Wirtschaft

«Die Krise ist eine Chance, eine Attacke gegen den Euro zu fahren»

Von Luciano Ferrari, Robert Mayer. Aktualisiert am 25.06.2011 60 Kommentare

Die europäische Einheitswährung werde trotz Griechenland- und Verschuldungskrise überleben, sagt Nationalökonom Bernd Schips. Scharfe Kritik übt Schips an den UBS-Verantwortlichen.

Ringen um die richtigen Worte in der Krise: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Nicolas Sarkozy.

Ringen um die richtigen Worte in der Krise: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Nicolas Sarkozy.

Bernd Schips: Der Ökonom leitete von 1993 bis 2005 die Konjunkturforschungs- stelle der ETH Zürich (KOF). Heute ist er Forschungsdozent an der Fachhochschule St. Gallen (FHS).

Stellungnahme UBS

Die UBS Ökonomen haben bereits im März 2010 auf die Gefahren der Verschuldungskrise im Euroraum hingewiesen und entsprechend unseren Kunden empfohlen, griechische Staatsanleihen zu verkaufen. Zudem haben unsere Ökonomen im Jahr 2010 vor einem stärkeren Franken, schwächeren Euro gewarnt. Der Euro war und ist wie die anderen grossen Währungen (USD, GBP) unter Druck. Die Bewältigung der Wirtschafts- und Schuldenkrise ist ein schwieriger und langwieriger Prozess, der den Währungen zusetzt.

Nachdem der Euro zum Schweizer Franken unter 1.30 gefallen war haben unsere Ökonomen im 2011 immer wieder darauf hingewiesen, dass sie diese Überbewertung des Frankens als übertrieben erachten und diese längerfristig nicht haltbar ist. Es sei deshalb mit einer Gegenbewegung - sprich einer Aufwertung des Euros - zu rechnen. Es wurden keine Empfehlungen abgegeben, weiter auf einen starken Franken zu setzen.

Euro (EUR/CHF)

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Korrektur-Hinweis

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Bisher agieren die Spitzenpolitiker der EU in der Griechenland-Krise nach dem Prinzip Hoffnung: Sie stellen den Griechen neue Kredite in Aussicht, obwohl das Land pleite ist. Wie lange lässt sich dieser Kurs noch beibehalten?
Mit den Hilfsmassnahmen wurde vor gut einem Jahr begonnen, als auf den Märkten Zweifel aufkamen, ob Griechenland seinem Schuldendienst nachkommen würde. Die Alternative wäre gewesen, dass Griechenland eine Umschuldung oder einen Schuldenschnitt vollzogen hätte. Doch damals hatte man Angst, das europäische Finanzsystem würde einem solchen Schock nicht standhalten. Mit der Hilfe an Griechenland versuchte man, eine neue Krise im europäischen Finanzsektor abzuwenden.

Was wäre passiert, wenn man Griechenland im Frühjahr 2010 fallen gelassen hätte?
Vorausgesetzt, das Finanzsystem hätte die Ausfälle tragen können, wäre nichts passiert. Fälschlicherweise vermengen wir immer wieder die Staatsschulden eines Eurolandes und den daraus möglichen Zahlungsausfall mit dem Wert des Euro. Das hat überhaupt nichts miteinander zu tun. Über den Aussenwert des Euro entscheidet allein die Europäische Zentralbank mit ihrer Geldpolitik.

Wäre es also klüger gewesen, Griechenland schon vor einemJahr umzuschulden?
Ja. Es wäre besser gewesen, man hätte den betroffenen Finanzinstituten in Europa unter die Arme gegriffen und dies zuvor der Öffentlichkeit gegenüber klar kommuniziert . . .

. . . aber die Griechen wären auch dann auf ausländische Finanzhilfe angewiesen gewesen.
Selbstverständlich, denn wenn ein Staat insolvent ist, hat er über Jahre keinen Zugang mehr zum Kapitalmarkt. Auch für die Restrukturierung seiner Wirtschaft hätte Griechenland Hilfe gebraucht. Aber die wäre dann über die normalen Kanäle der EU gelaufen wie den Struktur- oder Kohäsionsfonds.

Sollen denn die EU-Staats- und -Regierungschefs an ihrem heutigen Gipfel in Brüssel doch noch einen schnellen Schuldenschnitt fürGriechenland beschliessen?
Die EU-Politiker haben es von Anfang an versäumt, den Märkten klarzumachen, dass sie Griechenland nur helfen wollen, um eigentlich das europäische Finanzsystem zu retten. Diese Unterlassung und die unsägliche Kakofonie der Akteure in Brüssel, Frankfurt, Berlin, Athen und andernorts haben die Märkte enorm verunsichert. Von einem Schuldenschnitt zum jetzigen Zeitpunkt halte ich daher nichts. Die Politiker sollen vielmehr noch einmal klar machen, dass den Griechen nur geholfen wird, wenn sie selber einen Beitrag leisten. Weigern sie sich, dann sind sie pleite.

Wie soll Griechenland seine immensen Schulden von annähernd 350 Milliarden Euro je zurückzahlen?
In der kürzeren Frist von ein bis zwei Jahren wird das Land einen Teil seiner Schulden aus Privatisierungserlösen begleichen können. Entscheidend wird jedoch sein, inwieweit es gelingt, die griechische Wirtschaft zu restrukturieren, also Markteintrittsbarrieren wegzuräumen und Subventionen abzubauen. Diese strukturellen Reformen brauchen viel Zeit. Sollte sich die Dauer für die notwendigen Anpassungsprozesse als zu lang erweisen, wird eine Umschuldung irgendwann unausweichlich sein. Immerhin besteht dann die Aussicht, dass sie zu einem Zeitpunkt erfolgt, da das europäische Bankensystem wieder rekapitalisiert ist und die Wertberichtigungen verkraften kann.

Wann könnte dieser Zeitpunkt gekommen sein?
Ich gehe davon aus, dass die Griechen es dieses Mal mit den Privatisierungen ernst meinen, die nächste Kredittranche ausbezahlt bekommen und auch das zweite Hilfspaket. Wenn man dann sieht, dass die strukturellen Massnahmen in den nächsten drei, vier Jahren nicht greifen, wird eine geordnete Umschuldung kaum mehr abzuwenden sein.

Nun sind Sie der Meinung, dass die Spekulation gegen den Euro zu einem guten Teil auch inszeniert ist und im Hintergrund ganz andere Interessen gegen den Euro wirken.
Ja, ganz klar. Die USA waren nicht gerade erbaut darüber, dass der Euro auf dem besten Weg war, zur zweiten «global currency», also «Weltwährung», zu werden. Der Euro hatte begonnen, den US-Dollar weltweit als Reserve und Transaktionswährung zu ersetzen. Damit aber wäre die Finanzierung der amerikanischen Leistungsbilanzdefizite zunehmend gefährdet gewesen. Denn man darf nicht vergessen: Die amerikanische Verschuldung ist mindestens so dramatisch wie die griechische. Die Amerikaner leben davon, dass die US-Staatsanleihen ein hohes Rating haben und der Rest der Welt bereit ist, durch den Kauf von amerikanischen Staatsobligationen das Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren.

Sie wittern eine amerikanische Verschwörung gegen den Euro?
Nein. Es ist aber sicher so, dass man in der Griechenland-Krise eine Chance gesehen hat, eine Attacke gegen den Euro zu fahren. Das ist immer wieder einmal versucht worden mithilfe der grossen US-Ratingagenturen. Fitch, Moody’s und Standard & Poor’s haben einen Marktanteil von 95 Prozent. Wenn eine dieser drei irgendetwas in die Welt setzt, reagieren die Märkte sofort nervös. Es ist doch auffallend, dass die hoch verschuldeten Länder Europas in einen Topf geworfen werden und man ihnen eine Absenkung des Ratings androht, während man es im Fall der USA bei verbalen Ankündigungen belassen hat und auch bei Grossbritannien bisher noch nichts geschehen ist.

Die Ratingagenturen handeln im Sinne der USA?
Im Sinne der Vereinigten Staaten oder jedenfalls von Anleihegebern in US-Dollar. Das Problem der Ratingagenturen ist seit Jahren bekannt: Sie handeln längst nicht mehr im Interesse der Gläubiger, sondern lassen sich von den Kreditnehmern bezahlen. Deshalb geht es für sie im Moment vor allem darum, Papiere in US-Dollar attraktiver und sicherer erscheinen zu lassen, als sie es eigentlich sind. Und entsprechend macht man Anleihen madig, die auf Euro lauten.

Inwieweit spielt die Spekulation anderer Akteure wie Banken und Hedgefonds gegen den Euro eine Rolle?
Im Moment ist es an dieser Front wieder etwas ruhiger. Man muss aber klar sehen: Der Devisenhandel wird im Wesentlichen durch den Eigenhandel der Finanzinstitute bestimmt. Er ist nur zu einem kleinen Teil von 5 bis 6 Prozent auf den Austausch von Waren und Dienstleistungen zurückzuführen. Das heisst aber, dass die Devisenabteilungen der Banken, wenn sie eine sogenannten Story haben, Kursbewegungen auslösen können, an denen sie dann ganz schön verdienen. Im vorliegenden Fall war die Story eben, dass «der Euro schwächelt» wegen der europäische Staatsschuldenkrise. Wobei diese Story am Anfang nur Griechenland betraf, das ja für die Wertschöpfung im Euroraum völlig marginal ist. Aber die Märkte sind der Story gegen den Euro gefolgt, und es wurden genug Marktteilnehmer gefunden, die auf diesen Zug aufsprangen. Auch, weil niemand darauf hingewiesen hat, dass die Verschuldung von US-Gliedstaaten mindestens so dramatisch und auch die Gesamtsituation der USA nicht besonders gut ist. Das aber wurde gar nicht erwähnt in dieser Story.

In den Devisenmärkten stecken also 95 Prozent Psychologie und nur 5 Prozent Realwirtschaft?
Ja, kurzfristig. Längerfristig setzten sich die Realitäten durch. Das sieht man daran, dass sich der Eurokurs gegenüber dem Dollar wieder erholt hat.

Sie kritisieren also die Banken und den Devisenhandel.
Kritisieren ist der falsche Ausdruck. Ich habe nur beschrieben, welche Rolle die Banken und die Devisenabteilungen für die Entwicklung der Währungskurse spielen. Ein Devisenhändler hat zunächst einmal die Aufgabe, Geld zu verdienen, in dem er auf die Auf- oder Abwertung gewisser Devisen setzt. Die Frage ist nur, wie sich die Banken verhalten sollen, wenn am Markt Unsicherheit entsteht über die Entwicklung des Euro und Anleger zum Beispiel in den Schweizer Franken flüchten. Dann ist es nicht besonders hilfreich, wenn Schweizer Banken den Anlegern abraten, im Euro investiert zu bleiben, und die Verschuldungsstory weiter aufbauschen.

Sie hätten von den Schweizer Banken erwartet, dass sie sich zurückhalten, um eine zu starke Aufwertung des Frankens zu verhindern.
Sie hätten zumindest darauf aufmerksam machen können, dass der Schweizer Kapitalmarkt relativ begrenzt ist, das heisst, grosse Währungsrisiken birgt. Sie hätten auch darauf hinweisen können, dass längerfristig der traditionelle Zinsbonus sowie die Kaufkraftparität eher wieder für einen stärkeren Euro spricht. Das wäre doch die Aufgabe der Nationalbank und auch der Geschäftsbanken gewesen. Letztere haben das Gegenteil getan und den Anlegern empfohlen: Raus aus dem Euro, rein in den Franken.

Aus kurzfristiger Gewinnerwartung und auf Kosten der Realwirtschaft?
Genau. Sie bestreiten das zwar. Aber gerade die UBS rühmt sich ja, weltweit die zweitgrösste Devisenhändlerin zu sein. Da kann sie sich nicht so einfach aus der Verantwortung stehlen.

Sie hätten von den Herren Kaspar Villiger und Oswald Grübel mehr Verantwortungsgefühl erwartet?
Hätte ich durchaus erwartet, ja.

Wie lange hält denn die Schweizer Wirtschaft diesem Druck des starken Frankens stand?
Es gibt Branchen, wie etwa der Tourismus, die haben wirklich Probleme mit dem starken Franken. Im Industrie- und Gewerbebereich sieht es hingegen anders aus. Hier hat die Schweiz über Jahre in Bezug auf die Produzentenpreise grosse Vorteile gehabt. Die Nationalbank publiziert einen realen Wechselkurs auf der Basis von Konsumentenpreisen. Auf Basis der Produzentenpreise, wenn man also die Produktivitätsfortschritte und die tieferen Importpreise für Vorprodukte berücksichtigt, ist die Aufwertung aber gar nicht so gross, wie sie jetzt auf den ersten Blick erscheint. Deswegen sind auch die Schweizer Unternehmen im Export immer noch so erfolgreich.

Würden Sie deshalb auch keine Stützungsmassnahmen empfehlen?
Nein, dafür gibt es einfach keine wirklich sauberen Möglichkeiten: Sie können einzelne Sektoren subventionieren – den Tourismus zum Beispiel. Würde aber hier zum Beispiel ein Verzicht auf die Mehrwertsteuer – im Moment liegt sie bei 4 Prozent – tatsächlich an die Kunden weitergegeben? Glauben Sie das wirklich? Als man damals den Mehrwertsteuersatz für den Tourismus auf die Hälfte senkte, ist das auch nicht bei den Kunden angekommen.

Sie befürchten Mitnahmeeffekte?
Genau, gleichzeitig wird das Grundproblem des Tourismus nicht angegangen. Das liegt im hohen Konsumentenpreisniveau in der Schweiz.

Wie geht es weiter? Ist ein Ende der Frankenaufwertung absehbar?
Persönlich hatte ich schon früher mit einer Erholung des Euro gegenüber dem Franken gerechnet. Dann kamen aber immer wieder widersprüchliche Signale von den europäischen Spitzenpolitikern, die wieder für neue Unsicherheit gesorgt haben.

Sie haben damit gerechnet, dass sich die Panik rascher legt?

Dass es in Phasen von Unsicherheit an den Finanzmärkten tendenziell zu einer Erstarkung des Franken kommt, ist an sich eine alte Geschichte. Dass sie jetzt gegenüber Euro und Dollar so stark ausgefallen ist, das ist neu. Es erklärt sich nur durch die lange Dauer dieser Unsicherheit und des Vertrauensverlusts, der von Einzelnen wissentlich geschürt und von manchen unwissentlich genährt wurde.

Ist das die Achillesferse des Euro, dass Europa nicht mit einer Stimme für die eigene Währung spricht wie die USA für den Dollar?

Das ist entscheidend. Das ist das zentrale Problem. Denn eine neue Studie der Europäischen Zentralbank zeigt gerade, dass die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Bundesstaaten in den USA mindestens so gross sind wie jene zwischen den Mitgliedsstaaten im Euroraum. Das Argument, der Euro könne nicht funktionieren, weil der Währungsraum nicht optimal ist, sticht nicht.

Wie wird die Krise ausgehen? Gibt es den Euro noch in zehn Jahren?
Ja, sicher, davon können Sie ausgehen. Der Euro bleibt.

Sehen Sie als Folge der Krise eine verstärkte Integration in der EU?
Ja, das wird unausweichlich sein. Deshalb wurde bereits der Stabilitätspakt verschärft. Und auf längere Frist wird es nichts anderes geben, als dass man entweder die Fiskalpolitik stärker zentralisiert oder wesentlich strengere Regeln einführt für Hilfsmassnahmen im Verschuldungsfall. Auch das ist aufgegleist: Der europäische Stabilitätsmechanismus (EMS) ab 2013 sieht wesentlich schärfere Sanktionen vor – wenn auch noch nicht automatische, aber die werden mit der Zeit auch noch kommen.

Mit Bernd Schips sprachen Luciano Ferrari und Robert Mayer

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2011, 00:15 Uhr

60

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60 Kommentare

Markus Baumgartner

24.06.2011, 11:16 Uhr
Melden 35 Empfehlung

Ja den Euro gibt es in 10 Jahren noch !!! (aber nur als Sammelobjekt ) Antworten


Fred David

24.06.2011, 11:23 Uhr
Melden 21 Empfehlung

Na, endlich stellt da mal wieder jemand das Thema Griechenland / Euro vom Kopf auf die Füsse und räumt mit diesem Hyperventilieren auf. GR hat 11 Mio Einwohner, die EU 501 Mio. Die EU ist doch kein Schrotthaufen. Aber warum müssen es immer Pensionäre sein, die sich ein offenes Wort getrauen? Wir haben doch eine Regierung, oder? Die hält lieber denn Mund, wenn's ein wenig heiss wird. Antworten



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