Die Rezession ist offiziell zu Ende, doch die Krise geht erst los
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 01.12.2009
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Die aktuellen Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco zeigen: Die Rezession ist vorbei. 0,3 Prozent ist das Bruttoinlandprodukt im letzten Quartal gegenüber dem Vorquartal gewachsen. Gleichzeitig spricht der Seco-Chefökonom Aymo Brunetti davon, dass sich die Lage weiterhin wie eine Rezession anfühle. Da stellt sich die Frage, was die offizielle Rezessionsdefinition überhaupt Wert ist.
Die Antwort ist einfach: Nicht viel! Die Europäer und die Schweizer haben die technische Definition der Amerikaner übernommen, nach der mindestens zwei aufeinanderfolgende Quartale mit einem schrumpfenden Bruttoinlandprodukt BIP als Rezession bezeichnet werden. Diese Definition kann den Leidensgrad in einer Volkswirtschaft aber nur schlecht ausdrücken. Ein Land, dessen BIP zum Beispiel in einem Quartal um 2 Prozent abstürzt, um dann während zwei weiteren um 0,1 Prozent zu wachsen, ist bedeutend schlechter dran als ein anderes, das im ersten Quartal noch zwei Prozent wächst, dann aber während zwei Quartalen einen BIP-Rückgang von 0,1 Prozent verzeichnet. Dennoch erfüllt nur das zweite Land die technische Rezessionsbedingung.
Die Wirtschaft bleibt weiter zu wenig ausgelastet
Noch wichtiger: Die «technische» Rezessionsdefinition sagt nichts darüber aus, wie gut das Potenzial einer Volkswirtschaft ausgelastet ist. Jenes der Schweizer Wirtschaft wächst nach Schätzungen von Ökonomen wegen dem Bevölkerungswachstum und Produktivitätsfortschritten jährlich um 1,5 bis 2 Prozent. Wenn das Bruttoinlandprodukt weniger wächst, liegen Kapazitäten brach, weil es an einer genügend grossen Nachfrage von Konsumenten, Unternehmen und durch das Ausland fehlt. Dieser so genannte «Output-Gap» nimmt gemäss dem neuen Wirtschaftsausblick der OECD in der Schweiz für die nächsten zwei Jahre noch zu.
Die schlimmste Folge davon ist eine zunehmende Arbeitslosigkeit. Um den Ausfall durch die Krise wettzumachen und um wieder eine Vollbeschäftigung zu erreichen, ist daher ein höheres Wachstum des Bruttoinlandprodukts als 0,3 Prozent pro Quartal nötig. Die Konjunkturprognostiker rechnen für das nächste Jahr mehrheitlich noch nicht einmal mit einem fortgesetzten Wachstum auf diesem Niveau. Annualisiert entspricht das Quartalswachstum von 0,3 Prozent 1,2 Prozent. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH, Kof, erwartet für das nächste Jahr dagegen bloss ein Wachstum von 0,1 Prozent. Das Seco rechnet mit 0,4 Prozent. Optimistischer sind die Grossbanken: Die Credit Suisse rechnet mit einer Zunahme von 0,6 Prozent, die UBS sogar mit 1,7 Prozent.
Die Arbeitslosigkeit steigt weiter und bleibt hoch
Entsprechend dramatisch sind die Erwartungen zur weiteren Arbeitslosigkeit. Seit Sommer 2008 ist die Quote bereits von 2,3 Prozent auf 4 Prozent im Oktober angestiegen. Laut allen erwähnten Prognosen, wird die Arbeitslosenrate im nächsten Jahr durchschnittlich sogar noch mindestens ein Prozent höher liegen und selbst 2011 auf diesem Niveau verharren.
Das könnte die bisher wichtigste Stütze der Schweizer Konjunktur doch noch zum Einsturz bringen: den Konsum. Die Leute haben sich bisher von der Weltwirtschaftskrise überraschend wenig in ihrem Einkaufsverhalten beeindrucken lassen. In jedem der letzten Quartale hat der Privatkonsum weiter zugelegt, wenn auch auf geringem Niveau. Die steigende Arbeitslosigkeit wird dieses Niveau nach den Erwartungen der Prognostiker noch weiter hinunterdrücken, auf ein minimales Wachstum von rund 0,3 Prozent.
Milderung für die Exportwirtschaft
Kein ähnliches Ungemach wie in der jüngsten Vergangenheit droht immerhin aus dem Ausland. Denn die Schweiz hat die Krise von da importiert. Im laufenden Jahr brachen die Exporte im Vergleich zu 2008 schätzungsweise um rund 10 Prozent ein. Kein Wunder ist die Wertschöpfung der Industrie sogar im dritten Quartal noch rückläufig. Verantwortlich ist vor allem der scharfe Einbruch in der ersten Jahreshälfte. Im dritten Quartal haben jetzt die Exporte erstmals seit Mitte 2008 wieder zugelegt. Auch im nächsten Jahr sollen sie weiter wachsen. Doch gehen auch hier die Schätzungen weit auseinander. Das Kof rechnet lediglich mit einer Zunahme von 0,1 Prozent, die besonders optimistische UBS mit 5,8 Prozent. Im Vergleich zu vergangenen Boomjahren und angesichts der vergangenen Einbrüche sind das jedoch bescheidene Zuwachsraten.
Bleibende Auswirkungen wird die Weltwirtschaftskrise schliesslich auf die Investitionen in der Schweiz haben, einem weiteren Konjunkturpfeiler. Alle Prognosen gehen von einem Rückgang der Ausrüstungsinvestitionen aus. Auch der Bau, der sich bisher gut gehalten hat, wird gemäss den Prognostikern ab dem nächsten Jahr leiden. Einziger Trost bleiben angesichts dieser Daten die Teuerungsdaten. Der Preisdruck wird gemäss allen Prognosen tief bleiben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.12.2009, 15:11 Uhr
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