«Die Hälfte der Jobs verschwindet»

Christoph Keese lebte als Verleger und Autor ein halbes Jahr im Silicon Valley. In seinem Buch beschreibt er, wie die kalifornischen Hippies doch noch gelernt haben, das Establishment zu zerstören.

Nicht mehr possierlich: Im Silicon Valley wird an einer neuen Kultur mit eigenen Gesetzen gearbeitet. Foto: Alamy

Nicht mehr possierlich: Im Silicon Valley wird an einer neuen Kultur mit eigenen Gesetzen gearbeitet. Foto: Alamy

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Sie waren 1980 als Austauschstudent im Silicon Valley. Sie überlegten sich zu bleiben und gingen doch zurück nach Deutschland. Ein Fehler?
Ja, heute würde ich mich zum Bleiben entscheiden, selbst zu den Bedingungen von 1980. Andere sind geblieben.

Wie gross ist im Valley heute die deutschsprachige Diaspora?
Ich traf Hunderte von Deutschen, Schweizern und Österreichern, die dort arbeiten oder in Stanford studieren. Aus keiner anderen europäischen Region wandern so viele kluge Köpfe dahin aus.

Warum?
Weil sich in Deutschland, und ähnlich wohl in der Schweiz, viele junge Unternehmer vergeblich um Risikokapital bemühen – und weil sie darum ihre Träume und ihre Zukunft davonschwimmen sehen. In Kalifornien bekommen sie dieses Geld. My Taxi, eine in Hamburg gegründete, technisch hervorragende Mobilitätsplattform, sammelte in Deutschland nur 40 Millionen Euro an Wagniskapital ein. Die amerikanische Konkurrenz von Uber startete eineinhalb Jahre später, nahm aber 1,7 Milliarden Dollar auf. Und erhielt so die Möglichkeit, eine Plattform zu lancieren, die sich weltweit wohl durchsetzen wird. Kapitalmangel ist ein grosser Standortnachteil.

Sind unsere Investoren ängstlich?
Nein, ich sehe keine grossen mentalen Unterschiede. Zugegeben, unsere Geldgeber sind es noch nicht so gewohnt, ins Internet zu investieren. Aber ihre Zurückhaltung liegt vor allem an den rechtlichen Rahmenbedingungen. So ist zum Beispiel unser System nicht darauf angelegt, das Geld der Rentenversicherungen in Investitionen umzuleiten. Im Silicon Valley begann der Boom, nachdem US-Bundesgesetze es erlaubten, einen bestimmten Prozentsatz der angesparten Renten in sogenannte alternative Investitionen zu stecken.

Sie beschreiben das Valley als faszinierende Mischung aus Hippiekultur und Hochgeschwindigkeitskapitalismus. Ist es auch dieser Mix, der die Unternehmer anlockt?
Tatsächlich ist es für viele Studienabgänger ein Gewissensentscheid, ob sie sich der Wallstreet und der Konstruktion abstrakter Finanzderivate zuwenden. Oder dem Silicon Valley, wo, wie sie glauben, echte Probleme gelöst werden.

Das Silicon Valley ist eine riesige Ökonomie. Trotzdem sind die Ideale der Sechzigerjahre lebendig?
Hier werden die Sechzigerjahre fortgesetzt, aber mit anderen Mitteln. Das Silicon Valley führt einen Angriff auf das Establishment, es geht um mehr Freiheit und Partizipation. Aber es hat gelernt, dass man den Grosskapitalismus nicht mit Popkonzerten in die Knie zwingt. So spricht der kalifornische Widerspruchsgeist jetzt die Sprache des Kapitalismus; und er hat in der Technologie einen Weg gefunden, Banken oder andere Teile des Establishments zu zerstören.

Das Ziel ist Zerstörung?
Ja, in Kalifornien nennt man es Disruption. In Stanford lernt man im ersten Semester, was der Begriff besagt. Es geht dabei nicht um eine Zerstörung, die der Ökonom Joseph Schumpeter «schöpferisch» nannte und die bewirkt, dass Marktstrukturen durch Innovationen eher noch gefestigt werden. Disruption zerstört und ersetzt Strukturen. Ein Beispiel: Der Wechsel von der LP zur CD war eine erhaltende Innovation. Der Wechsel von der CD zu Spotify ist eine Disruption. Es ist eine Spezialität des Silicon Valley, disruptive Strategien zu entwickeln. Und es gibt keine Branche, die nicht angegriffen wird.

Wie disruptiert man Banken?
Oh, das ist vergleichsweise einfach und in vollem Gange. Disruptive Angriffe kommen immer von dort, wo es die bisherigen Marktführer nicht erwarten: aus einer vermeintlich unbedeutenden Nische, zu einem radikal niedrigen Preis und mit überragend gutem Produkt­erlebnis. Banken werden beim Zahlungsverkehr angegriffen. Die Zahlungssysteme traditioneller Banken sind umständlich, technisch rückständig und überteuert. Die Führung der Banken nimmt das Problem nicht ernst, weil der Zahlungsverkehr als minderwertiges Betätigungsfeld gilt.

Wie greift das Silicon Valley an?
Mit Google Wallet, mit Paypal, mit Apple Pay. Das Bezahlen funktioniert damit dramatisch einfacher, besser und billiger als über Banken. Und sobald das Silicon Valley den Zahlungsverkehr kontrolliert, wird es seine Kunden fragen: Brauchst du eine Hypothek, Geld für ein neues Auto, einen Überbrückungskredit für deine Firma? Ja? Unterschreibe mit deinem Fingerabdruck, und schon läuft eine Onlineauktion, die das beste Angebot findet. Von unten sickert das Silicon Valley in nahezu alle Sparten des Bankgeschäfts ein. Seriösen Schätzungen zufolge wird die Hälfte aller Jobs in Banken verschwinden. Strittig ist nur noch, ob das zehn oder fünfzehn Jahre dauert.

Was können die Banken tun?
Selbst angreifen. Wer sich nicht selbst kannibalisiert, wird kannibalisiert.

Dass die Digitalwirtschaft viele Arbeitsplätze vernichtet, wird sogar im Silicon Valley kritisiert. Etwa von Peter Thiel, einem der grossen Investoren des Tals.
Dagegen spricht alle historische Erfahrung. Wann immer repetitive Tätigkeiten durch neue Technologien überflüssig wurden, suchten sich die Menschen neue Betätigungen, und der Wohlstand nahm zu. Die Beschäftigungsquote der Landwirtschaft sank von fast 100 auf 4 Prozent, und der Wohlstand stieg zeitgleich dramatisch an. Die Leute wurden Ingenieure, Friseure, Filmemacher.

Das ist die lange Sicht. Der Internetpionier Jaron Lanier warnt, dass die Arbeitsbedingungen in der Netzwirtschaft denen in Slums gleichen.
Es stimmt, dass Instagram mit seinen 17 Mitarbeitern einen grossen Teil der Aufgaben wahrnimmt, die früher Kodak mit 150'000 Leuten oblagen. Die meisten dieser arbeitslos gewordenen Menschen haben heute hoffentlich andere Berufe und Kaufkraft. Das Problem liegt anderswo: Sie liefern zwar die Inhalte von Instagram, aber nicht als Produzenten, sondern als Konsumenten. Sie fallen aus der Wertschöpfungskette der wichtigsten Industrie unserer Zeit.

Jaron Lanier sagt, dass wir lernen sollten, mit unseren Daten zu handeln. Ist das der Weg, wie wir wieder zu Produzenten werden?
Da hat er Recht. Ein geflügeltes Wort besagt, dass wir die Dienste etwa von Google mit unseren Daten bezahlen. Darin steckt die implizite Annahme, dass diese Daten etwa gleich viel wert sind wie die Suchergebnisse. Sie sind viel mehr wert. Datenrohstoff sollte vergütet werden.

Wie Sie beschreiben, stösst man im Valley mit solchen Forderungen nicht nur auf Ablehnung, sondern auf basses Unverständnis.
Das Valley sieht sich als Ort der Weltverbesserung. Man trifft dort viele Menschen, die glauben, jedes Problem lasse sich durch Algorithmen lösen. Sie denken sogar, dass sich menschliche Regungen wie Liebe, Schmerz, Glück oder Glaube in Algorithmen erfassen lassen. Wer anders denkt, sagen sie, habe die revolutionäre Kraft der digitalen Möglichkeiten nicht begriffen. Hier bricht ein ­titanischer Grundkonflikt zum Denken europäischer Prägung auf. Abzulesen etwa in den Diskussionen um Datenschutz und Urheberrechte.

Woher kommt dieses Selbstbewusstsein, die Welt zu verbessern?
Es wurzelt im Machbarkeitsdenken kalifornischer Ingenieure. Vergessen wir nicht die Geografie: Kalifornien liegt am Rand des Westens, es ist der Ort, an dem sich Amerika vollendet hat. Die nächste Zivilisation – New York und Washington – ist 5000 Kilometer entfernt, es fehlt der reflektierende Einfluss der Ostküste und Europas. Im Valley sind die Nerds allein zu Hause und träumen von einer besseren Welt, in der Maschinen die neuen Götter sind. Nicht unsympathisch, aber auch nicht ungefährlich.

Die neue Frontier liegt in der Cloud.
Genau. John F. Kennedy hat die New Frontier, nachdem eine territoriale Expansion der USA nicht mehr möglich war, als sozialpolitisches Projekt definiert. Für die Unternehmer des Silicon Valleys liegt sie nun im Internet. Sie wollen in der Cloud eine neue Welt erschaffen, einen exterritorialen Staat. Der soll nicht nur durch Technik definiert sein, sondern durch eine eigene Kultur – und eigene Gesetze. Das war so lange possierlich, wie das Internet klein war. Doch die Digitalwirtschaft ist schon heute die grösste Branche der Welt, und man kann mit einigem Recht behaupten, dass sie bald die einzige sein wird. Denn es gibt keine Branche, die nicht wenigstens zum Teil in die digitale Welt konvertieren wird. Welche Regeln in dieser Ökonomie gelten, kann der Gesellschaft nicht gleichgültig sein.

Den antistaatlichen Reflex teilt das Silicon Valley mit der Tea Party.
Ja, wobei es sehr viel einflussreicher ist. Trotzdem kann man das Silicon Valley mit nichts so erschrecken wie mit der Tea Party. Das liegt auch daran, dass ihr Name auf Boston anspielt. Die Stadt war bis zum Aufstieg des Silicon Valleys das Technologiezentrum der USA. Das Valley versteht sich als Gegenpol zur Ostküste. Auch zur Wallstreet, die man als sinnentleert und gefährlich empfindet.

Als gefährlich empfinden manche die monopolähnliche Stellung der Internetkonzerne. Wie stabil sind sie? Wann wird Google disruptiert?
Gerade jetzt vielleicht. Facebook tut es, indem sein Algorithmus den Teilnehmern auch Inhalte liefert, nach denen sie nie gesucht haben.

Das ist das Geschäftsmodell von Zeitungen.
In unserem Verlag nehmen wir das jedenfalls sehr ernst.

Das heisst, dass das Valley doch kein gemeinsames kalifornisches Projekt zur Verbesserung der Welt ist.
Es wird dort hart um Vorherrschaft gerungen, es gibt keine kalifornische Weltverschwörung. Besonders ist aber: Der Netzwerkeffekt bewirkt, dass sich diese Unternehmen, wenn sie Marktführer geworden sind, zu Monopolen entwickeln. Die mögen fragil sein und einander ablösen, aber sie bleiben Monopole. Das ist das Neue an der Digitalwirtschaft. Und eine Wirtschaftsform, die automatisch auf Monopole zuläuft, bedarf der aktiven Gestaltung durch die Gesellschaft. Sonst richtet sie Schaden an. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.12.2014, 10:53 Uhr)

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Christoph Keese

Manager und Buchautor

Der 50-jährige Journalist und Ökonom war Chef­redaktor der «Welt am Sonntag» und der deutschen Ausgabe der «Financial Times», bevor er zum Vizepräsidenten seines Verlags aufstieg, der Axel Springer AG. 2013 lebte Keese ein halbes Jahr im Silicon Valley bei San Francisco und recherchierte dort für sein neues Buch, eine Einführung in das Denken und die Strategien des «Silicon Valley» (Knaus, ca. 30 Fr.). Dass er nicht unparteiisch ist, räumt Keese im Vorwort ein: Axel Springer führt politische und juristische Auseinandersetzungen mit Google. (cf)

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