Wirtschaft
Die Menschen sind dumm
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 02.08.2011 178 Kommentare
Hatten wenig zu lachen: US-Bürger in der Grossen Depression in den 30er-Jahren.
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Die Zwischenkriegszeit ist so etwas wie das dunkle Mittelalter der Ökonomie. Der unselige Friedensvertrag von Versailles, die unlösbare Verschuldung der einzelnen Staaten, die fruchtlosen Konferenzen zur Lösung eben dieser Schuldenprobleme, die herbeigewürgte Wiedereinführung des Goldstandards, Protektionismus, Sparwahn und absichtliches Abwerten der Währung – all dies führte letztlich zum Kollaps der Weltwirtschaft und schuf die Voraussetzung für das Blutbad des Zweiten Weltkrieges.
Nie mehr werde man diese Fehler wiederholen, schworen die Ökonomen und Politiker nach dem Krieg, und sie hielten tatsächlich Wort. Anstatt wie in Versailles einen von Rache durchtränkten Vergeltungsplan zu verabschieden, legten die Siegermächte schon vor Kriegsende mit den Verträgen von Bretton Woods ein Fundament für eine internationale Finanzordnung. Mit dem Marshallplan verhalfen die Amerikaner Europa zu einem raschen Wiederaufbau und schufen damit die Voraussetzungen für den Aufbau einer friedlichen und prosperierenden EU. Unabhängige Notenbanken und eine vernünftige Nachfragepolitik sorgten dafür, dass die Konjunkturzyklen zwar nicht vermieden werden konnten. Doch weder Arbeitslosigkeit noch Inflation gerieten je derart aus der Kontrolle, dass eine Wiederholung des Debakels der Dreissigerjahre befürchtet werden musste.
Simple Logik
Jetzt ist die Weltwirtschaft wieder auf Kurs in den Abgrund. Die Lehren der Dreissigerjahre sind vergessen. Die USA haben nach einem wochenlangen Politschmierentheater einen Schuldenkompromiss verabschiedet, der direkt aus der Depressionszeit stammen könnte. Dieser Kompromiss «wird eine bereits angeschlagene Wirtschaft noch weiter schwächen», klagt der Nobelpreisträger Paul Krugman. «Er wird das langfristige Defizit wahrscheinlich noch verschlimmern; und am wichtigsten: Er zeigt, dass nackte Erpressung politisch möglich geworden ist, und wird so Amerika auf den Weg in eine Bananenrepublik führen.»
Die Logik hinter dem Kompromiss ist simpel: Sparen und tiefe Steuern. Auf diese Weise mag eine tüchtige Hausfrau oder ein verantwortungsbewusster Familienvater seinen privaten Haushalt sanieren, mit einer Volkswirtschaft gelingt es höchstens in Ausnahmefällen, bei Kleinstaaten mit grossem Exportanteil beispielsweise. Bei grossen Staaten hingegen hatte dieses Rezept noch nie Erfolg und wird es auch nie haben. Der Grund liegt auf der Hand: Der Staat muss die Nachfragelücke füllen, die entsteht, wenn private Haushalte nicht mehr konsumieren und Unternehmen nicht mehr investieren, sonst schmiert die Wirtschaft ab. Das bedeutet: Die Steuereinnahmen sinken, die Sozialkosten steigen, und die Gesamtverschuldung nimmt zu.
Hoover hätte das nicht besser hingekriegt
Wie das Beispiel Grossbritannien zeigt, gilt das heute noch genauso wie in den Dreissigerjahren. Die Sparpolitik der konservativ-liberalen Regierung ist ein Desaster, die Insel befindet sich in der Stagflationsfalle (kaum Wachstum bei hoher Inflation). So kommt das jüngste Zeugnis des IWF zum Schluss, dass die industriellen Aktivitäten de facto zum Stillstand gekommen sind. Das britische Bruttoinlandprodukt (BIP) liegt nach wie vor vier Prozent unter Vor-Krisen-Niveau, Aussichten auf eine Besserung gibt es nicht.
Alles deutet darauf hin, dass die amerikanische Wirtschaft auf exakt das gleiche Schicksal hinsteuert. Die industriellen Aktivitäten sind im Juli rückläufig gewesen, die Arbeitslosigkeit steigt, ebenso die Inflation. Die Notenbank kann die Zinsen nicht mehr weiter senken, und der Staat wird gezwungen zu sparen, anstatt die Wirtschaft anzukurbeln. Herbert Hoover, der Präsident, der die USA in die Depression geführt hat, hätte das nicht besser hingekriegt.
Die wichtige Brücke nach nirgendwo
Dabei hätten die USA die Möglichkeit, es diesmal besser zu machen. Das Land muss seine zerfallende Infrastruktur erneuern, wenn es wettbewerbsfähig bleiben will. Die Vereinigten Staaten investieren nur halb so viel wie Europa in Strassen, Brücken, Eisenbahnen, und Flughäfen. 2,4 Prozent des BIP anstatt 5 Prozent. Gemäss einer Rangliste des WEF befinden sich die USA auf Platz 23, was die Qualität der Infrastruktur betrifft. Bis zum Jahr 2020 gehen ihr deshalb rund 900'000 Jobs verloren.
Der Bedarf nach Investitionen in die Infrastruktur ist offensichtlich. Trotzdem geschieht nichts. Man wolle keine Brücken nach nirgendwo bauen, lautet das Standardargument dagegen. Mag sein. Doch eine Brücke, die eine Milliarde Dollar kostet, schafft 18'000 dringend benötigte Arbeitsplätze – selbst eine Brücke nach nirgendwo. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.08.2011, 12:06 Uhr
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178 Kommentare
Die Tea-Party-Drohungen erinnern ein wenig an Superreiche wie Alfred Schindler, der letztes Jahr drohte, bei einer Annahme der Steuerinitiative auszuwandern. Auch er war erfolgreich, die Steuerinitiative wurde vom Volk abgelehnt, zu Gunsten der wirklich Reichen. Dieses Beispiel ist natürlich überhöht und vergleicht Äpfekl mit Birnen, zeigt aber, dass wir Schweizer sooo anders nicht ticken... Antworten
Es gibt jede Menge Reiche und noch viel mehr arme Leute in den USA. Solange gewisse Politiker meinen, den Reichen immer noch mehr Geschenke nachwerfen zu müssen, statt sie endlich gemäss ihrer Stärke Steuern zahlen zu lassen, solange wird die Weltwirtschaft auf den nächsten grossen Knall hinsteuern. Leider gibt es nicht nur in den USA zu viele dumme Politiker, ohne ökonomischen Sachverstand. Antworten
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