der Wirtschaftsleistung entfielen auf den Bausektor und damit verbundene Industriezweige. «Das Baugewerbe war wie ein Zug, der beim Crash dann alles mitgerissen hat», sagt Volkswirt Sandalio Gomez von der IESE Business School in Barcelona. Eines der grössten Probleme sei es nun, was aus Hunderttausenden ungelernten Bauarbeitern werden soll, Spanier wie Einwanderer. «Diese Leute sind ohne Mittel. Sozialpolitisch verursacht das enormen Druck», sagt Gomez.

Rund 800'000 Familien sind derzeit nach offiziellen Angaben in der gleichen Lage wie die des Bauarbeiters Montoya - alle Mitglieder sind arbeitslos. Die Regierung hat ein Konjunkturprogramm für Infrastrukturvorhaben in Höhe von elf Milliarden Euro angekündigt, Experten bezweifeln jedoch, ob dies ausreichen wird, um die Krise abzufedern.

Ein spezielles Programm soll zudem arbeitslosen Hausbesitzern ermöglichen, ihre Ratenzahlungen zu halbieren und die Rückstände erst in zwei Jahren wieder zu begleichen. Montoya lehnt das jedoch ab. Er wolle die Schulden nicht seinen Kindern aufbürden. Zudem hat ihn die Bank gewarnt, wenn er nur ein Mal in Zahlungsverzug gerate, würde ein Verfahren zur Zwangsversteigerung eröffnet. «Es ist eine schwierige Lage, aber wir kämpfen weiter. Wir suchen jeden Tag Arbeit», sagt Montoya. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.03.2009, 13:27 Uhr

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