Die Plünderung Irlands – ein Stück in 7 Akten

Erst war es der grösste Bankrott Irlands. Jetzt ist es der grösste Skandal. Die Telefonate von Managern der Anglo Irish Bank zeigen, mit welchen Tricks die Banker den Staat erpressten, belogen und fast ruinierten.

Bevor der Vorhang fiel: Passanten vor einer Filiale der Anglo Irish Bank in Dublin, September 2010.

Bevor der Vorhang fiel: Passanten vor einer Filiale der Anglo Irish Bank in Dublin, September 2010. Bild: Cathal McNaughton/Reuters

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Der Zusammenbruch der Anglo Irish Bank war die grösste Firmenpleite Irlands. Er kostete die irischen Steuerzahler mehr als 30 Milliarden Euro. Damit verantwortete die Bank fast die Hälfte der Kosten des Bankenkollapses 2008. Seitdem taumelt das Land von Krise zu Krise: Ein Sparprogramm folgt dem nächsten.

Dazu verlor der irische Staat seine Souveränität. 2010 musste er ein Hilfspaket von 67 Milliarden Euro bei der EU annehmen. Nun diktieren die Gläubiger das Budget. Seit Anfang Woche veröffentlicht der «Irish Independent» stückweise die Gespräche der Irish-Anglo-Manager aus den Krisentagen. Aufgenommen wurden sie von der automatischen Telefonmittschnittanlage der Bank. Schon jetzt gelten sie als der grösste Skandal, den Irland gesehen hat. Denn sie zeigen, wie eine Handvoll Banker ihren Staat belügen, erpressen und über den Tisch ziehen. Der Ruin eines Landes wird zum Kammerspiel.

Das folgende Stück besteht aus einer leicht gekürzten Variante der Tapes. Die drei handelnden Personen sind:

  • John Bowe: Vizechef der Buchhaltung, eigentlich dritte Führungsebene, wächst in der Krise. Er wird zum Unterhändler der Bank mit den Behörden.
  • Peter Fitzgerald: Freund von Bowe, Chef der Abteilung für Privathypotheken
  • David Drumm: Der CEO. Sohn eines Lastwagenfahrers. Entschied sich trotz Universitätsstipendium für eine Buchhalterlehre, um in den Finanzsektor zu gehen. Steigerte in seinen zwei Jahren als Anglo-CEO den Gewinn um 100 Prozent. Wird von seinen Untergebenen «Drummer» oder «der Drummer» genannt.

Arbeitsort ist die Anglo Irish Bank, genannt Anglo. Ursprünglich eine winzige Geschäftsbank, wurde sie von Sean Fitzpatrick in die aggressivste Hypothekenbank Irlands umgebaut. In den zehn Jahren vor dem Crash wuchsen die Hypothekenbücher von 3 auf 73 Milliarden Euro. Die Quartalsprofite stiegen im irischen Bauboom 22-mal in Folge. Dadurch wurde die Bank das Vorzeigeunternehmen des «keltischen Tigers», ihr Vorsitzender Fitzpatrick der einflussreichste Manager – und Golfpartner des irischen Premiers Brian Cowen. Im Januar 2008 wurde Anglo auf einer am World Economic Forum in Davos publizierten Rangliste zur «besten Bank der Welt» ernannt. Elf Monate später machte sie mit 17,7 Milliarden Euro den höchsten Jahresverlust der irischen Wirtschaftsgeschichte.

1. Akt: Zentralbank

Donnerstag, 18. September 2008. Drei Tage zuvor ging Lehman Brothers pleite. Die Interbankenkredite frieren ein; die Immobilienpreise fallen. Damit steht die Anglo über Nacht vor dem Bankrott. Als erstes Institut in Irland ersucht sie um Staatshilfe. Die beiden Direktoren John Bowe und Peter Fitzgerald unterhalten sich über die Verhandlungen:

B: Oh Jesus ...
F: Sag schon ...
B: Spass und Spiele, wirklich! Wir waren bei der Aufsicht. Hab ich dir erzählt, dass wir gestern bei der Aufsicht waren?
F: Hast du. Gestern.
B: Wir waren gestern dort, und, kurz gesagt, wir haben es ihnen direkt zwischen die Augen gegeben. Und dann brach das Chaos aus: «Nein ... nein ... bitte nicht ... Himmel, ihr wollt also von uns ... das ist ja ... Worauf wir ihnen sagten ...
F: In der Zentralbank?
B: Ja. Wir sagten ihnen: ‹Schaut her, wir brauchen 7 Milliarden Euro. Dafür geben wir euch unser Kreditportfolio.› Dann schoben wir ihnen einen Vertragsentwurf hin und sagten: ‹Das ist, was wir brauchen.› Das hat alle ziemlich kalt geduscht.
F: Ja.
B: Und sie sagten: ‹Warum braucht ihr so viel ... was ist los ... oh Jesus ... oh ... oh ...› Kurz: Wir hatten ihre Aufmerksamkeit.
F: Die 7 Milliarden Euro – ist das ein befristeter Kredit?
B: Ein 7-Milliarden-Euro-Überbrückungskredit.
F: Ja.
B: Also ... es ist ein 7-Milliarden-Kredit zur Überbrückung, bis wir die Summe zurückzahlen können – was nie stattfinden wird.
Beide lachen herzlich.
F: (lachend) Und das steht da drin? Im Vertrag?
B: (lachend) Sicher!
F: Also unter der Klausel ‹Rückzahlung› schreiben wir: Nein! (lacht) Nein, nein, nein ... leider nein ... (lacht) Und was sagte die Gegenseite dazu: ‹Wir müssen jetzt unsere Unterwäsche wechseln?› B: (lachend) Sie sagten etwa das hier: ‹Jesus! Das ist eine Menge Kohle ... Jesus, Hölle und Gott! Wisst ihr eigentlich, dass die Zentralbank nur 14 Milliarden Investments offen hat – und mit euch wären es 20? Wie zum Teufel können wir das verantworten? Wir müssten ... Jesus! Ihr verlangt da, dass wir mit unseren Vorschriften Pingpong spielen ...› Und wir antworteten ihnen: ‹Ja.› Dann sagten wir: ‹Schaut: Falls wir Ärger bekommen, haben wir mehr als 100'000 irische Anleger, die alle ziemlich laut werden dürften.› Und dann sagte ich: ‹Und glaubt nicht, dass die anderen irischen Banken uns retten werden. Aber die Zentralbank kann das. Und sie sollte gleich noch einmal gleich genau so viel für die anderen Hypothekenbanken reservieren. Das sind die Fakten.› Damit hatte ich ihre ganze Aufmerksamkeit, und sie holten Pat Neary. Neary kam und sagte (kopiert Nearys langsame, väterliche Stimme): ‹Aber Jungs! Kommt mal her. Ihr habt doch sicher Vermögenswerte, gute Vermögenswerte, die ihr einsetzen könnt? Gibt es bei euch denn nichts, was Wert hat?› F: Ja, ja ...
B: (kopiert weiter Neary) ‹Seht her Jungs, wenn ihr das jetzt durchzieht, dann ist das, was auch immer, dann bereinigt, oder?›
F: Was heisst ‹was auch immer dann bereinigt›?
B: Mit anderen Worten: Die Summe, die wir von der Zentralbank bekommen, löst alle unsere Probleme.
F: Ja, ja, das wird verflucht sicher so passieren ...
B: Das heisst ...
F: Das heisst – vermasselt es nicht!
B: Und kommt nie wieder zurück!
F: Ja, vermasselt es nicht, ja, ja, ja!

2. Akt: Drehbuch

Mit welcher Strategie erhält man einen Staatskredit? Bowe und Fitzgerald unterhalten sich über diese Frage. Und darüber, warum Anglo ausgerechnet 7 Milliarden Euro Überbrückungskredit gefordert hat.

F: Sag mal, wie kamst du auf 7?
B: Ganz einfach. Wie Drummer sagen würde: Ich habe sie mir aus dem Arsch gezogen.
(Gelächter) Nun ... worum es uns ja eigentlich ging, war: Was ist die Summe, die uns über die nächsten sechs Monate bringt?
F: Ja.
B: Zusammengefasst sagten wir der Aufsicht: Schaut, unser Problem ist kurzfristig. Das Problem ist nicht, dass wir bankrott sind. Der Feind heisst Zeit.
F: Genau.
B: Mit anderen Worten: Wir können die Liquidität auf unsere Hypothekendarlehen wieder aufbauen, aber nicht jetzt. Momentan haben wir ein Loch in der Bilanz.
F: Ja ... Bis die Bilanz stabilisiert ist, müssen wir Zeit kaufen.
B: Und die Zahl dazu heisst 7. In Wirklichkeit allerdings brauchen wir mehr.
F: Ja.
B: Aber die Strategie dahinter ist, sie in die Sache hineinzuziehen. Du bringst sie dazu, einen dicken Check zu unterschreiben. Und dann müssen sie dabeibleiben, um ihr Geld zu schützen, nicht?
F: Ja, ja, ja, ja, ja. Sie hängen dann mit ihrer Haut drin – das ist der Schlüssel.
B: Sie haben zu viel investiert. Wenn sie sehen würden ... wenn sie das ganze Desaster auf einmal sehen würden, würden sie vielleicht nachdenken, ob sie eine Wahl haben. Verstehst du? Sie würden vielleicht sagen: Die Kosten für den Steuerzahler sind zu hoch. Nun ... Aber wenn die Summe am Anfang nicht zu hoch aussieht, zwar hoch genug, um ernsthaft zu sein, aber nicht hoch genug, dass alles in die Luft fliegt ...
F: Ja, ja.
B: ... dann haben wir eine Chance. So lässt sich das Ding durchwürgen.
F: Was glaubst du, wie geht die Sache aus?
B: Was ich glaube? Ich weiss es nicht. Ich weiss es wirklich nicht. Ich glaube, wir sind nicht gerade ein attraktiver Kauf für irgendwen.
F: Nein.

3. Akt: Träume

Was bleibt zu hoffen? Bowe und Fitzgerald unterhalten sich über die Karrierechancen im Staatsdienst.

B: Natürlich könnte uns eine Bank übernehmen; aber im Moment stehen alle finanziell schwach da. Glaube ist also, dass wir die Sache loswerden können? Nein, tue ich nicht. Was also könnte passieren? Man könnte also die Firma aufbrechen und die Hypothekenbündel einzeln verkaufen. Oder es folgt Verstaatlichung.
F: Verstaatlichung. Das wäre fantastisch! Wir würden alle unsere Jobs behalten.
B: Ja, das wäre fantastisch, nicht?
F: Ja ... wir würden Staatsdiener!
B: Hm – im Grund sind wir das ja auch.
F: So ist es, ja, so ist es!
B: Ist es!
F: Sag mal, sind sie (die Zentralbanker) eigentlich besorgt, was in der Wallstreet passiert?
B: Ja, das sind sie.
F: Sagten sie was dazu?
B: Eigentlich haben vor allem wir geredet. Und sie nur zugehört. Wir haben nicht gerade viele ‹Oohs› und ‹Aahs› aus ihnen herausgekriegt.
F: Ausser: ‹Wir beobachten die Situation genau.›
B: Yep.
F: Okay. Aber was jetzt? Was tun wir – abwarten?
B: Wir müssen durch einen Prozess durch.
F: Ja.
B: Na ja, wir haben den ersten Zug gemacht und unseren Kredit verlangt, aber bis jetzt ohne Handschlag. Aber ich denke, sie haben Interesse, uns etwas zu geben, und sie werden das Kreditpaket zusammenstellen.
F: Ja.
B: Es gibt noch eine zweite Serie von Sitzungen; der Drummer wird wahrscheinlich übers Wochenende mit den Ministern zusammensitzen.
F: Dann ist jetzt alles in den Händen der Götter, oder?
B: So ist es. Aber mach dir keine Sorgen, Peter. Ich kümmere mich auch noch darum. (Gelächter)
F: Und ich lasse hier eine Art Anrufbeantworter laufen: ‹Entschuldigen Sie, ich werde Sie in einer Minute zurückrufen.› (Lachen) B: Okay, du musst wieder zu deinem Lunch zurück ...
F: Ja, da wartet noch ein Merlot auf mich.

4. Akt: Führung

Wie erklärt man eine solche Lage seinen Untergebenen? Ein kleines Seminar für Krisenkommunikation.

F: Leadership! Du musst den Leuten jetzt Leadership zeigen!
B: Heilige Scheisse. Gut, ich werde den Leuten sagen: ‹Okay, wir müssen unseren Weg gehen, macht euch keine Sorgen, die Bank hat genug Cash. Und wir arbeiten mit den höchsten Stellen der Bankenaufsicht zusammen – also kein Problem!›
F: Genau. (Lacht) Dann kannst du dir den Rest des Tages freinehmen.
B: Ich weiss nicht. Du oder sonst wer solltest mit den Jungs in London sprechen.
F: Aber was soll ich ihnen sagen?
B: Die Botschaft ist: ‹Haltet den Kopf oben, alles wird gut, es ist eine Scheisswelt da draussen, jede Bank muss gerade durch einen Albtaum.› F: Oder wie Drummer zu mir sagte: ‹Keine Sorge, wir werden noch eine lange Zeit im Geschäft sein ...›
B: ... und dann war plötzlich das Telefon tot. (Gelächter)

5. Akt: Druck

Die Situation in der Anglo Bank verschlimmert sich von Tag zu Tag. Täglich fliesst eine Milliarde Euro an Geldern ab. Der Unterhändler John Bowe und der CEO David Drumm unterhalten sich über den Ernst der Lage.

D: Wie gehts?
B: Grossartig. Und selber?
D: Ein weiterer Tag kommt, eine weitere Milliarde geht.
B: Ja. Wie einer unserer Freunde sagen würde: ‹Ein toller Tag. Elektroschock im Handelsraum! Jeder Schwanz stand hoch! Fantastisch!›(Gelächter)
D: Oh, haben wir gerade eine Milliarde verloren?
B: Ein toller Tag, aber wir haben eine Milliarde weniger. Ich denke, es war ein weiterer schrecklicher Tag, aber perverserweise fühlte er sich weit besser an, als er war.
D: Das zeigt, dass alles nur Kopfsache ist. Wir sind jetzt wieder im Angriff. Das ist der Unterschied: Die Stimmung ist besser, unser Echo auch, wir haben das Momentum.
B: Haben wir.
D: Also, was ist der Schlachtplan für morgen?
B: Ich schick dir ein Papier. Aber es ist noch unklar, was das Thema ist. Werden über uns reden oder ...
D: Keine Ahnung. Wir werden hingehen und dort die ganze verdammte Schiessbude treffen.
B: Ja.
D: Dann habe ich gehört: Im Finanzdepartement findet heute Abend eine grosse Sitzung statt. Mit Krethi und Plethi. Ich denke, sie werden darüber nachdenken müssen, was verdammt noch mal sie eigentlich tun. Auf der Basis, dass sie nicht noch eine Woche mit Herumalbern verbringen können. Deshalb – das ist meine verrückte Vorhersage – werden wir an unserem Meeting endlich ans Ziel kommen.
B: Yep.
D: Aber ich könnte bitter enttäuscht werden. Und es wird wieder nur eine bürokratische Nirgendwohinsitzung. Aber das lasse ich nicht zu.
B: Nein.
D: Ich werde auf die Tube drücken. Wir werden mit hochgekrempelten Ärmeln hingehen. Ich werde sehr klar sein.
B: Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir uns erklären.
D: Nein. Das läuft ohne Erklärungen. ‹Wo ist unser Check?› Das wird meine erste Frage sein. Haben wir eigentlich die Liste mit unseren Sicherheiten fertig?
B: Nun, wir haben ... wir haben nie entschieden, was wir ihnen überhaupt anbieten. Die Aufstellung der Hypotheken ist kein Problem, auch nicht, wer uns noch was schuldet ... und wir haben noch 2,5 Milliarden, die nicht der EZB gehören ...
D: Eine Liste wäre wirklich hilfreich.
B: Okay.
D: Also stell den Krempel zusammen, damit wir uns morgen nicht blamieren. Ein paar Seiten, ein paar Kopien. Dann sagen wir: ‹Das ist, was ihr an Sicherheiten kriegt. Und eure Buchprüfer wissen, dass wir bei übler finanzieller Gesundheit sind. Wir haben offensichtlich ein Liquiditätsproblem. Also könnten wir das Geld bis Montag haben? Denn dann brauchen wir es vielleicht.›
B: Ja.
D: Wir brauchen es tatsächlich.
B: Nun, die Dinge liegen so: Wir verlieren etwas langsamer als im Worst-Case-Szenario. Was natürlich nicht heisst, dass alles gut ist. Sondern nur, dass wir nicht nächste Woche tot sind, sondern übernächste.
D: Ja, die Privathypotheken erholen sich. Wir haben das Momentum.
B: Aber die Businesshypotheken fallen und fallen ...
D: Irgendwann gibt es auch dort einen Boden.
B: Ja. Die Blutung wird langsamer. Was aber nur heisst, dass sich der Zeitpunkt des Todes verschiebt. Erst, wenn wir frisches Geld bekommen, können wir wieder über das reden, was man Leben nennt.

6. Akt: Erklärung

Eine der Fragen der Regulierer war: Wie kam es, dass bei der Anglo Bank Milliarden Verluste aufliefen? Die Antwort von CEO John Drumm:

D: Dann sagen wir ihnen: ‹Ja, weil Krise herrscht, weil die Halifax Bank of Scotland scheissverkauft wurde und Lehman pleiteging und die Scheissbank of America das Scheisshaus Merrill Lynch übernahm und andere nicht normale Scheissdinge passierten, ihr Ärsche!›
B: Hahahaha. Ich weiss.
D: Mach dich nicht über mich lustig.
B: Wir können damit nicht alles erklären.
D: Dieses Uralt-Konzept von ‹Wir sind das einzige verschissene Haus in Westirland, das ein trockenes Dach hat› – scheiss drauf! Du fährst viel besser, wenn du sagen kannst: ‹Es war widerlich – aber wir haben uns gut geschlagen.›
B: Klar. (lacht)

7. Akt: Rettung

Am 30. September beschloss die irische Regierung unter Premier Brian Cowen, sämtliche Bankschulden unlimitiert zu übernehmen. Der Blankocheck ruinierte nicht nur die irischen Staatsfinanzen (die Staatsschulden explodierten in drei Jahren von 24 auf 109 Prozent des BIP). Sondern führten auch zu Ärger in Europa. Man fürchtete dort, dass «die Bankgarantie missbraucht» würde. Man sah Cowens Garantie als Trick, dass nun deutsche und britische Banken ihre Gelder nun im sicheren Irland parkieren würden. Die irische Bankaufsicht dagegen fürchtete genau das Gegenteil: dass Irland durch diese Gelder aufgekauft würde. Die Verantwortlichen der Anglo Bank waren hingegen erfreut. Hier das Gespräch zwischen John Bowe und David Drumm vom 3. Oktober:

D: John.
B: Heja.
D: Wie läufts?
B: Grossartig. Wir machen hübsche Fortschritte.
D: Ah, du missbrauchst also die Bankengarantie? Und Deutschland muss zu viel zahlen? Das hört man jetzt überall. Scheisslächerlich.
B: (singt) Deutschland, Deutschland uuuuhber allllles! (Gelächter.)
D: Ich hatte heut morgen XX (ein hoher Beamter da – man hätte das Gespräch aufnehmen sollen, so verflucht blöde war es.
B: Mich hat er auch angerufen.
D (macht XX nach): ‹Es ist so schrecklich, was gerade passiert. Die Scheissdeutschen haben uns jetzt in der Hand, David.› Und dann sagte er: ‹Hast du irgendwie verdächtige Gelder gesehen, die bei uns angelegt wurden?› Und ich sagte: ‹Ich weiss nicht, wovon du redest.› Und er: ‹Du weiss schon, Zweijahresgeld.› Und ich: ‹Hä?› Und er: ‹Weisst du, wir müssen vorsichtig sein, wer uns jetzt aufkauft.› Und ich: ‹Klingt nach: Fürchte die Fremden, die Geschenke bringen.› Und er: ‹Genau! Genau!› Und ich: ‹Man erobert uns, indem man uns Geld gibt? Dann habe ich nichts dagegen, erobert zu werden!›
B: Was er meint, ist, dass die englischen Banken uns unter Kontrolle bringen, indem sie Geld fliessen lassen und dann sagen: ‹Wer zahlt, befiehlt.›
D: Scheisse, na und? Wir nehmen die Kohle.
B: Ja.
D: Streck die Hand aus! (lacht) Ich sprach mit dem Kerl dann über Northern Rock. Und sagte: ‹Schau, die Briten haben das Ganze in ihre verfickte Flagge gewickelt und die ganzen faulen Konten übernommen – und wo war unser verfluchter Finanzminister, als wir ihn brauchten?› Und er: ‹Ich weiss, ich weiss, ich spüre Druck von allen Seiten, David.›
B: (lacht)
D: Also spielte ich mit ihm ein bisschen das Oh-Jesus-wir-wollen-dich-überhaupt-nicht-unter-Druck-setzen-wir-tun-einfach-das-Beste-was-wir-können-Spielchen. Ich sagte: ‹Wir werden nichts Krasses tun, wir brauchen einfach das Geld.› Ein Scheissflohzirkus. B: Ich sage ihnen: ‹Jungs, seid smart, seid nicht dumm, rückt mit der Kohle raus, aber pumpt sie nicht in aller Öffentlichkeit rüber, sodass niemand euch dabei sieht.›
D: Yep.
B: Wir brauchen einfach mehr Liquidität.
D: Korrekt.
B: Ja.
D: Spiel einfach weiter das Kindermädchen.
B: Wie steht es mit ... aber ich hab dich unterbrochen.
D: Wir brauchen mehr Kohle. Das ist meine Botschaft. Treib das Scheissgeld auf. Treib es auf!
B: (lacht) Mach ich.

Epilog

Im Dezember 2008 traten Präsident Fitzpatrick und CEO Drumm zurück. Fitzpatrick mit den Worten: «Anglos Problem war die globale Krise. Deshalb kann ich beim besten Willen nicht ‹Entschuldigung› sagen.» Kurz zuvor war bekannt geworden, dass Fitzpatrick, Drumm und andere Manager von Anglo riesige Kredite erhalten hatten, um damit Anglo-Aktien zu kaufen. Als Anglo diese Kredite (Fritzpatrick 87, Drumm 8 Millionen Euro) zurückverlangte, erklärten beide Manager Privatbankrott. Sie hatten das Vermögen längst den Ehefrauen überschrieben. Seither laufen Prozesse.

Die Träume von Fitzgerald und Bowe hingegen wurden wahr. Der irische Staat übernahm Anglo Ende Januar 2009: Als Staatsdiener machten beide Karriere: Fitzgerald wurde in der neuen Bank Kommunikationschef, Bowe Direktor der Entwicklungsabteilung. Ihr Job endete, als die Bank im Februar 2011 liquidiert wurde.

Ebenfalls im Februar 2011 wurde die Regierung Cowen haushoch abgewählt. Die neue Regierung unter Enda Kenny setzte Cowens Sparkurs fort. Deshalb feierten die Austeritätsökonomen Europas Irland als Musterschüler. Renten, Spitäler, Polizei, Universitäten, Ämter wurden zusammengestrichen. Periodisch meldeten Wirtschaftsblätter, dass Irland nun wieder auf den Beinen sei.

Letzten Donnerstag war die zweitmeistgelesene Wirtschaftsnachricht auf der Website des «Irish Independent» hinter den Anglo-Tapes die Meldung: «Irland fällt in die Rezession zurück.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.06.2013, 06:22 Uhr)

Audio

«Inside Anglo»: Auf der Website des «Irish Independent» kann man die geheimen Aufnahmen aus der Anglo Irish Bank anhören.

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