«Die Steuerhinterzieher bekommen nun Angst»

Nicolas Shaxson hat mit «Schatzinseln» einen Bestseller über Steueroasen geschrieben. Der in Zürich lebende Brite sagt, was die Folgen von Offshore-Leaks sind und warum das Recherchieren in dieser Sache gefährlich ist.

Vermögen werden weltweit da hingebracht, wo möglichst tiefe oder gar keine Steuern anfallen: Mann mit Koffer unterwegs.

Vermögen werden weltweit da hingebracht, wo möglichst tiefe oder gar keine Steuern anfallen: Mann mit Koffer unterwegs. Bild: Keystone

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Herr Shaxson, eine gigantische Flut neuer Dokumente zeigt die Machenschaften von Steueroasen und Steuerhinterziehern. Sind Sie überrascht?
Wer sich bisher mit diesem Thema befasst hat – und da gehöre ich dazu – für den ist das natürlich nicht überraschend. Trotzdem bin ich hocherfreut, dass nun so viel «Wahrheit» ans Licht kommt. Das wird das grösste Verdienst dieser Zusammenarbeit zwischen den vielen Redaktionen und Journalisten sein, dass anhand von konkreten Beispielen die unerwünschten und oft illegalen Machenschaften der Öffentlichkeit gezeigt werden. Die Sache bekommt nun Fleisch am Knochen.

Wir hören seit Jahren über Steueroasen und Steuertricks. Was ist denn jetzt wirklich neu?
Was mit diesen Dokumenten erstmals klar gezeigt wird, ist die wichtige Rolle, welche Grossbritannien in diesem System von Steueroasen wirklich spielt. Man muss es klar sagen: Grossbritannien und seine Jungferninseln sind sicher der bedeutendste Faktor in diesem Netz von Steuervermeidungsmöglichkeiten. Die britische Regierung hat sich bisher geweigert, hier aufzuräumen. Man sagte, alles sei legal. Jetzt sehen wir, dass das nicht zutrifft.

Was fällt noch auf?
In dieser Klarheit wird erstmals auch die zentrale Rolle der asiatischen Finanzplätze Hongkong und Singapur im Zusammenhang mit Steuerfluchtgeldern aufgezeigt. Diese schienen bisher immun gegen internationalen Druck. Sie liessen verlauten, sie seien sauber. Jetzt sehen wir, da liegt einiges im Argen. Die internationale Gemeinschaft sollte den Fokus darauf legen. Wenn klar wird, was nicht korrekt ablief, dann sollen die schuldigen Behörden angeprangert werden.

Wie sieht es aus mit der Schweiz?
Die Schweiz gehört zum System dazu. Wir sehen dieses Beispiel des Parlamentspräsidenten der Mongolei, der via Schweiz Geld versteckte. Das zeigt, dass die Schweiz und ihre Weissgeldstrategie mitnichten dem entsprechen, was vorgegeben wird. Man hört immer vom Schweizer Finanzplatz, es würden keine Schwarzgelder mehr angenommen. Die Banken sagen, sie seien sich bewusst, dass Beziehungen zu politisch exponierten Personen Schwierigkeiten mit sich bringen können. Und dann geschieht es trotzdem immer wieder. Ein Grossteil der Weissgeldstrategie ist reine PR.

Was zeigen die Enthüllungen auf?
Es zeigt, dass die internationalen Regeln missachtet werden. Ganz im Gegensatz zu den Beteuerungen aus London, Bern oder Singapur. Ob OECD oder Financial Action Taskforce: Das sind Regeln, die offensichtlich umgangen werden können. Alle sagen, sie seien sauber. Aber das stimmt einfach nicht. Jetzt wird klar, dass es bei den Spielregeln nicht «Anpassungen» braucht, sondern revolutionäre Veränderungen.

Was werden die Folgen der neuen Enthüllungen sein?
Das kann den Umgang und die Debatte rund um die Steuerthematik komplett verändern. Ich bin da sehr optimistisch. Es könnte ein Katalysator für das Engagement der Bürger rund um den Globus werden. Wenn ich sehe, wie sich vor rund vier Jahren noch kaum jemand für die dunklen Machenschaften in diesem Geschäft interessierte, dann ist diese Entwicklung bis heute phänomenal.

Glauben Sie denn, London packt die Sache nun härter an?
Vorerst noch nicht. Zu wichtig ist das System der Steueroasen für den britischen Finanzplatz, für die City. Die anderen Länder und Organisationen der Zivilgesellschaft müssen Druck auf Grossbritannien ausüben. Sie müssen klarmachen, wie sehr Steuerflucht ihren Ländern schadet.

Da steckt doch die halbe Welt drin. Daher hat kaum einer ein Interesse.
Klar gibt es in den USA auch Steueroasen. Aber es gibt in dem Land auch Kräfte, die in die andere Richtung ziehen. Und es gibt Anzeichen, dass sich diese Energie multilateral ausbreitet. Zwar werden die USA Grossbritannien nicht frontal angreifen, dazu ist diese transatlantische Beziehung zu wichtig. Trotzdem können wir von Washington etwas erwarten.

Was wird der Effekt dieser Enthüllungen sein?
Die Leute werden nervös, sie kriegen Angst. Das haben wir bei den Datenlecks in Schweizer Banken gesehen. Die Daten-CDs haben in Deutschland viel Staub aufgewirbelt und dazu geführt, dass sich Tausende selbst angezeigt haben. Diesen Effekt werden wir womöglich bald weltweit sehen.

Sie sind Buchautor und Journalist und haben in Sachen Steueroasen recherchiert. Was bedeutet es, wenn man plötzlich so viel Material zugespielt bekommt?
Da machen sich die Menschen womöglich falsche Vorstellungen. Das ist nicht einfach ein Paradies für einen Journalisten, wie man denken könnte. Es bedeutet vor allem ganz viel Arbeit. Ich habe auch immer wieder Material zugespielt bekommen. Oft konnte ich nichts damit anfangen, weil mir schlicht die Ressourcen fehlten.

Wie das?
Die ganzen Daten müssen ja auf den Wahrheitsgehalt gecheckt werden. Das gelingt oft nicht. Und wenn man mit etwas «rausgeht», publiziert, riskiert man viel. Die britischen Gesetze bezüglich der Haftung dafür, was du als Journalist sagst, sind extrem streng. Man muss sehr hart arbeiten, um nur ein bisschen Information rauszubringen. Als Journalist kannst du schnell dein Haus verlieren, wenn du wegen einer nicht ganz wasserdichten Information angeklagt wirst.

Glauben Sie, es kommt nun in Sachen Offshore-Leaks zu Anklagen?
(Lacht.) Anklagen gegen Zeitungen.

Glauben Sie?
Leute, die Steuern hinterziehen, sind clever und, wenn es sein muss, knallhart. Und sie haben genug Geld. Ich kann mir gut vorstellen, dass Journalisten vor die Richter gezerrt werden. Das kostet nicht viel Geld. Aber natürlich hoffe ich, dass das nicht geschieht. Die Medien müssen einfach vorsichtig sein.

Und Anklagen gegen Steuerflüchtlinge?
Davon können wir ausgehen. In Griechenland zum Beispiel sehen wir jetzt diese über hundert Fälle von Organisationen, die beim Steueramt nicht gemeldet waren. Ich nehme an, die griechischen Behörden werden hier aktiv. Zu befürchten ist einzig, dass am Ende nur die kleinen Fische drankommen, weil die grossen Tiere Beziehungen zur Machtelite im Land unterhalten.

Muss man bei der Steuerflucht eigentlich unterscheiden zwischen legal und illegal?
Das ist es ja, womit die Steueroasen ständig argumentieren. Sie sagen, es sei nichts illegal an ihren Praktiken. In Grossbritannien unterscheiden wir zwischen Steuervermeidung und Steuerhinterziehung. Ersteres ist nicht illegal, Letzteres hingegen schon. Dazwischen liegt eine riesige Grauzone und hier operiert man mit geheimen Systemen. In der angelsächsischen Welt sind das Trusts. So lässt sich gut verbergen, wer hinter den betreffenden Strukturen steckt und wer berechtigt ist. Damit begibt man sich aber auch auf rutschiges Terrain. Die Behörden und die Justiz werden in Zukunft hier noch genauer hinschauen müssen. Ich glaube aber, man muss von diesen spitzfindigen Praktiken sowieso wegkommen. Die normalen Bürger sind einfach daran interessiert, dass auch reiche Leute in ihren Ländern Steuern zahlen. Es wird an den Regierungen liegen, dies durchzusetzen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.04.2013, 14:50 Uhr)

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(Bild: zvg)

Zur Person

Nicolas Shaxson ist Journalist und Buchautor. 2011 veröffentlichte er mit «Treasure Islands» («Schatzinseln») ein Buch über Steueroasen, das zum internationalen Bestseller wurde. Shaxson ist britischer Staatsbürger und lebt in Zürich.

«Schweizer Banken kaum betroffen»

Die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) ist der Ansicht, dass die Schweizer Banken nur am Rande von Offshore-Leaks tangiert seien. Die Schweiz sei nur bei 0,05 Prozent der über 120'000 betroffenen Gesellschaften und Trusts betroffen. Zu Einzelfällen nehme man keine Stellung. Die SBVg gehe davon aus, dass sich die Schweizer Banken an die jeweiligen Gesetze der Länder hielten, in denen sie operierten. Wo Gesetze verletzt worden seien, müssten diese konsequent verfolgt werden. (sda)

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