Wirtschaft
«Die Kritik an der SNB ist gerechtfertigt»
Von Niklaus Bernhard. Aktualisiert am 28.04.2011 5 Kommentare
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Krtitisiert die SNB seit langem: Thomas von Ungern-Sternberg, Wirtschaftsprofessor an der Universität Lausanne.
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Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat 2010 auf ihren Devisenbeständen einen Verlust von 26 Milliarden Franken eingefahren. War es ein Fehler, dass die SNB
(SNBN
1089
2.06%)
versuchte, den Euro zu stützen?
Thomas von Ungern-Sternberg: Ja, das war ein grober Fehler. Die Schweiz alleine kann die Devisenmärkte so oder so nicht beeinflussen. Dafür sind die Volumina der SNB viel zu klein. Die SNB sollte endlich begreifen, dass die Schweiz nicht stärker sein kann als der Markt.
Die SNB argumentiert, dass mit den massiven Eurokäufen eine weitere Abwertung des Euros verhindert werden konnte und damit einer Deflation entgegengewirkt wurde.
An eine drohende Deflation haben wohl nicht einmal die SNB-Ökonomen geglaubt. Herr Hildebrand wollte den Herkules auf dem Devisenmarkt spielen. Aber wie gesagt, dieses Unterfangen ging gründlich daneben.
Die SNB beteuert, dass es sich bei den Devisenverlusten nur um Buchverluste handle und nicht um reale. Warum also die Nervosität?
Nehmen wir einmal an, dass Sie einen grossen Teil ihres Vermögens in UBS-Aktien angelegt haben. Eines Tages kommen Sie nach Hause und erklären Ihrer Frau, dass Ihre UBS-Aktien von 80 auf 20 Franken gefallen sind. Ihre Frau wird Sie wohl kaum in den Arm nehmen und sagen: «Das ist alles nicht so schlimm Schatz, es sind ja nur Buchverluste.» Die Verluste der Nationalbank sind genau so «real» wie die Verluste jeder Privatperson, die Euro oder Aktien hält. Sie sind nur wesentlich grösser.
Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass sich der Euro in Zukunft wieder erholen wird.
Durch die massiven Devisenmarktinterventionen ist das Verlustrisiko natürlich noch einmal stark gestiegen. Die Zukunft ist düster. Der Euro leidet darunter, dass gewisse Länder eventuell ihre Schulden nicht zurückzahlen können, und der Dollar steht unter der Inflationsgefahr.
Von wo nimmt die SNB die Milliarden, mit denen Euros oder Dollars gekauft werden. Kommt das Geld von der Geldpresse?
Würde die Nationalbank ihre Devisenkäufe durch eine Erhöhung der Geldmenge finanzieren, so würde die Schweiz in absehbarer Zeit eine Hyperinflation erleben. Die SNB finanziert ihre Devisenmarktinterventionen, indem sie eigene Schuldverschreibungen herausgibt und damit Schuldverschreibungen der EU-Länder kauft.
Sind die Devisenreserven der SNB gut angelegt?
Leider nein. Die SNB hat sich immer stur geweigert ihre Devisenreserven gegen Wechselkursschwankungen abzusichern. Keine andere Notenbank hat im Verhältnis zur Einwohnerzahl so hohe Devisenreserven wie die SNB. Es ist unverantwortlich, unser Land so hohen Wechselkursrisiken auszusetzen. Längerfristig gesehen wäre die SNB wesentlich besser gefahren, wenn sie ihr Devisenportfolio systematisch abgesichert hätte. Aber wahrscheinlich musste die SNB erst einmal Verluste in zweistelliger Milliardenhöhe einfahren, bevor unsere Politiker dies begreifen.
Demnach teilen Sie vollumfänglich die Kritik der SVP an Hildebrands Vorgehen?
Ja, die Kritik finde ich angebracht. Mich stört aber, dass die Kritik der SVP sich primär gegen die Person von SNB-Präsident Philipp Hildebrand richtet. Natürlich hat Herr Hildebrand sich massiv überschätzt als er meinte, er könne eigenhändig die Devisenmärkte beeinflussen. Über dieses persönliche Problem hinaus gibt es jedoch ein grundlegendes Strukturproblem, das es zu lösen gilt.
Welches Strukturproblem?
Wie ist es möglich, dass ein Individuum ohne jede demokratische Kontrolle eigenmächtig Entscheidungen fällen kann, die unserem Land so horrende Verluste zufügen?
Diese Entscheidungsfreiheit ist eine direkte Konsequenz der Unabhängigkeit der Nationalbank. Wollen Sie diese infrage stellen?
Keinesfalls. Die ökonomische Rechtfertigung für diese Unabhängigkeit ist aber recht einfach zu erklären. Man möchte verhindern, dass Politiker mit ihren kurzfristigen Überlegungen die Nationalbank beeinflussen und zu einer Geldpolitik führen, die nicht im längerfristigen Interesse des Landes –also der Preisstabilität – ist. Aus dieser Überlegung ergibt sich jedoch keinesfalls, dass die SNB auch bei anderen Aufgaben wie insbesondere der Verwaltung des Volksvermögens schalten und walten sollte, wie sie will. In diesen Bereichen sollte die SNB sich wesentlich mehr mit dem Bundesrat und insbesondere mit dem Finanzdepartement absprechen müssen, als dies bisher der Fall ist.
Die SNB sagt immer wieder, dass sie ohne Devisenreserven keine vernünftige Geldpolitik betreiben könne.
Dass ist Unsinn. Die amerikanische Federal Reserve hält nicht einen Rappen Devisen. Die amerikanischen Devisenreserven werden einzig und allein von dem US-Treasury – also dem Finanzdepartement – gehalten. Wenn eine solche Lösung in den USA seit Jahrzehnten gut funktioniert, ist es nur schwer nachzuvollziehen, warum in der Schweiz eine auf Preisstabilität ausgerichtete Geldpolitik nur dann möglich sein kann, wenn die SNB auf gigantischen Devisenreserven sitzt. Die Zinsen und die Inflation steuert man primär über die Geldmenge. Die Devisenreserven spielen dabei so gut wie keine Rolle.
Wozu dienen dann die hohen Devisenreserven?
Die Devisenreserven der SNB sind Volksvermögen. Sie sind dadurch zustande gekommen, dass die SNB über Jahrzehnte hinweg ihre Gewinne nicht an Bund und Kantone ausgeschüttet hat. Sie hat so Eigenmittel angehäuft, die in Europa einzigartig sind. Es ist also sehr naheliegend, dass die Institutionen, deren Vermögen hier im Endeffekt verwaltet wird, bei der Anlagepolitik auch ein wichtiges Wort mitzureden haben.
Sie meinen also, die Schweiz könnte gut auch ohne hohe Devisenreserven leben?
Ohne jeden Zweifel. Ökonomen, die der SNB nahestehen, argumentieren zwar immer, die Devisenreserven seien wichtig für die Stabilität des Frankens, und würden es erlauben, im Krisenfall Importe zu finanzieren.
Überzeugen diese Argumente?
Beide Argumente sind sehr fadenscheinig: Die Stabilität des Schweizer Frankes ergibt sich primär aus der Tatsache, dass die Schweizer Staatsfinanzen gesund sind. Das hat gerade die Frankenstärke der letzten Jahre wieder eindrücklich gezeigt. Und da die Schweiz Jahr für Jahr erheblich Zahlungsbilanzüberschüsse einfährt und gigantische Auslandsvermögen angehäuft hat, muss man sich auch um die Finanzierung der Importe keine Sorgen machen.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 28.04.2011, 19:39 Uhr
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5 Kommentare
Endlich jemand, der es wagt, die Struktur der SNB und vor allem die Interventionen der letzten Jahre kritisch zu beleuchten. Für mich ist schleierhaft, weshalb unter dem Titel "Unabhängigkeit" die SNB schalten und walten kann, 25 Milliarden Franken "Buchverluste" produzieren darf, und niemandem Rechenschaft ablegen muss.So n.b. waren die seinerzeitigen UBS Verluste nicht auch "Buchverluste"??? Antworten
Für diese klaren Antworten und den Durchblick von Herrn Thomas von Ungern-Sternberg gebührt ihm höchstes Lob und Anerkennung, ich hoffe er wird zukünftig von der SNB als Berater beigezogen, bevor unser Volks-vermögen ganz in der Versenkung verschwunden ist. Antworten
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