Wirtschaft
«Die Nationalbank ist in einem Dilemma»
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 16.03.2010
Am Dienstag frühmorgens um 6 Uhr hat die Schweizerische Nationalbank SNB (SNBN 1095 1.96%) die ungebremste Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro gestoppt. Mit einer Intervention – Käufen von Euro – hat sie den Preis der Einheitswährung von 1.4628 Franken auf 1.4682 Franken gehievt. Seither ist der Eingriff wieder vollends verpufft. Am Donnerstagnachmittag hat der Franken die alte Stärke sogar noch übertroffen. Das Muster ist nicht einmalig. Die SNB hat den Franken in den letzten Wochen laut Marktbeobachtern schon einige Male zu schwächen versucht, bisher immer ohne anhaltenden Erfolg.
Der Grund für die Frankenstärke liegt in Europa. In der Krise um die griechischen Staatsfinanzen zeichnet sich keine Lösung ab, das drückt auf den Euro, der auch gegenüber dem Dollar immer mehr an Wert verliert. Der Schweizer Franken hat traditionell die Rolle eines sicheren Hafens.
Wahl zwischen zwei Risiken
Auf den ersten Blick gesehen, kann die Nationalbank den Franken immer schwächen, sie kann die eigene Währung schliesslich per Knopfdruck schaffen, mit der sie die Euros aufkauft. Doch die dadurch wachsende Geldmenge könnte die Inflation anheizen. Von den Daten her zeigen sich hier noch keine Gefahren. Gemäss der letzten Messung für den Januar haben die Preise im Vergleich zum Vorjahr nur um 1 Prozent zugelegt, im Vergleich zum Vormonat sind sie sogar um 0,1 Prozent zurückgegangen. Doch der Geldmengenzuwachs von heute führt erst mit einiger Verspätung zu einem Preisauftrieb.
«Die Nationalbank ist in einem Dilemma», sagt Thomas Flury, Leiter des Fremdwährungs-Research bei der UBS. «Sie muss sich entscheiden, ob sie sich mehr vor einer Deflation oder einer Inflation sorgen soll». Von einer Deflation spricht man, wenn das Preisniveau anhaltend sinkt. Dadurch steigen die Realzinsen, und die Last der Schulden. Auch die Konsumenten halten sich zurück, weil das Geld in ihrem Geldbeutel immer mehr Wert hat. Aus all diesen Gründen brechen auch die Investitionen ein. Kurz: Eine schwere Krise, der die Nationalbank kaum mehr etwas entgegenhalten könnte, wäre die Folge, weil die Zinsen nicht unter Null fallen können.
Neue Daten erschweren den Job
Mit der Sorge vor einer Deflation hat die Nationalbank seit dem letzten Frühling ihre Währungsinterventionen verteidigt. Ein schwächerer Schweizer Franken erhöht die Teuerung über die Importpreise. Die Zunahme der Geldmenge im Gefolge der Interventionen war auch erwünscht, weil der Leitzins (der Dreimonatslibor) bei bloss noch 0,25 Prozent liegt.
Nach den neusten Konjunkturdaten aus der Schweiz rücken diese Sorgen jetzt in den Hintergrund: «Verbesserte Wirtschaftsaussichten, wie sie sich jetzt zeigen, hätten in der Vergangenheit eine Straffung der Geldpolitik nahegelegt», sagt Thomas Flury von der UBS. Damit spricht er auf die jüngst gemessenen höheren Einzelhandelsumsätze und Ausrüstungsinvestitionen an. Ein Anziehen der Konjunktur kann in eine steigende Teuerung münden, wenn die Nationalbank die Zügel nicht rechtzeitig anzieht. Weitere Aktionen zur Schwächung des Frankens entsprechen aber einer weiteren Lockerung dieser Zügel.
Devisenreserven sorgen für Nervosität
Ein zweiter Effekt aus den Frankenverkäufen der Nationalbank gegen den Euro ist der Anstieg der Devisenreserven. Seit die Nationalbank im vergangenen März mit den Interventionen zur Schwächung des Frankens begonnen hat, haben sich ihre Devisenreserven schon mehr als verdoppelt. Das ist auf den ersten Blick unproblematisch. Dennoch könnte dieser Umstand laut Thomas Flury die Verantwortlichen bei der SNB nervös machen: «Was soll sie mit diesen Reserven tun? Hier befindet sich die SNB in bisher unbekannten Sphären.»
Klarheit zur Politik der Nationalbank erwartet der Währungsfachmann nicht vor dem 11. März. Erst dann gibt sie wieder ihre «Geldpolitische Lagebeurteilung» bekannt. Sorgt sie sich dann mehr vor einer Inflation als vor einer Deflation, dann dürfte sie mit Interventionen an den Devisenmärkten zurückhaltender werden. Ein teurer Franken hat schliesslich denselben Effekt wie eine Erhöhung der Leitzinsen. Importgüter werden billiger, und das dämpft die Teuerung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.03.2010, 14:39 Uhr
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