Wirtschaft
«Die Schweiz gehört zu den Gewinnern»
Von Angela Barandun und Robert Mayer. Aktualisiert am 01.09.2009 3 Kommentare
Artikel zum Thema
- «UBS hat eingesehen, dass man so nicht miteinander umgehen kann»
- «Der Aufschwung kommt frühestens 2010»
- Redeverbot für den ehemaligen Chefökonomen der UBS
Ein freier Mann
Ab heute kann Klaus Wellershoff wieder tun und lassen, was er will. Am 31. August endete sein Vertrag mit der UBS. Zwölf Jahre lang stand der 45-jährige als Chefökonom der Grossbank in der Öffentlichkeit und machte in dieser Funktion immer wieder durch pointierte Aussagen auf sich aufmerksam. In den letzten Monaten fiel vor allem das Gekeife zwischen ihm und seinem früheren Arbeitgeber auf: Die UBS erteilte Wellershoff nach dessen Abgang zeitweise ein Rede- und Auftrittsverbot, das Wellershoff seinerseits mit scharfen Worten kritisierte.
Per 1. September nun legt Wellershoff mit seiner eigenen Firma los.
Herr Wellershoff, Sie stechen heute unternehmerisch in See. Sind Sie bereit?
Ein interessantes Bild. Ich war ja bei der Marine, bin sogar erblich vorbelastet: Meine Ahnen mütterlicherseits waren Seefahrer und Walfänger.
Als Abenteurer sind Sie also bestens für Widrigkeiten gerüstet?
Ich fand unruhiges Wetter immer schön. Die tollsten Tage erlebte ich im Golf von Biscaya bei Windstärke 11 und 12. Ein richtiger Sturm. Ausserdem habe ich mich bei der Marine mit Navigation beschäftigt. Heute mache ich im Grunde nichts anderes: Standort bestimmen, Kurs festsetzen, ab und zu Gegensteuer geben; zwischendurch das Wetter beobachten und Logbuch schreiben. Die Meerjungfrau über dem Sitzungstisch passt also ganz gut.
Ist die Krise ein Vor- oder Nachteil für den Unternehmensstart?
Viele Unternehmen haben durch die Krise gelernt, dass der Erfolg nicht nur vom eigenen Vermögen abhängt, sondern von volkswirtschaftlichen Risiken – etwa der Immobilienpreisentwicklung auf der anderen Seite der Welt. Der Verwaltungsrat eines internationalen Konzerns muss heute dafür sorgen, dass solche Risiken berücksichtigt werden. Sonst wird er seiner Verantwortung nicht gerecht. Das macht die Krise zu einem guten Zeitpunkt. Allerdings will im Moment niemand Geld ausgeben. Das ist schlecht.
Macht Sie die Selbständigkeit nervös?
Als Unternehmer braucht man eine gewisse Selbstüberschätzung. Und die habe ich. Ich weiss, was ich kann, und ich bin überzeugt, dass ich dieses Können am Markt verkaufen kann.
Womit genau wollen Sie Geld verdienen?
Wir wollen Unternehmen mit Hilfe unseres makroökonomischen Instrumentariums zu besseren Entscheiden verhelfen. Wir liefern Antworten auf Fragen wie: Wie schnell wächst ein bestimmter Markt? Wie entwickeln sich Inflation, Zinsen oder Wechselkurse? Wir sind auch gut darin, Frühwarnsysteme zu entwickeln.
Wer ist wir?
Ich hoffe, dass wir im nächsten Quartal fünf Partner sein werden, alles Fachexperten. Wenn alles gut geht, wird einer Philosoph sein und ein anderer Mathematiker.
Sie stehen mit Ihrem Angebot in Konkurrenz zu Banken und anderen Schweizer Konjunkturforschungsinstituten. Was hebt Sie ab?
Die Banken haben in den letzten Jahren massiv gespart bei der volkswirtschaftlichen Analyse. Sie veröffentlichen heute kaum noch systematische Länderberichte. Und wenn sind sie so kurz, dass sie für Geschäftszwecke unbrauchbar sind. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH, Bak Basel Economics und ähnliche Institute wenden sich mit ihren Dienstleistungen vor allem an die öffentliche Hand.
Gibt es auch inhaltliche Unterschiede?
Dank unserer unabhängigen Position können wir auf jene Themen fokussieren, zu denen wir wirklich etwas sagen können. Bei der UBS habe ich immer wieder darum gebeten, keine Wechselkursprognosen mehr veröffentlichen zu müssen. Der Grund: Auf einen bestimmten Zeitpunkt hin sind diese gar nicht möglich. Man spiegelt ein Wissen vor, dass man gar nicht hat.
Die Banken haben bei der Konjunkturforschung gespart, es gab Uneinigkeit bei den Wechselkursen – sind das Gründe, für Ihren Abgang bei der UBS?
Nein. Ich bin 12 Jahre lang Chefökonom gewesen. Irgendwann ist einfach genug.
Sie haben sich in der Vergangenheit kritisch über die UBS geäussert. Etwa, dass die Bank nicht auf Warnungen reagiert hat.
Das habe ich nicht gesagt. Darauf haben vielleicht andere hingewiesen.
Gehörten Sie zu den frühen Warnern?
Ich bin in meinem Fach ständig mit Leuten konfrontiert, die im Nachhinein sagen, sie hätten es besser gewusst. Dazu möchte ich nicht gehören – egal wie es gewesen ist.
Im Zuge der Krise wuchs die Kritik an Wirtschaftsprognosen. Was halten Sie davon?
Diese Diskussion ist für uns gut. Viele Dinge sind schwer oder gar nicht prognostizierbar. Trotzdem kann die Ökonomie gute Hinweise geben – etwa beim Wechselkurs. Wir wissen etwa, wann eine Währung teuer oder billig ist, und dass die Anpassung an den normalen Wert in der Regel innert zwei bis drei Jahren erfolgt. Für Unternehmen ist dieses Wissen relevanter, als eine schlechte Prognose des Dollar/Frankenkurses vom 31. Dezember.
Glauben Sie, dass man in schwierigen Zeiten auf Prognosen verzichten sollte?
Wenn man Prognosen macht, muss man sicherstellen, dass die Empfänger wissen, wie etwas gemeint ist. Man darf die Zuhörer nicht mit scheinbar genauen Angaben aufs Glatteis locken.
Werden Sie regelmässig Wachstumsprognosen veröffentlichen?
Das Schöne ist, dass das Wachstum relativ einfach zu prognostizieren ist.
Die Konjunkturprognosen lagen in den letzten zwei Jahren teils dramatisch daneben.
Es kommt darauf an, woher die Prognosen stammen. Ich bin skeptisch, wenn die öffentliche Hand in der aktuellen Situation positive Konjunkturprognosen veröffentlicht. Regierungen, Nationalbanken oder öffentlich finanzierte Konjunkturforschungsinstitute haben ein Interesse daran, die Lage besser darzustellen, als sie ist.
Der überraschend starke Anstieg des KOF-Konjunkturbarometers hat Hoffnungen geweckt, die Schweizer Wirtschaft könnte schneller als erwartet – vielleicht noch dieses Jahr – aus der Rezession herausfinden. Ist diese Zuversicht berechtigt?
Die Konjunkturdaten etlicher Länder – nicht nur der Schweiz – zeigen, dass die Wachstumsraten nicht mehr so negativ oder schon dicht an der Nulllinie sind. In einigen Fällen weisen sie sogar wieder positive Vorzeichen auf. Der Rückgang der Wirtschaftsaktivität ist also zunächst einmal gestoppt. Jede weitere Interpretation halte ich im Moment für gefährlich.
Das hört sich wenig zuversichtlich an.
Wir haben immer noch eine Situation, in der die Auftragslage praktisch in der gesamten Industrie kritisch ist. Ferner ist die Stimmung bei Konsumenten und Unternehmen überdurchschnittlich schlecht. Da braucht es nicht viel, damit die nächsten Quartale wieder schlechtere Wachstumszahlen aufweisen.
Wird die Rezession in der Schweiz somit noch eine Weile andauern?
Das ist auch eine Definitionsfrage. Für gewöhnlich werden Rezessionen anhand der Wachstumsraten bestimmt – aber ist das für die wirtschaftliche Realität entscheidend? Wenn ein Unternehmen beim Auftragseingang ein Minus von 20 Prozent verzeichnet und dann über einen längeren Zeitraum hinweg auf diesem tiefen Niveau verharrt, sind Entlassungen kaum noch abzuwenden. Vor diesem Problem stehen viele Betriebe. Wenn also die Arbeitslosigkeit in den nächsten Monaten noch deutlich steigen wird und wir gleichzeitig das Ende der Rezession verkünden, grenzt das für mich an Zynismus.
Wie wird sich die Konjunktur hierzulande in den nächsten beiden Jahren entwickeln?
Wir wissen vermutlich mehr über die Welt nach der Krise, als wir wahrhaben wollen. Was die Schweiz betrifft, werden die Finanzdienstleister zwar aus der Krise herauskommen, aber in Zukunft nicht mit den früheren Wachstumsraten unterwegs sein. Wir dürfen ferner mit einer gewissen weltwirtschaftlichen Erholung rechnen. Aber auch hier werden die Bäume nicht in den Himmel wachsen, weil der ganz grosse Käufer auf der Welt – die USA – in den nächsten Jahren eine geringere Dynamik aufweisen wird. Drittens wissen wir, dass die Staatsdefizite in den nächsten Jahren reduziert werden müssen. Das führt zu negativen Wachstumsimpulsen. All dies spricht dafür, dass wir eine wirtschaftliche Erholung sehen werden – auch in der Schweiz –, dass danach die Wachstumsraten über mehrere Jahre aber eher gedrückt bleiben werden.
Steht die Schweiz dann besser oder schlechter da als andere Länder?
Sie darf sich zu den Gewinnern zählen, kurzfristig wie auch langfristig. Zum einen ist der Wirtschaftsstandort – von der Zuwanderung von Personen bis zu jener von Unternehmen – attraktiv geblieben. Zum andern hat die Schweiz viele der Krisen auslösenden Faktoren nicht in dem Masse erlebt wie andere Länder. Wir haben keine Übertreibungen auf dem Immobilienmarkt, die uns belasten könnten. Und die Fiskalpolitik hat äusserst vorsichtig auf die Finanz- und Konjunkturkrise reagiert, so dass wir auch bezüglich Defizit und Schulden besser dastehen.
Und dies trotz unserer starken Exponiertheit im Finanzsektor?
Die Banken müssen zurückbuchstabieren, kein Zweifel. Waren sie bislang eine ausgeprägte Wachstumsbranche, werden sie jetzt wieder auf Normalmass zurückgestutzt. Das kostet uns, volkswirtschaftlich betrachtet, 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte an Wachstum. Aber dies wird die Schweiz sicher nicht ins Malaise führen.
In welchen Regionen werden die künftigen Wachstumsraten noch stärker sinken?
Am meisten Sorgen bereiten mir die USA, deren Wirtschaft vor der Krise jährlich um 3,5 bis 4 Prozent gewachsen ist. In Zukunft wird sie wohl nur noch zwischen 2,5 und 3 Prozent zulegen. Wenn die weltgrösste Volkswirtschaft eine solche strukturelle Wachstumseinbusse erleidet, dann wiegt das schon schwer. Aber es gibt auch Schwellenländer, die Anlass zur Besorgnis geben.
An welche denken Sie?
Vor allem an China. Die meisten Leute nehmen noch immer nicht zur Kenntnis, dass das Land das Wachstumstempo, mit dem es lange Zeit unterwegs gewesen ist, nicht auf Dauer halten kann. Auch für China muss man also mit deutlich tieferen Wachstumsraten in den kommenden Jahren rechnen. Wenn man bisher von 10 Prozent und mehr ausgegangen ist, wird man künftig besser mit 6 bis 7 Prozent oder weniger rechnen.
Sind die Inflationsängste vieler Investoren vor diesem weltwirtschaftlichen Hintergrund für Sie nachvollziehbar?
Dass uns die Inflationsraten schon im nächsten Jahr aus dem Ruder laufen, halte ich für schwer vorstellbar. Für die weitere Zukunft müssen uns aber drei Faktoren sehr besorgt stimmen.
Welche sind das?
Zum einen ist das Finanzsystem mit Liquidität vollgepumpt. Ob die Notenbanken dieses Geld rechtzeitig abschöpfen können, erscheint mir zweifelhaft. Sehen sie sich doch sogleich dem Vorwurf ausgesetzt, sie würden den Aufschwung abwürgen. Der zweite Faktor sind die enormen Staatsschulden. Wir befinden uns in der verrückten Situation, dass die öffentliche Hand ein Interesse an mehr Inflation hat, um so die reale Schuldenlast abzutragen. Und das Dritte ist, dass wir uns vielleicht in falscher Sicherheit wiegen, was unsere Überkapazitäten betrifft.
Was folgern Sie daraus?
Wenn es stimmt, dass wir übertrieben und Dinge produziert haben, die sich nicht als nachhaltig erweisen, dann wird ein Grossteil der jetzt frei gewordenen Kapazitäten nie wieder beschäftigt werden. Das heisst, die Kapazitätsgrenzen werden im Aufschwung schneller erreicht, als unsere Modelle dies uns nahelegen. Entsprechend grösser ist die Gefahr von Überhitzungserscheinungen in den Volkswirtschaften.
Sind die Investoren also gut beraten, wenn Sie mittelfristig von einem Inflationsszenario ausgehen?
Nach 25 Jahren mit fallenden Inflations- und Zinsraten werden wir jetzt wirklich den Tiefpunkt beim Zyklus erreicht haben – und in den nächsten Jahren deutlich steigende Teuerungsraten sehen. Solange die Krise anhält, wird sich das nicht manifestieren. Aber dann wirds relativ schnell gehen – schneller als die Menschen vermutlich denken.
Mit Klaus Wellershoff sprachen Angela Barandun und Robert Mayer
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.09.2009, 07:16 Uhr
Kommentar schreiben
3 Kommentare
Irgendwie tut es nach all den Polemiken und Besserwissereien mal gut, wieder eine sachliche und ausgewogene Stellungnahme von einem wirklich kompetenten Mann zu hören. Patentrezepte gibt es nicht, das wird durch die Aussagen von Herrn Wellershof klar. Aber gerade diese Sachlichkeit macht Mut, dass man die Probleme, seien sie auch noch so komplex, in den Griff bekommt. Antworten
Klaus Wellershoff wünsche ich einen guten Start mit seiner Firma und viel Erfolg. Seine qualifizierten, ruhigen Statements als Cheföconom der UBS fand ich immer sehr gut. Ausserdem ist er - wie ich - Modellbahnliebhaber und alleine das zeichnet ihn schon aus. Antworten
Wirtschaft
- 20:38Novartis-Präsident Vasella kritisiert die Einwanderungspolitik
- 16:29Swisscom-Chef: «Den Meisten sind Roaming-Gebühren egal»
- 13:17So günstig zum Eigenheim wie nie
- 22:09Bund prüft Abschottung des Schweizer Kapitalmarkts
- 12:15Das sind die demokratischsten Firmen der Schweiz
- 10:16UBS verliert bis zu 30 Millionen Dollar bei Facebook-Börsengang
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.



